X. Eine Dynastie im Schatten – die niederländische Pferdedressur

Erp. Drei Buchstaben, sechstausend Einwohner, und das Zentrum einer Weltmacht. Denn das Dorf in Noord-Brabant ist die Heimat von Anky van Grunsven, dem heimlichsten Superstar des niederländischen Sports. Superstar? Dieses Attribut ist wohl gerechtfertigt, wenn jemand seit zwei Jahrzehnten zum olympischen Podest zu gehören scheint wie die mächtige Servatiuskerk zu Erp. 1992 und 1996 Silber, dann dreimal Gold, 2000, 2004 und 2008. Dreimal kam die Silbermedaille im Mannschaftswettbewerb dazu. 2001 wurde Anky van Grunsven zur „Reiterin des Jahrhunderts“ ernannt. Und heimlich, nun ja, Dressurreiten ist trotz all dieser Erfolge kein Sport, der auf den Titelseiten stattfindet.[1]

Dass er überhaupt wahrgenommen wird in den Niederlanden, geht zu einem großen Teil auf Anky van Grunsven zurück, die an acht der zehn niederländischen Olympiamedaillen beteiligt war. Als ihre eigene Inspirationsquelle wiederum bezeichnet sie Tineke Bartels, die bereits seit den 1980ern Olympionikin ist und an deren Seite sie 1992 ihre erste olympische Medaille gewann.[2] Die Wege sind klein in der übersichtlichen Dressur-Szene der Niederlande.

Gelegentlich überschneidet sie sich mit der im östlichen Nachbarland. Coby van Baalen etwa, die bei der WM 1998 und Olympia 2000 gemeinsam mit Van Grunsven jeweils eine Silbermedaille im Team gewann, wurde deutlich von ihrem langjährigen deutschen Trainer Johan Hinnemann geprägt.[3] Ausdruck dieser grenzüberschreitenden Allianz war in den 1990er Jahren das erfolgreiche Dressurehepaar Rothenberger. Gonnelien, geborene Gordijn, kam aus den Niederlanden, Sven Rothenberger aus Deutschland. Gemeinsam traten sie im niederländischen Dressurteam an – und gewannen 1996 olympisches Silber mit – selbstredend – Anky van Grunsven.

Die meisten Fäden aber laufen noch immer in Erp zusammen. Nicht nur, weil dort ein lebensgroßes Standbild eines braunen Oldenburgers an Bonfire erinnert, auf dem die Matadorin den ersten Olympiasieg des Landes holte. Bonfire ist längst in Pension, ebenso sein Nachfolger, der schwarze Hannoveraner Salinero. Dennoch ist das Dorf auch für die Zukunft des Dressursports nicht ganz unwichtig. Und das wiederum liegt am Anky Education Center, einem Multifunktionskomplex, der Hallen- und Freiluftmanegen mit Ställen, Appartements und Seminarräumen kombiniert.  Die Trainingskapazitäten reichen vom Anfänger- bis Grand-Prix-Niveau. Einige Talente gehören zum festen Personal – damit es für niederländische Dressurreiter auch weiterhin Medaillen regnet.


[1] Vgl. Bureau Duodecim: Populariteitsindex Sport 2010, Den Haag 2010, S. 2, Onlineversion. Reitsport ist demnach nur auf dem 32. Platz des Popularitätsindex. Auf der Aktivenrangliste steht Platz 19 zu Buche, beim Interesse Platz 36.
[2] Vgl. Bartels, Tineke: Basisboek Dressuur. Op stal bij academy Bartels, Zeewolde 2000, S. 12.
[3] Baalen, Coby van/Hinneman, Johan: De eenvoud van de Dressuur, Hilversum 2002. Hinnemanns Einfluss findet sich auch in ihrem gemeinsamen Buch „De eenvoud van de dressuur“, wo sie ihre Philosophie in einer Mischung aus deutschen und niederländischen Begriffen beschreiben.

Autor:
Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011