V.  Soziale und gesellschaftspolitische Aspekte

Integration

Das vorangegangene Kapitel zeigt unter anderem einen Befund, der auch aus zahlreichen anderen Ländern bekannt ist: Fußball hat mit weitem Abstand das größte Integrationspotential aller Sportarten. Nicht nur das: Fußball ist längst nicht mehr nur ein Spiegelbild der real existierenden multikulturellen Gesellschaft, so sehr sich die Politik deren Wirklichkeit auch widersetzen mag. In zahlreichen Teams sind die sogenannten Allochthonen inzwischen in der Überzahl. Die niederländische Nationalmannschaft zeugt von diesem Prozess schon seit den 1980er Jahren und war damit – gemeinsam mit England, Frankreich oder Portugal – ein Vorreiter dieser Entwicklung, die inzwischen in ganz Europa zu sehen ist.

Es ist nicht so, dass all dies in den Niederlanden von selbst geschähe. 2004, zum 50-jährigen Jubiläum des Profifußballs im Land, schlossen sich Clubs, Liga und der Dachverband KNVB zur Stichting Meer dan Voetbal (dt. Stiftung mehr als Fußball) zusammen, um gesellschaftliche Projekte seitens der Vereine zu unterstützen.[1] Die Stoßrichtung ist deutlich: „Zusammen leben, zusammen Sport treiben“, so ein Slogan der Stiftung. „Es ist sehr wichtig, dass Menschen mit verschiedenen ethnischen und kulturellen Hintergründen lernen, gut miteinander umzugehen“, so Theo Janssen, gegenwärtig einer der besten Spieler der Eredivisie, der das Projekt unterstützt. „Wir wohnen in einem Land, also muss man zusammen das Beste draus machen.“[2]

Gerade im Fußball ist auf diesem Gebiet durchaus Erfahrung vorhanden – und das nicht erst, seit die Spieler nicht mehr überwiegend blond und blauäugig sind. Die Amateurligen sind seit eh und je getrennt in Samstags- und Sonntagsmeisterschaften. Denn nach wie vor gibt es in den Niederlanden Gegenden, in denen Sport als Störung der Sonntagsruhe angesehen wird.

Auch in anderen Sportarten freilich hat man das Integrationspotential erkannt und entsprechende Initiativen gestartet. Eine der bekanntesten ist die auf fünf Jahre angelegte Kampagne Meedoen Alle Jeugd Door Sport, wobei Alle auch für Allochtonen steht. Neun Sportverbände und elf Gemeinden entschlossen sich 2006, die Kräfte zu bündeln um vor allem (aber nicht nur) Jugendliche mit Migrationshintergrund für den Sport begeistern zu können.[3] Mehr als 500 Sportvereine waren bei dem Projekt beteiligt[4], ebenso wie das Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport. Auf wissenschaftlicher Seite bekam man unter anderem Unterstützung durch das WJH Mulierinstituut.[5]

Mehr Bewegung, weniger Kosten: die Niederlande auf dem Weg zur gesunden Gesellschaft

Dass sich die höchsten Ebenen der Ministerien ausdrücklich dem Sport widmen, ist in den letzten Jahren in den Niederlanden keine Seltenheit. Dafür sorgt schon der Olympische Plan, der auch in diesem Dossier (XII.) noch detailliert vorgestellt werden soll. Ein anderes Beispiel dafür ist die bereits erwähnte RSO-Norm von einer Bewegungseinheit im Monat. Anders als der Name Richtlinie für Sportforschung vermuten lässt, hat dieser Wert nicht nur eine wissenschaftliche Dimension. Urheber der RSO-Norm ist das Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport (VWS), welches fordert, dass 2011 mindestens 65 Prozent der Bevölkerung dieser Vorgabe entsprechen und 38 Prozent Mitglied eines Sportvereins sind. Das Fazit ist bislang durchwachsen: Zwar liegt der Durchschnittswert sportlicher Betätigung im Soll, einzelne Gruppen wie Alte und Menschen mit Behinderung oder chronischer Krankheit liegen mit ihrer Beteiligung jedoch deutlich darunter. Die aktuelle Quote über die Mitgliedschaft in Sportvereinen liegt mit 35 Prozent knapp unterhalb des anvisierten Ziels.[6]

Das VWS-Ministerium startete 2005 auch die Kampagne Tijd voor Sport, die ganz im Geist der Balkenende-Jahre den Untertitel „Bewegen, Mitmachen, Leisten“ trug. Darin enthalten war auch ein „Nationaler Aktionsplan Sport und Bewegung“[7], wozu eine „Allianz von Schulen und Sport“ einen wichtigen Beitrag leisten soll.[8] Integration ist ein Unterteil dieser Kampagne, ebenso sind aber auch die Gesundheitsprävention oder das Einsparen von Pflegekosten Fernziele am Horizont. Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass auch eine Gruppe ins Blickfeld der Forscher rückte, die bislang dort wenig zu suchen hatte: die der Nicht-Sportler. Nur fünf Prozent der Bevölkerung, meist Alte und Kleinkinder, haben noch niemals Sport getrieben. Doch insgesamt 32 Prozent bewegen sich auch in den Jahren dazwischen so gut wie gar nicht.[9] Im Hinblick auf das Klima der Sportbegeisterung, das im Rahmen des Olympischen Plans (siehe XII.) angepeilt wird, sollen diese Skeptiker nun bekehrt werden: mit einer „Charme- Offensive des Sports“.[10]


[1] Vgl. Wieldraaijer, Eimer/Brink, Cors van den/Stevens, Theo: Hinderlijk buitenspel. Sport als motor van integratie, Deventer 2006, S. 48.
[2] Ebd.: S. 52.
[3] Vgl. www.meedoenallejeugddoorsport.nl.
[4] Vgl. KNKV: Tijd voor Korfbal, Zeist 2010, S. 6.Die beteiligten Kommunen waren Amsterdam, Arnheim, Den Haag, Dordrecht, Eindhoven, Enschede, Nimwegen, Rotterdam, Tilburg, Utrecht und Zaanstad. Die Verbände vertraten Base- und Softball, Basketball, Gymnastik, Kraftsport und Fitness, Fußball, Judo, Korbball, Leichtathletik und Schwimmen. : Tijd voor Korfbal, Zeist 2010.
[5]  Für eine Evaluation des Projektes siehe www.mulierinstituut.nl.
[6]  WJH Mulierinstituut: Sportersmonitor 2008, ´s-Hertogenbosch 2008, Onlineversion.
[7]  Ministerie van VWS: Tijd voor Sport. Bewegen, Meedoen, Presteren, Den Haag 2005, S. 28.
[8]  Vgl. ebd.: S. 38ff.
[9]  Vgl. WJH Mulierinstituut: Sportersmonitor 2008, ´s-Hertogenbosch 2008, S. 4, Onlineversion.
[10] Vgl. ebd.: S. 1.

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011