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Joop Zoetemelk

*Rijpwetering, 3. Dezember 1946 – Radrennfahrer

Joop Zoetemelk
Joop Zoetemelk, der erfolgreichste niederländische Radrennfahrer, hier im Jahr 2008, Quelle: Wikimedia Commons

Parijs is nog ver“ (dt. Paris ist noch weit) ist eine seiner bekanntesten Aussagen. Kaum einer konnte das so gut einschätzen wie er. 16 Teilnahmen, bei denen er immer das Ziel erreichte und insgesamt zwölf Mal unter den besten Acht landete, machen ihn bis heute zum Rekordhalter bei der Tour de France.

Hendrik Gerardus Joseph Zoetemelk ist der erfolgreichste Radrennfahrer der Niederlande. Sechs Mal hätte er die Tour de France beinahe gewonnen. Aber eben nur beinahe. Sechs Mal (1970, 1971, 1976, 1978, 1979, 1982) scheiterte der Sohn eines Kartoffelhändlers, der in wohlbehüteten, gut katholischen Verhältnissen nahe der Stadt Leiden aufwuchs, an seinen übermächtigen Dauerkonkurrenten, dem Belgier Eddy Merckx und dem Franzosen Bernard Hinault (jeweils fünf Toursiege). Erst als Letzterer aufgrund einer Knieverletzung die „große Schleife von Frankreich“ abbrechen musste, konnte Zoetemelk, der „ewige Zweite“, dieses härteste aller Rennen 1980 für sich entscheiden. Es war ein sehr bedeutender Sieg in einer Reihe von 48 Siegen, die er im Laufe seiner Karriere errang.

Schon als Amateur überaus erfolgreich, gewann der kleine Mann mit dem Nachnamen „Süßmilch“ insgesamt 48 Rennen (u.a. Circuit des Mines und die Runde von Jugoslawien – jeweils 1968 und 1969), wovon die olympische Goldmedaille im 100 Kilometer-Mannschaftszeitfahren 1968 in Mexiko-Stadt am wertvollsten war. Ein Jahr später ging er als Sieger der Kleinen Frankreichrundfahrt der Amateure (Tour de l´Avenir) hervor. 1970 startete er seine Profikarriere, die ihm gleich zu Beginn den „ersten zweiten“ Platz bei der Tour de France bescherte. Mit dem Sieg von 1980 war der starke Berg- und Sprintfahrer nach Jan Janssen (1968) der zweite Niederländer, dem es gelungen war, die Tour de France zu gewinnen. Insgesamt trug Zoetemelk an 22 Tagen das Gelbe Trikot und gewann zehn Etappen dieses schwersten Rennens der Welt.

Neben der Tour de France siegte Zoetemelk 1979 auch bei der Vuelta de Espana. Aber auch bei kürzeren Etappenrennen und den Klassikern verwies Zoetemelk seine Gegner auf die Ränge. So gewann er drei Mal die Strecke Paris-Nizza (1974, 1975, 1979), ein Mal Flèche Wallonne (1976), zwei Mal Paris-Tours (1977, 1979) und ein Mal Tirreno-Adriatico (1985). Im gleichen Jahr wurde er in einem für Radrennfahrer schon biblischen Alter von 38 Jahren überraschend Erster bei der Straßenrad-Weltmeisterschaft im italienischen Giavera del Montello – ein Superlativ, das ihm erst 2012 der Kasache Alexandre Vinokourov im Alter von 39 Jahren nachmachen konnte. 1987 errang er einen letzten großen Sieg, der zugleich einer seiner emotionalsten sein sollte: Mit über vierzig Jahren gewann Zoetemelk erstmals sein „Heimrennen“, das Amstel Gold Race.

Der schüchterne Radrennfahrer, der sich in Interviews nur selten zu mehr als einem mit schwerem Seufzer vorgetragenen „Pfff“ hinreißen ließ und dem Kritiker deshalb zuweilen wenig Ausstrahlung bescheinigten, zählt bis heute zu den beliebtesten Niederländern. Zwei Mal (1980 und 1985) wurde er zum Sportler des Jahres gewählt. 1983 erhielt er aus den Händen der Königin den Orden von Oranien-Nassau (vergleichbar mit dem Bundesverdienstkreuz). Bei der TV-Wahl zum „Größten Niederländer“ 2004 hoben ihn die Zuschauer auf Platz 69. Ein Jahr zuvor bereits, war er von der Koninklijke Nederlandse Wielren Unie (KNWU) zum „besten Radrennfahrer aller Zeiten“ gekürt worden.

Krisen

Wie (inzwischen) so viele Radprofis blieb auch Joop Zoetemelk von Doping-Vorwürfen nicht verschont. 1977, 1979 und 1983 wurde er positiv auf die Einnahme von Nandrolon getestet und mit einer Zeitstrafe belegt. Zoetemelk ging gerichtlich dagegen vor und wurde später von den Vorwürfen aus dem Jahr 1983 frei gesprochen.   

Im Mai 1974 prallte der sympathische Niederländer bei der Fernfahrt Midi Libre gegen ein auf der Strecke parkendes Auto. Die zunächst nur als leichte Gehirnerschütterung diagnostizierte Verletzung, stellte sich im Krankenhaus als ein doppelter Schädelbasisbruch heraus. Lange schwebte der Niederländer in Lebensgefahr, zumal eine sich anschließende Hirnhautentzündung die Genesung verzögerte. Insgesamt musste Zoetemelk acht Monate mit dem Training aussetzen und konnte erst 1975 wieder aktiv am Renngeschehen teilnehmen.

Schließlich war er auch privat nicht auf Rosen gebettet. Seine über Jahre stille, fast reservierte Art war – wie im Nachhinein erst bekannt wurde – purer Selbstschutz und der Tatsache geschuldet, dass seine Frau, die Französin Françoise Duchaussoy, mit der er seit 1971 verheiratet war, dem Alkohol verfallen war. Da er mit ihr und den beiden gemeinsamen Kindern Karl und Loetitia bei ihrer Familie in Frankreich lebte, drohte diese ihm – im Falle einer Scheidung – mit dem Entzug der Kinder. Das Problem löste sich auf tragische Weise von allein: Im Juli 2008 – während der Tour de France - kam Françoise bei einem von ihr verursachten Autounfall ums Leben. Bis vor einem Jahr wusste die Öffentlichkeit nichts von Zoetemelks Geheimnis. „Ich bin überzeugt davon, dass dieses Drama bestimmend war für die Karriere von Zoetemelk“, sagt Joop Holthausen, der mit einer im November 2011 erschienenen Biografie über den Radsportler Licht ins Dunkel brachte: „Wenn man um diese Umstände weiß, kriegt man noch mehr Respekt vor ihm, als Rennfahrer und als Mensch“.

Heute lebt Zoetemelk mit seiner neuen Liebe, Dany Pouille, 50 Kilometer östlich von Paris, wo er ein Hotel mit Gastronomie betreibt. Radeln tut er nur noch zum Spaß. Aber er ist nah am Geschehen, wenn mal wieder ein Tourgewinner die Zielgerade auf den Champs-Élysées passiert.

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt: Oktober 2012


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