IX. Acht Frauen, acht Männer, zwei Ringe: Korbball ist eine niederländische Domäne

Zwei Dutzend Sporttaschen stehen vor der Wand des Vereinsheims auf dem Boden. Links die grün- schwarzen der Gäste, rechts schließen sich in Blau und Weiß die des Heimteams an. Eine Reihe Zuschauer säumt den schmalen Asphaltstreifen um das Spielfeld, davor sitzen die Ersatzspieler auf einfachen Plastikstühlen. Es ist kein Pfingstturnier, das hier, auf dem Gelände des Amsterdamse Korfbalclub Blauw-Wit, stattfindet, sondern das Halbfinale der Feldmeisterschaft 2011. Zu Gast ist der PKC LukassenBoer aus Papendrecht, und damit steht die Neuauflage des letztjährigen Endspiels an. Die Gäste wollen Revanche. Schnell liegen sie mit 3:0 vorne.

„Das war ein Durchlaufball. Der muss eigentlich sitzen!“ Hanna de Jong, PR-Verantwortliche der Gastgeber, ärgert sich über eine verpasste Chance. Wer Korbball nicht kennt, für den erinnert ein Durchlaufball am ehesten an einen Korbleger. Neulinge machen immer erst den Abgleich mit Basketball, wenn sie zum ersten Mal ein Korbball-Spiel besuchen. Natürlich. Der Ball muss durch den Korb, der eigentlich nur ein gelber Ring ist. Doch dieser hängt in dreieinhalb Metern deutlich höher, zudem steht er frei im Feld und nicht an dessen Grundlinie. Der Ball ähnelt eher einem Fußball, gepasst wird er mit einer Hand. Das Spielfeld ist größer, in jedem Team sind acht statt fünf Spieler. Laufen mit dem Ball ist verboten. Das wichtigste aber ist, dass auf jeder Seite vier Frauen und vier Männer stehen. Korbball ist eine der wenigen Sportarten, die von beiden Geschlechtern zusammen betrieben wird.

„Im direkten Duell spielen immer Männer gegen Männer und Frauen gegen Frauen“, erklärt Hanna de Jong, die selber lange im dritten Team aktiv war. „Das Image, dies sei ein körperloses Spiel, stimmt absolut nicht.“ Die Pressesprecherin spielt seit ihrer Kindheit Korbball. Sie stammt aus dem Norden, wo der Sport genau wie im Osten der Niederlande sehr verbreitet ist. Korbball in seiner eigentlichen, gemischten Form wird seit jeher in protestantischen Regionen gespielt. Im katholischen Süden verstieß dies in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allerdings gegen die Moralvorstellungen. Bis heute hat sich dort ein eigenständiger „Damen-Korbball“ erhalten. Er stellt etwa zehn Prozent der 100.000 Aktiven im Land.[1]

„Natürlich bilden sich in den Teams auch Paare“, weiß Hanna de Jong. Für die Pioniere war dies aber nur ein Nebenaspekt. In der Festschrift zum 50. Geburtstag des Korbballclub Blauw-Wit liest man: „Eine gemischten Gesellschaft bewahrt die Frau [...] vor Verrohung. Die Kaserne ist ein Beispiel von einer zu einseitig männlichen Gesellschaft. Die Umgangsformen in einer gemischten Gesellschaft sind milder und gesitteter. […] Die Korbballwelt hat bewiesen, dass der gemischte Charakter von Korbball mehr bedeutet als eine Chance auf eine Liebschaft, wie alte Gegner zu sagen pflegten.“[2]

Erzieherisch – das war Korbball schon immer. Eingeführt wurde der Sport durch den Amsterdamer Pädagogen Nico Broekhuijsen, der ihn auf einer Studienreise in Schweden entdeckte und modifizierte. Das Spiel schien geeignet, die städtische Jugend, die man durch lose Sitten gefährdet wähnte, auf dem Pfad der Tugend zu halten: Preiswert, da kaum Material nötig, vielfältige Bewegungsabläufe und frische Luft wirken sich auf Fitness und Gesundheit aus, während die anwesenden Mädchen die Jungen disziplinieren.[3] Dies war das Grundkonzept, mit dem Broekhuijsen in der Altersgruppe zwölf bis 16 auf Mission ging. Mit Erfolg: 1903 gründete er den Nederlandse Korfbal Bond, auch Erwachsene begannen zu spielen, und die Mitgliedszahlen schnellten in die Höhe.[4]

Dieser Geist stand auch an der Wiege der Blau-Weißen, die ab 1916 zunächst unter der Abkürzung GOKC firmierten: Geheel Onthouders (Total-Abstinenzler) Korfbal Club.[5] Die Gründer dürften sich im Grabe umdrehen, könnten sie 100 Jahre später einen Blick ins Clubhaus werfen: In der holzgetäfelten Bar, dekoriert mit farbenfrohen Girlanden aus Plastikblumen, wird zu Discokrachern der Neunzigerjahre selbstverständlich Bier gezapft, und während sich einige seiner Spieler in aller Öffentlichkeit nach dem verlorenen Halbfinale eine Zigarette anzünden, trinkt auch Trainer Jan Niebeek nach der Spielanalyse ein Glas Pils.

Die Enttäuschung des Coaches hält sich in Grenzen. Die Feldmeisterschaft, sagt er, ist eine Art Beigabe zur Runde in der Halle. Keine andere Indoor-Sportart zieht in den Niederlanden mehr Zuschauer als Korbball, zum Finale in der Rotterdamer Multifunktionsarena Ahoy kommen 10.000 Zuschauer. Jan Niebeek, 41, ist eine Institution. Er war Nationalspieler, und das bedeutet beinahe automatisch auch Welt- und Europameister, denn von acht WM-Turnieren gewannen die Niederlande sieben, ebenso wie alle vier bisherigen Europameisterschaften. Einzig Belgien, bei den meisten Turnieren Endspielgegner, konnte das Team 1991 einmal besiegen.

Warum die Niederlande so gut sind? „Die Macht der Zahlen“, lacht Jan Niebeek. 100.000 Aktive sind nicht viel im Vergleich zu Hockey oder gar Fußball. Doch sehr wohl im Vergleich zu anderen Ländern. Dann haben wir Vereinsstrukturen, und außerdem beginnen wir sehr früh mit der Sichtung. Woanders passiert das oft erst mit 15.“ Jan Niebeek, der auch schon die Jugendnationalteams trainierte, weiß, wovon er spricht. Im Hauptberuf gibt er Korbballunterricht an städtischen Schulen in Amsterdam. „Wir richten uns auf das Alter von sechs bis acht Jahren.“

Als Trainer verkehrt Jan Niebeek damit in einem bemerkenswerten Spagat: Mit einem Fuß in der Weltspitze, mit dem anderen an der Basis. Und so sieht er auch eine neue Dynamik im Korbball, die die Entwicklung des Landes widerspiegelt. „Eigentlich war Korbball ein ziemlich weißer Sport. Doch das verändert sich.“ Er weist auf das Feld, wo hell- und dunkelhäutige Kinder auf den Ring zielen.
Blauw-Wit ist geblieben, was es immer war. Ein Kiez-Club. Und mit dem multikulturellen Stadtteil Bos en Lommer im Westen Amsterdams verändert sich der Club. Doch auch ganz allgemein hat Korbball, gerade in den Metropolen seit einigen Jahren von Mitgliederschwund bedroht, den Nachwuchs mit Migrationshintergrund als Zielgruppe entdeckt.[6] Auch im 21. Jahrhundert bleibt er damit ein Sport mit pädagogischer Botschaft.


[1] Vgl. Luiten, Hans: Clubgeschiedenis Blauw-Wit. De geschiedenis van een Amsterdamse korfbalclub van 1916 tot 1941, Amsterdam 2000, Onlineversion.
[2] Stam, Jaap: Het verenigingsleven: Blauw Wit. Maatschappelijke vorming door gemengd sporten, in: Jungmann, Bart et al.: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 66–71.
[3] Vgl. Luiten, Hans: Clubgeschiedenis Blauw-Wit. De geschiedenis van een Amsterdamse korfbalclub van 1916 tot 1941, Amsterdam 2000, Onlineversion.
[4] Vgl. ebd.
[5] Stam, Jaap: Het verenigingsleven: Blauw Wit. Maatschappelijke vorming door gemengd sporten, in: Jungmann, Bart et al.: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 69.
[6] Koninklijk Nederlandse Korfbalverbond: Tijd voor Korfbal, Zeist 2010, S. 5; das Magazin ist der gleichnamigen Kampagne gewidmet, an dem zwischen 2006 und 2010 20 Korbballvereine aus dem ganzen Land unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Wohnen, Stadtviertel und Integration beteiligt waren. Tijd voor Korfbal wiederum war Teil eines umfassenden Integrationsprojekts namens Meedoen Allochtone Jeugd Door Sport.

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011