VII.  Vive Le Cyclisme – die besondere Beziehung zum Radsport

An einem Wochenende im August 2009 ist es vorbei mit der Beschaulichkeit: Auf den Straßen Drenthes wird Flamenco getanzt und in riesigen Pfannen Paella gebacken. Spanische Rhythmen hämmern aus den Lautsprechern, Frauen sehen aus wie Carmen, und die Männer, nun ja, sie tragen Sombrero, der zwar aus Mexiko kommt, aber immerhin wird dort auch spanisch gesprochen. Und um spanisch geht es dieser Tage in Drenthe, der abgelegenen nordöstlichen Provinz der Niederlande.

Zu Gast ist niemand geringeres als die Vuelta a España, die legendäre Spanienrundfahrt der Radprofis, die an diesem Wochenende auf dem Motorsportcircuit in Assen startet. Erst zum zweiten Mal beginnt das nach der Tour de France wichtigste Radportereignis außerhalb Spaniens. Und die Menschen in Drenthe wissen diese Ehre zu würdigen. Allen voran die knapp 200 Bewohner von Witteveen, die ihr Dorf just zu diesem Ereignis in „Turba Blanca“ umgetauft haben.

Weißer Torf. Der Name legt nahe, was böse Zungen ohnehin behaupten: Es war weniger die Begeisterung für den Radsport, der die Provinz ein Wochenende lang in die spanischen Farben gelb und rot tauchte. Vielmehr, so wurde geunkt, gründete die Euphorie darauf, dass in der Peripherie zwischen Groningen und der deutschen Grenze endlich einmal überhaupt etwas los war. Die Liebhaber des Sports sind durchaus zahlreich im Land, doch verbreitet sind die Wielerfanaten eher im Süden, der nicht nur kulinarisch durch die Nähe zu Belgien und Frankreich geprägt ist, sondern auch was die Bedeutung des Radsports betrifft.

Die Topographie hat hier wohl ihre Hand im Spiel: Die Hügelketten Limburgs und Noord-Brabants sind nicht mit den Pyrenäen oder Dolomiten zu vergleichen, eignen sich aber bedeutend besser für einen Zweirad-Parcours als der flache Norden. Nicht umsonst etwa lag der Cauberg bei Valkenburg schon mehrmals auf der Tour de France-Route. Auch das bekannteste Rennen auf niederländischem Boden, das Amstel Gold Race, endet jeden April hier, auf 141 Meter über dem Meeresspiegel. Zuvor muss das Peloton zahlreiche andere Anstiege bezwingen, darunter den gefürchteten Keuterberg mit seiner Neigung von 20 Prozent.[1]

Doch tatsächlich erfreut sich Radrennen auch im Rest der Niederlande großer Beliebtheit. Kein Wunder, schließlich ist das Land berühmt wie kaum ein zweites für das Zweirad als klassenübergreifendes Verkehrsmittel. Ob Müllmann oder Manager, alle legen zahlreiche Wege in den Pedalen zurück. International berühmte Fabrikanten wie Koga Miyata und RIH sind hier zu Hause. Der Sprung aufs Racefiets liegt dadurch auch in der Freizeit nahe. Und zumindest die wichtigen Rennen können sich erheblicher Anteilnahme in den Niederlanden gewiss sein, die belgischen und nordfranzösischen Frühjahrsklassiker[2] etwa, der Giro d´Italia oder natürlich die Tour de France. Orte wie Alpe d´Huez oder Mont Ventoux sind dann auch allgemein geläufig, unabhängig davon, ob niederländische Fahrer an der Spitze mitmischen, so wie in den 1960er Jahren Jan Janssen[3], der 1968 als erster Niederländer die Tour de France gewann, Joop Zoetemelk, der Sieger von 1980[4] oder zuletzt Michael Boogerd.

Vielleicht ist dies auch geographisch bedingt. Mag sein, dass die traditionelle Liebe zu Frankreich als Urlaubsland eine Rolle spielt, und die Tatsache, dass die wichtigste Rundfahrt der Welt just in jenen Wochen stattfindet, in denen hunderttausende Niederländer sich auf den Weg dorthin machen. Viele von ihnen finden sich im Ausruf Vive Le Cyclisme! wieder, mit dem die Wielertijdschrift De Muur ihre bedingungslose Zuneigung bekennt und zum Schluss kommt: „Radsport ist eine gefährliche Liebhaberin – was will man mehr?“[5]

Diese Liebe bekommt in letzter Zeit reichlich Nahrung, denn nach der Vuelta machten auch der Giro d´Italia (Mai 2010, Amsterdam) und wenig später die Tour de France (Juni 2010, Rotterdam) in den Niederlanden Station. Die Großen Drei des Radsports nacheinander zu Gast – ein „bemerkenswerter Coup“, wie nicht nur die Website Cyclingnews konstatierte.[6] Dahinter steht nicht zuletzt der „Olympische Plan“, im Rahmen der Kandidatur für die Sommerspiele von 2028 möglichst viele Großereignisse ins Land zu holen, und über den an dieser Stelle noch zu reden sein wird (Kapitel XII). Freuen dürfte dies im Übrigen die Menschen in Drenthe: Da der Versuch von 2009 auch finanziell als großer Erfolg gilt, soll die Vuelta schon 2015 wieder ins kühle Drenthe kommen.


[1] Cramer, Pieter/Schipper, Huug: De Nederlandse Toppen Top-40. De steilste klimtrajecten op vaderlandse bodem voor fietsfanaten en wielerhelden, Amsterdam 2009, S. 15ff.
[2] „Eigentlich ist Radfahren ein Sport des Frühlings“, heißt es im Vorwort einer Ausgabe der Zeitschrift De Muur, die unter dem Titel „Rock´n´Roll naar Roubaix“ dem Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix gewidmet ist. De Muur Nr. 24 (2009), S. 3. Ein Jahr zuvor widmete man dem Rennen Lüttich-Bastogne-Lüttich eine Hommage: Herman Chevrolet: De lente komt soms laat, in de Ardennen. In De Muur Nr.20 (2008), S. 86ff.
[3] Vgl. Verkamman, Matty/Velthuis, Rob/Woldendorp, Johan et al.: Sporteeuw. 100 jaar Nederlandse topsport, Amsterdam/Antwerpen 2000, S. 150f.
[4] Vgl. Misérus, Mark: Joop Zoetemelk. De tour van ´80, de Tour van Joop, in: Jungmann, Bart et al.: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 305ff.
[5] Die Wielertijdschrift De Muur erscheint seit 2002 und zeichnet sich inhaltlich durch das besonders innige Verhältnis zum Radsport aus. Stilistisch gehört sie durch den literarischen Anspruch der Texte zum Besten, was der niederländische Sportjournalismus zu bieten hat. Die Selbstbeschreibung spricht für sich: In De Muur wird mit goldener Feder über den Radsport geschrieben, von Liebhabern, die mehr sehen wollen als das Endklassement. " Siehe hierzu: www.demuur.nu
[6] www.cyclingnews.com

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011