IV.  Wer, was, wie oft: die Details 

Die Quote sportlicher Betätigung in den Niederlanden ist nicht nur beeindruckend, sie ist auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Emanzipation. Der Wert von 77 Prozent nämlich gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Aufschlussreich sind indes auch die Unterschiede, die ins Auge springen, wenn man die Frage stellt, wer eigentlich welchen Sport ausübt. Dass Menschen mit hohem Bildungsabschluss mehr Sport treiben als solche mit weniger hohem (88 bzw. 69 %), ist im internationalen Vergleich keine Ausnahme.[1] Die Rapportage Sport hält weitere Unterschiede fest: Deutlich weniger Sport treiben demnach „nicht-westliche Ausländer“, die Gruppe der Über-65-jährigen, Menschen mit niedrigem Einkommen und solche mit einer Behinderung.[2] Grund genug, einen näheren Blick auf die Details zu werfen.

Als Grundlage nimmt die Studie die sogenannte Richtlijn Sportdeelname-Onderzoek („RSO-Norm“), die von minimal einer Einheit Sport im Monat ausgeht. Sowohl bei Frauen (von 60 auf 64 %) als auch bei Männern (62 auf 65 %) ist die Quote zwischen 2003 und 2007 leicht gestiegen. Allgemein stieg der Prozentsatz von 61 auf 65 Prozent an. Bei Kindern (86 auf 85 %) und Jugendlichen (80 auf 81 %) ist der Wert nahezu stabil, ebenso in der mittleren Altersgruppe von 35 bis 49 (60 auf 61 %). Deutliche Steigerungen verzeichnen die Gruppe der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 34 (von 65 auf 70 %), der Älteren zwischen 50 und 64 (von 53 auf 60 %) und Rentner zwischen 65 und 79 (von 32 auf 44 %).[3]

Ein deutlicher Zusammenhang besteht zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund und der sportlichen Betätigung. Während im Metier der Hochgebildeten 74 Prozent monatlich Sport treiben, sind das bei den mittleren Abschlüssen 66 Prozent und bei den niedrigen 49 Prozent. Die Einkommensstufen korrespondieren mit diesem Befund: 73 Prozent an Sportlern unter den Gutverdienern stehen 66 Prozent der mittleren und 55 Prozent der niedrigen Einkommensgruppen gegenüber. Dafür nimmt die Zahl derer, welche die RSO-Norm erreichen, in den unteren Einkommens- und Bildungsgruppen schneller zu. Die Beziehung zwischen Sport und Wohnhintergrund bestätigt dieses Ergebnis. Je „besser“ das Viertel, desto mehr bewegen sich seine Bewohner.[4]

Gravierend ist auch der Unterschied zwischen Niederländern und Migranten. Mit 56 Prozent liegt der Grad der Sportteilnahme der Einwanderer elf Prozentpunkte unter dem der „autochthonen“ Bevölkerung.[5] Einen detaillierteren Blick hierauf wirft die Untersuchung Survey Integratie Minderheden (SIM) von 2006.[6] Nur die Hälfte der beteiligten Gruppen treiben demnach einmal monatlich Sport, wobei Türken und Marokkaner mit 44 Prozent deutlich unter Surinamern und Antillianern (56 bzw. 57 %) liegen. Im Gegensatz zur „autochthonen“ Bevölkerung (65 % der Frauen, 62 % der Männer) frönen wesentlich weniger Frauen regelmäßiger Bewegung (43 % gegenüber 57 % der Männer). Türkinnen und Marokkanerinnen liegen wiederum mit 36 beziehungsweise 39 Prozent noch einmal deutlich unterhalb der Surinamerinnen und Antillianerinnen (je 49 %).

Die Wahl der Sportart hängt deutlich mit der Komponente Geschlecht zusammen. Gemeinsam ist Frauen und Männern die Präferenz des Schwimmsports. Dahinter folgen bei den Frauen Aerobic/Fitness, Radsport, Wandern und Joggen, bei den Männern Radsport, Feldfußball, Joggen und wiederum Fitness/Aerobic. Rechnet man Feld- und Hallensportler zusammen, liegt Fußball hier nur unwesentlich hinter Schwimmen auf dem zweiten Platz.[7] Je jünger die Aktiven sind, desto wahrscheinlicher betreiben sie einen Teamsport. Vor allem Fußball, Basketball, Hockey oder Volleyball sind in der Altersgruppe bis 19 Jahren populär. Erst danach erfolgt die Hinwendung zu den bekannten Einzel- oder Duosportarten.[8]

Der Bildungsgrad ist insofern aufschlussreich, als Personen mit niedrigem Schulabschluss deutlich häufiger Vorlieben für Fußball und Motorsport hegen. Bastionen der höher Gebildeten sind dagegen Golf, Squash oder Wassersportarten wie Rudern und Segeln.[9] Sehr ausgeprägt sind die Unterschiede zwischen der sogenannten autochthonen und allochthonen Bevölkerung.[10] Letztere teilen weder die niederländischen Vorlieben für Fahrradsport und Wandern noch können sie Reiten, Schlittschuhlaufen oder Wassersport viel abgewinnen. Anders sieht das mit Fitness/Aerobic aus: Ein Fünftel der Marokkaner, jeder vierte Türke und rund 30 Prozent der Surinamer sind hier aktiv. In Migrantenmilieus ist Teamsport mit 15 Prozent Beteiligung wesentlich populärer als bei den „autochthonen“ Niederländern (10 %). Noch deutlicher ist die Quote beim Fußball: 12 Prozent „Allochthone“ stehen hier lediglich 6 Prozent der „Autochthonen“ gegenüber. Den höchsten Wert erzielen die Marokkaner mit 15 Prozent.[11]

Die Zahl der Niederländer, die am sportlichen Geschehen auf passive Art teilnehmen, liegt seit zwei Jahrzehnten relativ stabil bei etwa einem Drittel der Bevölkerung, wobei das Interesse der Männer mit 40 Prozent deutlich ausgeprägter ist als das der Frauen (28 %). Deutlich zugenommen hat in diesem Zeitraum die Gunst, die dem Publikumssport Nr. 1 entgegen gebracht wird: Statt 9 Prozent (1991) sehen sich heute 13 Prozent Fußballspiele an. Dies resultiert aus einer Zunahme bei sowohl Männern (von 15 auf 20 %) als auch Frauen (von 3 auf 6 %).[12]


[1] Vgl. WJH Mulierinstituut: Sportdeelname, Een crossnationale vergelijking, ´s-Hertogenbosch 2010, Onlineversion. Das Wachstum verläuft dabei in den letzten Jahren zunehmend schneller. 1999 lag die Quote bei 13 %, 2003 bei 17 %.
[2] Vgl. CBS: Rapportage Sport, Den Haag/Heerlen 2008, S.12, Onlineversion.
[3]  Vgl. ebd.: S. 77.
[4] Vgl. ebd.: S. 77, 78. Der Anstieg der hohen Einkommen betrug zwischen 2003 (71 %) und 2007 (73 %) nur 2 Prozent, während die Teilnahme der mittleren Einkommen von 62 Prozent auf 66 Prozent und der unteren von 53 auf 60 Prozent kletterte. In reichen und mittleren Wohnvierteln stieg die Quote von 67 auf 70 Prozent, beziehungsweise 63 auf 66 Prozent, während in den armen Vierteln ein Zuwachs von 53 % auf 60 % zu verzeichnen war.
[5] Vgl. ebd.: S. 78.
[6] Vgl. ebd.: S. 80. Zu bedenken ist, dass sie anders als die hier (Kapitel III) berücksichtigten Erhebungen sich nicht auf die Altersgruppe sechs bis 79, sondern 15 bis 79 bezieht. Demnach liegt der Anteil der ´Sportler´ in der niederländischen Bevölkerung nicht bei 67 %, sondern bei 63 %. Unter „Allochtonen“ also Ausländern im Sinne dessen, was in Deutschland als ´Migrationshintergrund´ bezeichnet wird, werden hier indes nur die sogenannten "nicht- westlichen" verstanden. Unterteilt ist diese Kategorie in Türken, Marokkaner, Antillianer und Surinamer.
[7] Vgl. ebd.: S. 84f.
[8] Vgl. ebd.: S. 85.
[9] Vgl. ebd.: S. 85.
[10] Vgl. ebd.: S. 86. Wie im allgemeinen Sprachgebrauch üblich, bezieht sich auch diese Studie auf „nicht-westliche Allochthone“.
[11] Vgl. ebd.: S. 86.
[12] Vgl. CBS: Actieve en passieve sportparticipatie, personen van 6 jaar en ouder, Den Haag/Heerlen 2011, Onlineversion.

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011