XI. Erfolge und Idole

Koen Breedveld, Direktor des renommierten Mulierinstituut, nennt die Niederlande in Referenz an die Rekordquote an Vereinssportlern den „Europäischen Champion im Breitensport“.[1] Wie aber steht es mit den Erfolgen im Spitzensport? In der Einleitung wurde bereits an die Medaillen bei den letzten Olympischen Spielen erinnert. Auch auf Vereinsebene kennen die Niederlande große internationale Erfolge. Wie werden diese Spitzenleistungen im Land selbst wahrgenommen?

Besonders in den Blick fallen die regelmäßigen Titel, die niederländische Hockeyteams holen. Die Damen des HC ´s-Hertogenbosch gewannen seit 2000 unglaublich erscheinende zwölf Europapokale in Serie. Auch bei den Final Four-Turnieren der Herren sind regelmäßig zwei niederländische Teams vertreten. Aktueller Sieger ist der HGC Wassenaar. Die Nationalteams gewannen bislang sechs (Frauen) beziehungsweise drei (Männer) WM-Titel.

Von vergleichbarem Trophäenregen kann die bekannteste sportliche Visitenkarte des Landes nur träumen. Das oranje elftal, die Fußballnationalmannschaft der Männer, wartet weiter sehnsüchtig auf den zweiten Titel nach dem EM-Sieg 1988. Dass zuletzt bei der WM von 2010 ein unspektakulärer, in seiner Ergebnisorientiertheit fast an die deutschen Rivalen erinnernder Stil gepflegt wurde, führte zu großen Diskussionen. Am Ende blieb die doppelte Enttäuschung: dem totaal voetbal abgeschworen, aber dennoch nur Zweiter.

Gänzlich anders sieht die Lage bei den Clubteams aus. Ähnlich wie in Belgien, Frankreich und mit Abstrichen auch Deutschland sind die Vereine der Eredivisie international nicht mehr auf höchster Ebene konkurrenzfähig. Alle diese Ligen fungieren im arbeitsteiligen System des europäischen Spitzenfußballs inzwischen als Ausbildungsbetriebe für die Marktgrößen Spanien, England und – wiederum mit Einschränkungen – Italien. Ihre Spitzenclubs, einst gefürchtet auf dem Kontinent, sind inzwischen schon zufrieden, wenn sie die nationale Meisterschaft gewinnen.

Dass Ajax Amsterdam 1995 noch einmal die Champions League gewann, dürfte auf lange Zeit eine Ausnahme gewesen sein. Der anschließende Exodus der besten Spieler ist bezeichnend.[2] Der Popularität der Fußballer tut all das wenig Abbruch – es impliziert indes, dass die Oranje-Stars aus anderen Ligen in der Bekanntheit deutlich vor den Kickern aus der Eredivisie rangieren.

Dass Erfolge allein kein Gradmesser sind, davon können all jene Sportler ein Lied singen, deren Disziplinen in den Medien wenig präsent sind: Korbball (siehe IX.), Reiten (X.), oder Judo. Mehr im Einklang befinden sich Titel und Popularität bei Sportarten wie Tennis oder Schwimmen. Der Wimbledonsieger Richard Krajicek stand entsprechend im Licht der Öffentlichkeit, ähnlich wie die Schwimmstars Marleen Veldhuis, Inge de Bruijn oder Pieter van den Hoogenband, allesamt mehrfache Olympiasieger.[3]

Weitaus größer noch ist die Aufmerksamkeit für die zuletzt äußerst erfolgreichen Eisläufer. Seit dem Medaillenregen der Olympischen Spiele von Nagano 1998 sind sie die Verkörperung der Begeisterung für den Kufensport. Marianne Timmer und Gianni Romme, Irene Wüst und Ids Postma, allen verlieh der Glanz ihrer Medaillen Glamour. Die Steigerung dieser Popularität erfuhr der gegenwärtige Superstar Sven Kramer, dessen Drama bei den Olympischen Spielen von 2010 tausende Menschen berührte. Unangefochten auf Kurs zu seinem zweiten Gold, brachte ihm ein Wechselfehler die Disqualifikation und für den Rest der Spiele aus dem Tritt.

Zeitlose Legenden sind in den Niederlanden zudem jene Schlittschuhläufer, die die friesische Elfstedentocht gewinnen konnten, zuletzt Evert van Benthem (1985 und 1986) sowie Henk Angenent (1997). Und dem geneigten Schlittschuhinteressierten gelten diese Namen sicher so viel wie sonst nur Johan Cruyff oder Marco van Basten.


[1] Vgl. WJH Mulierinstituut: Nederland Europees kampioen breedtesport, ´s-Hertogenbosch 2010, Onlineversion.
[2] Vgl. Verkamman, Matty/Velthuis, Rob/Woldendorp, Johan et al.: Sporteeuw. 100 jaar Nederlandse topsport, Amsterdam/Antwerpen 2000, S. 22f. Das Kapitel 1995 ist diesem Triumpf gewidmet. Es trägt den Titel „Die Tragik von Ajax – Erfolg beschleunigt den Verfall".
[3] Vgl. Kuijeren, Jos van/Volkers, John: Zwemmen in goud. Van Marie tot Marleen, een duik in de geschiedenis van de Nederlandse zwemsport, Nieuwegein 2008, S. 253ff, S. 260ff.

Autor:
Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011