XII. Olympischer Plan 2028: der nationale Teddybär

Alles begann mit einer Frage. „Auf welche Weise kann eine Untersuchung nach der Machbarkeit der und einer Tragfläche für die Organisation der Olympischen und Paralympischen Spiele in den Niederlanden durchgeführt werden?“ Gestellt wurde sie der „Arbeitsgruppe Olympische und Paralympische Spiele 2028“ bei ihrem ersten Treffen im Jahr 2005. Ein Jahr zuvor hatte das Nationale Olympische Komitee NOC*NSF (Nederlands Olympisch Comitée*Nederlandse Sport Federatie), beflügelt vom guten Abschneiden bei den Spielen von Sydney 2000, das Gremium aus Vertretern von Sport und Politik sowie Wirtschaft und Wissenschaft ins Leben gerufen.

Wäre umständliche Sprache eine olympische Disziplin, niemand hätte noch einen Zweifel, dass das NOC*NSF bereits das höchste Niveau erreicht hat. Just darum geht es im Olympischen Plan, der am Ende dieser Überlegungen stand. Im Frühjahr 2006 verabschiedet, gibt er das Ziel wie folgt vor: Das gesamte Land soll auf „olympisches Niveau“ gebracht werden, um der großen Aufgabe, der Organisation des bedeutendsten Sportereignisses der Welt, gerecht werden zu können. Dazu gehören eine tiefe Verankerung des Sports in der Gesellschaft[1], Spitzenleistungen niederländischer Athleten, Stärkung des Breitensports, Ausrichtung großer internationaler Wettkämpfe und Ausbau der Infrastruktur.[2]

Konkret besteht das Projekt aus vier Phasen: Zunächst einer Untersuchung, ob die Spiele den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Bis 2016 soll dieser bei 75 Prozent liegen. „Sonst müssen wir es gar nicht probieren“, bringt es André Bolhuis, Vorsitzender des NOC*NSF auf den Punkt.[3] Danach sollen in der Aufbauphase bis 2016 Talente gefördert, wichtige Sportereignisse ausgerichtet und die Infrastruktur erweitert werden. 2016 soll dann entschieden werden, ob man tatsächlich eine Kandidatur beim Internationalen Olympischen Komitee einreicht, deren Vorbereitung bis 2021 dauern würde. Ab 2022 ist dann die konkrete „Organisationsphase“ vorgesehen. Nach jeder Phase sollen Entscheidungsträger aus Sport, Politik und Wirtschaft, deren Allianz unter dem Handelsnamen „Olympisches Feuer“ firmiert, dem Übergang in die nächste Phase gesondert zustimmen.[4]

Die Vorsicht, aber auch die demonstrative Transparenz, die hier an den Tag gelegt wird, hat ihren Grund: Eine langfristige Auseinandersetzung mit Bürgerinitiativen und Olympiagegnern, die den hohen Ambitionen so gar nichts abgewinnen können, will man um jeden Preis vermeiden. Nicht, dass sich bislang nennenswerte Proteste formiert hätten. Die ersten Umfragen 2006 und 2007 waren leicht positiv, wenn es auch bis zu der angestrebten Unterstützung von drei Vierteln der Bevölkerung noch ein weiter Weg ist.[5] Neuere Ergebnisse von 2009 berichten, dass die Zahl der Befürworter wächst.[6]

Doch gerade in den Kreisen niederländischer Sportfunktionäre ist die Erinnerung an die Kandidatur Amsterdams für die Sommerspiele 1992, die kontinuierlich von mehreren Aktionskomitees bekämpft wurde, noch frisch.[7] Es ist also kein Wunder, dass das Wort draagvlak, also Tragfläche oder Rückhalt, eine Schlüsselstelle im Olympischen Plan einnimmt. Bolhuis, der ehemalige Kapitän der Hockey-Nationalmannschaft und 1972 in München Träger der niederländischen Fahne, drückt es so aus: „Die Spiele sollen unser nationaler Teddybär werden.“[8]

Allein auf Zurückhaltung ist jedoch kein Vorhaben dieser Dimension aufzubauen. Und so lancierte das NOC*NSF die Kampagne Nederland in de Top 10. Das Land unter den erfolgreichsten Sportnationen der Welt zu etablieren, ist demnach die „ultimative Zielsetzung“.[9] Zugrunde liegt eine Studie gleichen Namens, die die Möglichkeiten analysiert, „strukturell unter den besten Sportländern der Welt“[10] zu sein. Im Vorwort heißt es, der Höhenflug der Olympia-Equipe 2000, die mit Rang 8 erstmals die Top 10 des Medaillenspiegels erreichte, habe als Aperitif gewirkt. Einen wichtigen soziologischen Teil der Analyse liefert niemand geringeres als Johan Cruyff: „Wir brauchen wirklich ein Projekt wie den Olympischen Plan und eine deutliche Zielsetzung – das Erreichen eines Platzes in den Top 10. Aus unserer calvinistischen Einstellung heraus haben wir nämlich die Neigung, diese Art von Ambitionen zu marginalisieren.“[11]

Nicht nur die Frage, ob es überhaupt zur Kandidatur kommt, ist bislang also nicht beantwortet. Auch wo die Spiele stattfinden könnten, steht in den Sternen. Sowohl Amsterdam als Rotterdam ständen zur Verfügung. Die Besiedlungsstruktur der Niederlande und besonders des Ballungsgebiets Randstad legt es allerdings ohnehin nahe, die Wettbewerbe auf eine Vielzahl an Kommunen zu verteilen. Insofern scheint auch eine Variante, in der das ganze Land als Gastgeber auftritt, denkbar.[12]

Noch allerdings treibt selbst Spitzenfunktionäre wie André Bolhuis der Zweifel um. Passt ein solches Projekt „in diese Krisenzeiten mit rückläufigen finanziellen Mitteln, wo alle schnell sagen, lassen wir es lieber?“[13] Die Parlamentswahlen 2010 scheinen ihm Recht zu geben, bei der sich die Sparprogramme der Parteien direkt in Parlamentssitze umrechneten. Inzwischen sind die ersten spürbaren Einschnitte beschlossen. Bedenkt man, dass eine sportliche Gesellschaft möglicherweise weniger Gesundheitskosten verursacht, passen die Olympischen Ambitionen vielleicht just ganz hervorragend in diese Zeit.


[1] Die Sportjournalisten Annema und Jungmann sprechen von einer „vom Sport durchtränkten Gesellschaft“. Annema, Poul/Jungmann, Bart: Olympische Spelen van 2028. Een strijd die het waard is om te verliezen, in: Jungmann, Bart: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 420-427.
[2] Vgl. NOC*NSF: Olympisch Plan 2028, Arnheim 2011, Onlineversion.
[3] Vgl. Annema, Poul/Jungmann, Bart: Olympische Spelen van 2028. Een strijd die het waard is om te verliezen, in: Jungmann, Bart: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 422.
[4] Vgl. www.olympisch-vuur.nl
[5] Vgl. www.tns-nipo.com
[6] Vgl. Bureau Duodecim: Factsheet Draagvlaak Onderzoek Olympische Spelen 2028, Den Haag 2009, Onlineversion.
[7] Vgl. Annema, Poul/Jungmann, Bart: Olympische Spelen van 2028. Een strijd die het waard is om te verliezen, in: Jungmann, Bart: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 423.
[8] Ebd., S. 427.
[9] NOC*NSF: Nederland in de Top 10. Naar een winnend Topsportklimaat, Arnheim 2011, Onlineversion.
[10] Ebd., PDF, S. 3.
[11] Ebd., S.5.
[12] Vgl. Annema, Poul/Jungmann, Bart: Olympische Spelen van 2028. Een strijd die het waard is om te verliezen, in: Jungmann, Bart: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 425.
[13] Ebd., S. 422.

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011