VI.  Elitär? Populär? Familiär! Ein Ausflug in die Hockeywelt

Auf einmal steht da diese orange Wand. Mitten in der Landschaft erhebt sie sich, hinter dem Städtchen, dort, wo der Wald allmählich in die Dünen des Nationalparks Kennemer Land übergeht. Der Besucher reibt sich die Augen, und als sie noch immer da ist, wird klar, dass der Aufruf Erfolg hatte: Die Haupttribüne orange färben, hieß es auf der Website des Hockey Club Bloemendaal, einem der bekanntesten und erfolgreichsten des Landes[1]. Orange und weiß sind seine Farben, und Flagge zeigen soll, wer ihn unterstützen will, im Rückspiel um die Meisterschaft gegen die Dauer- Rivalen aus dem nahen Amsterdam. Die Anhänger rufen, pfeifen und singen, und der Fanclub, der sich nicht ohne Selbstironie Bloemigans nennt, hat eine Flagge aufgehangen. Eine bemerkenswerte Geräuschkulisse – für ein Hockeyspiel.

Sonst ist alles, wie man das kennt. Das Ambiente ist familiär[2], Kinder in Hockeyausrüstung wuseln umher; dass sie ihre Schläger nicht nur zur Schau mitgebracht haben, wird sich noch zeigen. Vor allem aber steht nirgends ein Kassenhäuschen: Wer in den Niederlanden einen Hockey-wedstrijd besuchen will, der braucht kein Ticket. „Das ist die Kultur hier“, sagt Max Spanjer, 27, der mit sechs Jahren mit dem Sport begann. Inzwischen spielt er in der dritten Liga für einen Club in der Hauptstadt, doch nach Bloemendaal ist er gekommen, um seinen Freund anzufeuern. Klaas Veering, der Goalkeeper des Amsterdamsche Hockey & Bandy Club, der auch bei der Nationalmannschaft im Kasten steht. Zusammen arbeiten sie bei der Bank ABN AMRO.

Für Umsonst-Kultur ist Hockey nicht unbedingt bekannt. Ein Sport reicher Leute, dieses Image haftet ihm in den Niederlanden wie auch andernorts an. Mit dem Unterschied, dass er hier besonders populär ist. Und sichtbar, wenn man sich die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen vor Augen ruft, die einem überall in den Städten begegnen können, mit Sporttasche und Schläger auf dem Fahrrad unterwegs zum Training. In den letzten Jahren sind es immer mehr geworden, parallel zu den großen internationalen Erfolgen, WM-Titeln und Olympiasiegen, die sowohl Damen als Herren zuletzt erzielten.

Am Beginn dieser Popularisierung stand die Weltmeisterschaft 1998 im eigenen Land, die mit der Silbermedaille bei den Damen und dem Titel bei den Herren endete. Der Hockeyverband KNHB verfolgte mit der Ausrichtung des Turniers in Utrecht durchaus die Absicht, dem Sport einen Schub zu verpassen[3]. Dass dieser Plan aufging, lag natürlich auch am Titelgewinn. In den zehn Jahren danach sprang die Zahl der Aktiven von 127.000 auf 220.000 an.[4] Im Scheinwerferlicht stehen in den letzten Jahren jedoch eher die Frauen, die 2008 Olympiagold holten. Dass sie ihre Popularität nicht nur den Leistungen verdanken, zeigt sich am Begriff Hockey Babe, der zum allgemeinen Sprachgut geworden ist.

Eine der – männlichen – Koryphäen sitzt derweil auf der Bloemendaler Ersatzbank. Teun de Nooijer, dreimal zum besten Spieler der Welt gewählt, ist verletzt. Er sieht seinen Kollegen zu, die sich an einer Strafecke versuchen, jener Spielsituation, die im Hockey nicht selten zu entscheidenden Toren führt. 1:1 steht es nach zwei schnellen Treffern. Während die orangen Jerseys in Position gehen, springt Torwart Klaas Veering ruckartig aus der Hocke und schwenkt die roten Handschuhe. Sein Freund Max auf der Tribüne feixt. „Das macht er immer, um den Gegner einzuschüchtern“. Dann reihen sich seine Mitspieler um ihn, besprechen, in welcher Anordnung sie aus dem Tor stürmen, sobald der Ball freigegeben ist. Der Schuss kommt. Veering hält ihn. Max Spanjer ballt die Faust. Sein Freund ist in Form heute, das ist nicht zu übersehen. Lekker Klaasie!, tönt es begeistert aus dem Gästefanblock.

In der Halbzeit gehört das Feld den Kindern. Dass hier gleich die Meisterschaft entschieden wird, tut nichts zur Sache. Auch das ist Teil der Hockeykultur. Die Spieler bahnen sich durch die Besucher ihren Weg in die Kabinen, und erst kurz bevor sie wieder das Feld betreten, gelingt es der Stadionsprecherin, den Nachwuchs freundlich vom Feld zu bitten. Das familiäre Element kommt nicht von ungefähr. „Niemand ist ohne Grund hier, jeder hat eine eigene Verbindung zum Hockey“, so Max Spanjer. „Entweder sie sind Freunde oder Familie der Spieler, oder selbst aktiv.“ Ein Blick auf die Hände, die mit zunehmender Spieldauer immer frenetischer klatschen, bestätigt seine Worte: Krusten und Schwellungen, typische Verletzungen auf Handrücken oder Fingern, sind keine Seltenheit.

Ein paar Hände sind es auch, die dieses Finale entscheiden. Sie stecken in klobigen Handschuhen und gehören Klaas Veering. Unüberwindbar wird er in der Verlängerung, was ihm seine Anhänger mit enthusiastischen Lekker, Klaasie-Rufen danken. Danach entschärft er mit geschmeidigen Paraden zwei Siebenmeter der Bloemendaler. Für das Team aus Amsterdam gehen damit sieben magere Jahre ohne Titel zu Ende, sagt Max Spanjer, der nun auf sieben fette hofft. Zunächst aber will er aufs Feld, seinen Kumpel beglückwünschen.


[1] Vgl. Westermann, Marten: Roelant Oltmans. Hockey is mijn leven, Nieuwegein 2005, S. 19ff.
[2] Vgl. Landsmeer, Tynke: Popularisering van het hockey. Een WK met grotere doelstellingen dan alleen goud, zilver of brons, in: Jungmann, Bart et al.: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 395.
[3] Verkamman, Matty/Velthuis, Rob/Woldendorp, Johan et al.: Sporteeuw. 100 jaar Nederlandse topsport, Amsterdam/Antwerpen 2000, S. 233.
[4] Vgl. Landsmeer, Tynke: Popularisering van het hockey. Een WK met grotere doelstellingen dan alleen goud, zilver of brons, in: Jungmann, Bart et al.: De Sportcanon. De sportgeschiedenis van Nederland, Amsterdam 2011, S. 392.

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011