XI. Die Euro 2012 in Polen und der Ukraine

Hätte man das Ergebnis des letzten Aufeinandertreffens vor der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine zwischen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und der niederländischen Elftal als Maßstab genommen, dann hätte schon vor dem Eröffnungsspiel festgestanden, dass die deutsche Mannschaft, die 2012 direkt in ihrem zweiten Spiel auf die Niederländer trafen, bei der EM so gut wie sicher die zweite Runde erreicht. In Hamburg, wo die „niederländischen“ Deutschen und die „verdeutschten“ Niederländer im November 2011 zu ihrem letzten Freundschaftsspiel vor der EM zusammentrafen, siegte Jogi Löws Team nämlich mit 3:0.

Dort, wo sich die Elftal 1988 durch einen Sieg über die DFB-Elf den Weg zum größten Triumpf in der Verbandsgeschichte gebahnt hatte, waren es nunmehr die Deutschen, die deutlich die Nase vorn hatten. Für sie war das 3:0 der erste Sieg über den kleinen Nachbarn seit 15 Jahren und der höchste seit 1959 (7:0). „Die Deutschen spielen wie die Holländern in den 1970ern und 1980ern“, entfuhr es einmal TV-Kommentator Bela Rethy.

Da bei den Niederländern Akteure wie Van der Vaart, Van Persie und Robben fehlten, regierte das Prinzip Van Bommel. Im Mittelfeld hatte die Elftal außer einer gehörigen Portion Aggressivität wenig zu bieten. Im „Tagesspiegel“ konstatierte Stefan Hermanns anschließend eine „Verbommelisierung“ des niederländischen Spiels.[1]

Der Schriftsteller Leon de Winter behauptete später, das Freundschaftsspiel in Hamburg sei für seine Landsleute „ein unglaubliches Ereignis“ gewesen. „Plötzlich können die Deutschen kreativ sein, schön spielen. Gepaart mit ihrer bewährten Durchschlagskraft, ihrem Siegeswillen!“ Vielen Niederländern ginge „diese reine Fußballkunst auf die Nerven. Umso mehr jetzt, da die Deutschen sie auch beherrschen!“[2]

Der niederländische Taktikexperte Sander Ijtsma diagnostizierte einen Generationskonflikt: „Die Reaktionen nach der WM 2010 haben gezeigt, dass der jüngeren Generation unter 40 ein gutes Resultat wichtiger ist als der Spielstil. Die älteren Fans wollen hingegen wollen eine proaktiven Stil sehen.“[3]

Verdrehte Welt

Auch Bundestrainer Jogi Löw las den Niederländern indirekt die Leviten: „Man kann gute Mannschaften nur schlagen, wenn man spielerisch besser ist, und nicht, wenn man aggressiv ist. Das ist ein Trugschluss.“[4] Und Thomas Müller sprach einen Satz, der in Deutschland einige Jahre als „typisch holländisch“ gegolten hätte: „Wir hatten die Anweisung bekommen, dass wir gut spielen sollen.“[5] Bondscoach Bert van Marwijk musste anerkennen: „Sie haben viel mehr Potenzial als wir. Sie haben so viele kreative Spieler.“[6] „Viele kreative Spieler“ – darum beneideten in der Vergangenheit die Deutschen die Niederländer.

Vor dem Start der EM schwärmte ausgerechnet Hans van Breukelen, Keeper des niederländischen Europameisters von 1988, von den „neuen Deutschen“. Ausgerechnet, weil Van Breukelen seit den deutsch-niederländischen Duellen von 1988 und 1990 bei den deutschen Fans den Ruf eines „Deutschenhassers“ genoss. „Ich liebe eure Nationalmannschaft, weil sie mittlerweile so aufregend und schön spielt, unsere Elftal überhaupt nicht. [...] Ihr spielt holländisch und wir deutsch. [...] Wir spielen nur noch effizient. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, haben wir gar nichts, woran wir uns halten können.“[7] Ex-Bondscoach Marco van Basten stieß ins gleiche Horn: „Wir spielen eher wie die Deutschen – und die Deutschen wie wir.“[8]

Spielerisch oder rustikal

Von den 23 Spielern, die Bondscoach Bert van Marwijk für die EM-Endrunde nominierte, spielten 17 im Ausland und nur sechs in der heimischen Eredivisie. Bei den Deutschen war es umgekehrt: Nur vier der 23 Kadermitglieder verdingten sich in ausländischen Ligen.

Auch bei der jeweiligen Alterstruktur gab es deutliche Unterschiede. Während der DFB ein Team mit einem Altersdurchschnitt von 24,4 Jahren in das Turnier schickte, das jüngste aller EM-Teilnehmer, wurden beim Aufgebot des KNVB 27,1 Jahre errechnet. Van Marwijk reiste zur EM mit fast mit demselben Kader, der zwei Jahre zuvor in Südafrika noch so kompakt agiert hatte.

Nach der WM hatte Van Marwijk an einer Verbesserung der Spielkultur gearbeitet. Im Zentrum seiner Bemühungen stand dabei die „Doppel-Sechs“. In Südafrika hatten der rustikale, aber strategisch starke Van Bommel und der noch rustikalere De Jong das defensive Mittelfeld gebildet. In den Niederlanden war die „Doppel-Sechs“ ohnehin umstritten. Für Johan Cruyff stand mit dieser Formation ein Defensivspieler zu viel auf dem Platz. Van Marwijk experimentierte nun mit mehr spielerisch veranlagteren Akteuren, landete aber am Ende mangels Alternativen doch wieder beim Duo Van Bommel/De Jong. Im Oktober 2010 war de Jong noch aus dem Kader geworfen worden, neun Monate später wurde er begnadigt. Marco van Basten: „Wer Fußball liebt, müsste van der Vaart nominieren. Wer nur auf Resultat spielt, eher de Jong.“[9]

Probleme

Van Marwijks größtes Problem war aber die Abwehr, was einmal mehr die Frage aufwarf, ob das niederländische Ausbildungsmodell dem Erlernen des Verteidigens zu wenig Aufmerksamkeit schenkt.[10] Offensiv- und Kreativspieler von internationaler Klasse hatten die Niederlande seit den späten 1980ern wie vom Fließband produziert, aber was die Defensive betraf, so fielen einem nur die Namen Jaap Stam, Frank de Boer, Frank Rijkaard und Ronald Koeman ein, von denen der Jüngste (Stam) seine Karriere 2007 beendet hatte.

Marco van Basten: „Es liegt vielleicht an unserer Mentalität. Unser Fußball ist wie ein Abenteuer. Wir haben mehr Interesse daran anzugreifen als zu verteidigen. Zudem ist es von Generation zu Generation verschieden.“[11] Jan Klaas Huntelaar, im Trikot von Schalke 04 Bundesligatorschützenkönig, sah es ähnlich: „Wir hatten immer viele gute Stürmer und Offensivspieler. Schon in der Jugend orientieren sich holländische Nachwuchsspieler im Zweifel nach vorn. Abwehrkräfte, etwa Rechts- und Linksverteidiger, sind bei uns häufig Spieler, bei denen es vorne nicht ganz gereicht hat. Die gehen dann eben eine Position zurück.“[12]

Und der Schriftsteller P.F. Thomése: „Gute Verteidiger gibt es bei uns überhaupt nicht, darum hat Rinus Michels früher auch immer zentrale Mittelfeldspieler in der zentralen Abwehr aufgestellt – Arie Haan, Frank Rijkaard oder Ronald Koeman.“ Van Marwijk sei für dafür aber „zu feige.“[13] In diese Tradition passte auch ein Vorschlag Johan Cruyffs, den Angreifer Dirk Kuyt auf die Position des rechten Verteidigers zu setzen.

Mit John Heitinga (FC Everton), Joris Mathijsen (FC Málaga) und Khalid Boulahrouz (VfB Stuttgart) standen Van Marwijk zwar erfahrene und solide Kräfte zur Verfügung, aber mehr auch nicht. Außenverteidiger Gregory van der Wiel (Ajax Amsterdam), mit 24 Jahren der Jüngste in der „Viererkette“, war ein starker Offensivverteidiger, aber mit Schwächen im Zweikampf und im Defensivverhalten.

Jenseits der Mittellinie herrschte indes mit Wesley Snijder (Inter Mailand), Raphael van der Vaart (Tottenham Hotspur), Arjen Robben (Bayern München), Robin van Persie (Arsenal London), Dirk Kuijt (FC Liverpool), Ibrahim Affelay (FC Barcelona), Klaas-Jan Huntelaar (Schalke 04) und dem jungen Luuk de Jong (Twente Enschede) ein Überangebot. Einige der Genannten musstenwährend des Turniers die Bank drücken . So war das Experiment, mit Van Persie und Huntelaar zu stürmen, gescheitert.

Unglücklicher Auftakt

Die Auslosung führte die beiden alten Kontrahenten bereits in der Vorrunde zusammen. Aber zunächst müssen sich die Deutschen den Portugiesen und die Niederländer den Dänen stellen. Deutschland gewann sein Auftaktspiel glücklich mit 1:0, die Niederländer verloren ihres unglücklich mit 0:1. In Anbetracht der zahllosen Chancen, die sich die Elftal erarbeitete, fühlte sich Arjen Robben wie in einem schlechten Film und in unangenehmer Weise an das mit dem FC Bayern München verlorene Champions League-Finale gegen Chelsea erinnert.

Die Elftal hatte sich in den 90 Minuten von Kharkiv zweigeteilt präsentiert. Vorne kreative Künstler, hinten biedere Handwerker. Was vor allem zum Problem wurde, weil die „Sechser“ De Jong und Van Bommel die Rolle des strategische Impulse setzenden „Verbindungsspielers“ nicht ausfüllen konnten.

Johan Cruyff monierte, dass Marwijk bei einem derart defensiven Gegner mit zwei defensiven Mittelfeldspielern aufgelaufen sei. Und außerdem hatten die beiden „Sechser“ für Cruyffs Geschmack viel zu häufig den Ball: „Spieler wie Mark van Bommel und Nigel de Jong hatten viel zu viel Ballbesitz, obwohl das nicht ihre Stärke ist.“[14]

Die Deutschen als bessere Niederländer

Die Begegnung gegen Deutschland geriet so bereits zum Endspiel für die Niederlande. Ibrahim Affelay gab die Parole aus: „Siegen oder Sterben!“ (Bei Louis van Gaal hieß dies: „Tod oder Gladiolen“.) Was aber nur in Richtung der eigenen Mannschaft gemeint war. Im Vorfeld der 39. Begegnung zwischen Deutschland und den Niederlanden waren, trotz ihrer sportlichen Brisanz, keine martialischen Töne zu vernehmen. Bereits seit Jahren war festzustellen, dass der Krieg und die Geschichte bei der Rivalität eine zunehmend geringere Rolle spielten.

Tobias Müller in der tageszeitung: „Die deutsch-niederländische Fußballfeindschaft ist einfach nicht mehr das, was sie mal war. [...] Natürlich hat es das Verhältnis entlastet, dass inzwischen eine Fan-Generation aufgewachsen ist, die an die legendären Duelle ebenso wenig eine Erinnerung hat wie an die notorischen Kampfmaschinen in Schwarz-Weiß. Überhaupt, de mannschaft, wie die Niederländer sagen, Migrantenkinder statt bloße Kraftpanzer: dieser Wandel wird zwischen Groningen und Maastricht positiv zur Kenntnis genommen – fast ein bisschen wie die Schwärmerei alternativer Fans in Deutschland für die multikulturelle Elftal der 1990er.“[15]

In Kharkiv hatten die Deutschen einen brillanten Start und führten nach 38 Minuten bereits mit 2:0. Zweifacher Torschütze war Bayern Münchens Mario Gomez. Zum zweiten Durchgang schickte Van Marwijk mit Huntelaar einen weiteren Angreifer und ersetzte Schwiegersohn Van Bommel durch Van der Vaart, aber mehr als der Anschlusstreffer durch Van Persie sprang nicht mehr heraus. Trotz der niederländischen Schlussoffensive, in der die Deutschen etwas Glück benötigten, war der Sieg des DFB-Teams hochverdient.

Denn phasenweise drohte der Elftal, wie das NRC Handelsblad anschließend schrieb, „eine regelrechte Abservierung durch die messerscharfen Deutschen.“ Deutschland habe demonstriert, „wie moderner Fußball mit tödlicher Effizienz heutzutage gespielt wird.“[16] De Telegraaf resümierte: „Wir waren gegen den Erzrivalen chancenlos. Deutschland spielte mit den Niederlanden Katz und Maus.“[17] Und in de Volkskrant hieß es wehmütig: „Deutschland war eine verbesserte Ausgabe dessen, was die Niederlande einmal waren.“[18]

Betriebsstörungen

Nun ruhten die letzten Hoffnungen der Niederlande ausgerechnet auf den Deutschen. Die Elftal musste den letzten Gruppengegner Portugal deutlich schlagen und außerdem auf einen Sieg Deutschlands über Dänemark hoffen. Dirk Kuyt appellierte an deutsche Tugenden: „Man kann viel über die Deutschen sagen, aber sie werden ihren Job tun.“[19]

Allerdings war bei den Niederländern vom Teamgeist der WM 2010 nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen regierte im Mannschaftsquartier wieder die sattsam bekannte Streitlust. Insbesondere der vom Bondscoach bis dahin kaum berücksichtigte Klaas-Jan Huntelaar machte seinem Unmut Luft.

„Oranje – Schande über dich“

Gegen Dänemark gehorchte Bondscoach Van Marwijk Volkes Stimme und schickte Van Persie und Huntelaar auf den Platz. Und auf der „Sechs“ rückte der kreativere und offensivere Van der Vaart für Van Bommel neben De Jong. Das Kalkül schien zunächst aufzugehen. Die Elftal begann stürmisch, und in der 11. Minute ließ van der Vaart mit einem satten 20 Meter-Schuss Portugals Keeper Rui Patricio keine Chance.

Aber anschließend übernahmen die Portugiesen das Spiel, deckten schonungslos die Schwächen der niederländischen Abwehr auf und ließen die Stimmung auf den Nullpunkt sinken. Arjen Robben reagierte auf Anweisungen des hilflosen Bondscoaches mit einem „Halt die Klappe“. So kam Portugal durch zwei Treffer von Cristiano Ronaldo zu einem verdienten 2:1-Sieg.

Null Punkte, 2:5 Tore lautete die niederschmetternde Bilanz der Elftal nach drei Spielen. Die Deutschen hatten dreimal in Folge mit einem Tor Unterschied gewonnen, die Niederländer dreimal in Folge mit einem Tor Unterschied verloren. Erstmals seit der EM 1980 mussten die Niederlande bei einem großen Turnier bereits nach der Vorrunde die Heimreise antreten. Und null Punkte bei einem großen Turnier waren einsamer Negativrekord. De Telegraaf titelte: „Oranje – Schande über dich.“[20]

Cruyff nahm erneut die „Doppel-Sechs“ und deren Besetzung ins Visier: „Oranje ist während der EM vor allem am schlechten Aufbau und am unsauberen Passspiel gescheitert.“ Und geißelte die Stars: „Hier haben viele Nationalspieler nicht das gebracht, was sie leisten können. Und damit meine ich vor allem die Stars.“[21] Van Marwijk habe es verpasst, „den Umbruch nach der WM vor zwei Jahren zu vollziehen.“[22]

Einige Tage vor dem Finale der EURO 2012 trat Van Marwijk, den der KNVB mit einem Vertrag bis 2016 ausgestattet hatte, vom Amt des Bondscoaches zurück. Es begann die Suche nach dem 45. Bondscoach in der Geschichte der Elftal. Auch für das DFB-Team endete das Turnier mit einer bitteren Enttäuschung. Allerdings auf einem erheblich höheren Niveau. Im Halbfinale unterlag man dem „Turnier-Angstgegner“ Italien mit 1:2.


[1] Stefan Hermanns: „Ein Sieg mit Stil“, in: Der Tagesspiegel vom 16. November 2011.
[2] „Dann sind wir Feinde“. Interview mit Leon de Winter in der Frankfurter Rundschau vom 11. Juni 2012.
[3] Interview mit Sander Ijtsma auf spielverlagerung.de, Online.
[4] Zit. nach Stefan Hermanns: „Ein Sieg mit Stil“, in: Der Tagesspiegel vom 16. November 2011.
[5] Zit. nach ebd.
[6] Zit. nach ebd.
[7] „Ich bin verliebt in euch Deutsche“. Interview mit Hans van Breukelen in 11 Freunde, Ausgabe 127, Juni 2012.
[8] Zit. nach Kicker-Sonderheft Euro 2012, S. 61.
[9] Zit. nach ebd.
[10] Zum niederländischen Ausbildungsmodell vgl. Peter Hyballa/Hans-Dieter Te Poel: Mythos niederländischer Nachwuchsfußball. Spiel- und Ausbildungsphilosophie – Coaching, Taktik, Technik, Aachen 2011. Zur niederländischen Philosphhie des „Verteidigers“ vgl. Dietrich Schulze-Marmeling: Der König und sein Spiel. Johan Cruyff und der Weltfußball, Göttingen 2012.
[11] Ich habe Angst, dass die Niederlande den Höhepunkt überschritten haben.“ Interview mit Marco van Basten im Kicker vom 4. Juni 2012.
[12] „Ich bin in der Bundesliga stärker geworden.“ Interview mit Klaas-Jan Huntelaar in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Juni 2012.
[13] „Ich freue mich über und für die Deutschen.“ Interview mit P.F. Thomése in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 3. Juni 2012.
[14] Zit. nach Frankfurter Rundschau vom 12. Juni 2012.
[15] Tobias Müller: „Aus, aus, der Krieg ist aus!“ Die Deutsch-holländische Fußballrivalität ist Geschichte, in: tageszeitung vom 13. Juni 2012.
[16] NRC Handelsblad vom 14. Juni 2012.
[17] De Telegraaf vom 14. Juni 2012.
[18] de Volkskrant vom 14. Juni 2012.
[19] Zit. nach Frankfurter Rundschau vom 15. Juni 2012.
[20] De Telegraaf vom 18. Juni 2012.
[21] Zit. nach stern.de vom 19. Juni 2012.
[22] Zit. nach Tagesspiegel vom 29. Juni 2012.

Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt: Juni 2012
Aktualisiert: Juli 2012