IX. 2004 bis 2008: Deutsch-niederländische Annäherungen

Nach der EM 2004 übernahm Marco van Basten die niederländische Nationalmannschaft – auf Empfehlung von Johan Cruyff. Der „König“ glaubte, mit Van Basten könnten die Niederlande zum Fußball von 1974 zurückfinden. Aber van Basten war nicht Cruyff, auch wenn der neue Bondscoach bei seinem Amtsantritt ganz im Sinne seines Mentors „schönen Fußball“ versprach und ankündigte, mit zwei Außenstürmern anzugreifen.

Van Basten war ein eigenständiger Geist. Cruyff hatte den Fußball außerhalb der Niederlande beeinflusst, insbesondere den spanischen. Bei Van Basten hatte es sich umgekehrt verhalten. Er ließ sich vom Fußball außerhalb der Niederlande inspirieren. Der Held von 1988, der seine größten Erfolge als Vereinsspieler in Italien beziehungsweise beim AC Mailand gefeiert hatte, war ein unideologischer „global player“, der nicht stur einer nationalen Fußballdoktrin folgte, sondern in seine taktischen Überlegungen auch seine italienischen Erfahrungen einfließen ließ: „Von Sacchi habe ich das Positionsspiel und das Pressing gelernt, wenn wir den Ball verloren haben. Von Cruyff, was zu tun ist, wenn wir in Ballbesitz sind. Von Capello den Realismus im Spiel, das Abwarten. Und von Michels, dass Disziplin und Ordnung der Schlüssel zum Erfolg sind.“[1]

Post-ideologischer Fußball

Van Basten betrieb nun eine teilweise Abkehr von der „reinen Cruyff’schen Lehre“, die nach dem WM-Finale von 1974 in der Aussage gegipfelt hatte: „Die Menschen auf der ganzen Welt werden uns in bester Erinnerung behalten. Vielleicht ist das wichtiger als der Sieg.“[2]; Der neue Bondscoach siedelte seine Philosophie in der Mitte zwischen einem „schönen und spektakulären“ und einem „ergebnisorientierten“ Fußball an: „Ich weiß nicht, ob ich typisch Holländisch oder typisch Italienisch bin. Ich will gewinnen – und ich will guten Fußball spielen lassen. Mir geht es um Spielentwicklung, um Kreativität und Initiative, nicht nur um bloßes Verteidigen. [...] Wenn du gewinnst, ist alles gut. Umgekehrt ist bei einer Niederlage nicht alles schlecht.“[3]

Van Basten repräsentierte die „post-ideologischen“ Niederlande. „Guter Fußball ist erfolgreicher Fußball. Im Sport geht es immer nur um eines: den Sieg. Das Essen kann schlecht sein, du kannst deine Kollegen hassen, die Trainingsbedingungen können miserabel sein. Wenn man siegt, fällt alles weg. Die Atmosphäre in der Gruppe? Interessiert mich nicht. Ein Sieg schafft Atmosphäre. Und zwei Siege noch viel mehr.“[4]

Die Fußballwelt außerhalb der Niederlande hatte sich verändert. Technisch anspruchsvoller Angriffsfußball war nicht mehr länger ein niederländisches Alleinstellungsmerkmal. Klaus Brinkenbäumer konstatierte 2008 im Spiegel: „Die Welt ist holländischer geworden. Gute Nachwuchsschulen wie Amsterdams ‚Die Zukunft’ haben heute alle, und alle verschieben ihre Spieler; die Eroberung des Raums ist längst Basis des Spiels.“[5]

Von den Niederlanden lernen

Dies galt vor allem und ausgerechnet für das Nachbarland Deutschland, wo fortschrittliche Geister eifrig die niederländische Ausbildungs- und Spielphilosophie konsumiert hatten und das Duo Jürgen Klinsmann/Joachim Löw, das nach dem EM-Desaster 2004 die Nationalelf übernommen hatte, an einer grundlegenden Veränderung der nationalen Fußballkultur werkelte. Hierzu bedient man sich auch niederländischer Experten, insbesondere im technischen Bereich. So verpflichtete der DFB den niederländischen Technik- und Nachwuchscoach Marcel Lucassen, der zuvor bei Manchester United die nachfolgende Trainergeneration ausgebildet und Cristiano Ronaldo geschult hatte. Lucassen war nicht der einzige Niederländer beim weltweit populärsten Fußballklub. 2001 verpflichtete United seinen Landsmann Rene Meulensteen. Als Technical Skills Development Officer reformierte Meulensteen, ein Anhänger der Wiel-Coerver-Schule, das Ausbildungskonzept des Klubs.[6]; Heute ist der Niederländer Assistenztrainer von Alex Ferguson.[7]

Einige Jahre nach der Lucassen-Verpflichtung konnte Heike Faller im Zeit Magazin berichten: „In Holland hat man schon immer viel Wert auf eine gute technische Ausbildung gelegt, nur deshalb bringt das kleine Land so viele gute Fußballer hervor. Umso größer ist dort traditionell die Verachtung für die Kraftanstrengung, mit der sich deutsche Fußballer jahrelang behaupteten. Doch seit zwei, drei Jahren spürt Marcel Lucassen auch in seiner Heimat Respekt für den deutschen Fußball. ‚Die sehen, dass da mehr Talente den Durchbruch zu den Profis schaffen. Dass die Jugendnationalmannschaft Turniere gewinnen. Dass in Deutschland richtige Fußballer entstehen, nicht nur Kraftbolzen.’“[8]

Deutschland spielt holländisch

In der Qualifikation zur WM 2006 in Deutschland wurden die Niederlande mit 32 von 36 möglichen Punkten souverän Gruppensieger. Aber das Turnier verlief für die Niederlande enttäuschend. Zwar überstand die Elftal die sogenannte Todesgruppe mit der Elfenbeinküste, Serbien und Argentinien, scheiterte aber im Achtelfinale an Portugal. Allerdings hatte Van Basten bereits vor dem WM-Start gesagt, sein Augenmerk gelte mehr der EM 2008.

Die deutsche Nationalelf der Reformer Klinsmann/Löw wurde bei der WM 2006 Dritter, konnte aber international vor allem durch attraktiven Fußball punkten. Marnix Krop, Botschafter der Niederlande in Berlin und Fußballfan: „Die WM 2006 war ein fundamentaler Moment. Im Halbfinale war die Mehrheit der Niederländer für Deutschland und gegen Italien. Das war total neu. Das Turnier zeigte Deutschlands freundlichstes Gesicht. Die niederländischen Fans waren begeistert. Deutschland hat attraktiv gespielt, das war neu. Es war weniger effektiv vielleicht. Es war mehr holländisch. Für uns war die Voraussetzung immer: Deutschland spielt nicht schön, die rennen nur, aber sie gewinnen immer. Diesmal war es anders. [...] Der deutsche Fußball hat sich gewissermaßen entdeutscht. Und auch Deutschland hat sich in gewissem Sinne entdeutscht.“[9]

„Jetzt spielen wir wie alle anderen.“

In die EM 2008 in Österreich und der Schweiz ging Marco van Basten mit einem 4-2-3-1-System anstatt des landesüblichen 4-3-3, welches Hans Meyer, der von 1996 bis 1999 den FC Twente Enschede trainiert hatte, als „zur Ideologie versteinertes System“ bezeichnete. Genau betrachtet war dies aber nur eine moderne Variante des 4-3-3, die zudem der Tatsache Rechnung trug, dass Van Basten keine klassischen Flügelstürmer zur Verfügung standen.

Johan Cruyff ging auf Distanz zu seinem Ziehkind: „Das ist Verrat an unserer Fußballphilosophie.“[10]; Die Niederlande müssten mit drei Stürmern stürmen. Auch sei die Taktik mit zwei defensiven Mittelfeldspielern nicht sinnvoll: „Sie nehmen der Abwehr den Platz weg.“[11] Cruyff befürchtete, dass die „Doppel-Sechs“ die Bewegung der eigenen Abwehrspieler in Richtung gegnerisches Tor einmauern könnte. Henk Spaan, Herausgeber des „alternativen“ Fußballmagazins Hard Gras, erklärte die niederländische Fußballphilosophie für tot: „Gewinnen ist wichtiger als Schönheit geworden.“[12] Noch kurz vor der EM nörgelte Cruyff: „Jetzt spielen wir wie alle anderen.“[13]

Alte Schule im modernen Gewand

Bei der EM 2008 kamen die Niederlande in eine „Hammergruppe“ mit Weltmeister Italien, Vize-Weltmeister Frankreich und Rumänien. Van Bastens Elftal startete überzeugend. Zum Auftakt besiegte sie Italien mit 3:0. In ihrem 24. EM-Endrundenspiel seit 1968 kassiert die Squadra Azzurra erstmals zwei Gegentore. Für die Elftal war es der erste Sieg über Italien seit der WM 1978. De Volkskrant sprach von einer „niederländischen Ausgabe des deutschen Wunders von Bern 1954“, die Mannschaft habe Ansätze des totaal voetbal der 1970er Jahre gezeigt, der offensichtlich die Messlatte blieb.[14] Für das Algemeen Dagblad wurde das Spiel „nur noch überboten vom Sieg vom 21. Juni 1988“.[15]

Marco van Basten war eine faszinierende Fusion des traditionellen „Fußball total“ mit dem intelligenten und pragmatischen Vortrag der späten 1980er sowie den jüngsten Entwicklungen im internationalen Spitzenfußball gelungen. Simon Kuper konstatierte später treffend: „Es war die alte holländische Schule im modernen Gewand.“[16]

Anschließend bezwang die Elftal auch die Franzosen (4:1) und – mit einer „B-Elf“ – Rumänen (2:0). Die Niederländer waren nun der Topfavorit auf den Titel, scheiterten aber im Viertelfinale nach 120 Minuten mit 1:3 an den vom Landsmann Guus Hiddink trainierten Russen. In den Niederlanden kommentiert De Telegraaf: „Hiddink fällt Oranje. Der Marsch zum europäischen Titel war gestern zu Ende, weil ein alter, schlauer niederländischer Fuchs zu schlau für Oranje war.“[17]

Die deutsche Nationalelf zog ins Finale ein, wo sie Spanien, das einen Fußball spielte, den Jorge Valdano als „Hommage an den großen Barcelona-Trainer Johan Cruyff“ bezeichnete, mit 0:1 unterlag.


[1] Zit. nach o.A.: Kicker Online vom 24. Juni 2006.
[2] Zit. nach ebd.
[3] Zit. nach ebd.
[4] Zit. nach Rozer, Marcel: Die Rückkehr des Killers, in: Spiegel Online vom 26. November 2004.
[5] Brinkbäumer, Klaus: Kunstfehler, in: Der Spiegel vom 9. Juni 2008.
[6] Der Niederländer Wiel Coerver (1924–2011), auch „Einstein des Fußballs“ genannt, entwickelte ein Ausbildungskonzept („Coerver Coaching“), welches heute weltweit Anwendung findet. Zur Coerver-Schule vgl. Schulze-Marmeling, Dietrich: Der König und sein Spiel. Johan Cruyff und der Weltfußball, Göttingen 2012, S. 89–91.
[7] Niederländische Trainer sind weltweit heiß begehrt, insbesondere im Nachwuchsbereich. Die niederländische Trainerausbildung in der KNVB-Akademie in Zeist genießt international einen exzellenten Ruf. Aber der großen Zahl gut ausgebildeter Trainer steht eine deutlich geringere Zahl bezahlter Stellen gegenüber, sodass die Niederlande einen „Trainer-Überschuss“ produzieren.
[8] Faller, Heike: Wie die Nationalmannschaft das Zaubern erlernte – und was das mit einem holländischen Nachwuchstrainer zu tun hat, in: Zeit Magazin Nr. 25/2012.
[9] Zit. nach o.A.: Tagesspiegel vom 23. Juni 2010.
[10] Zit. nach Schulze-Marmeling (a.a.O.), S. 292.
[11] Zit. nach ebd.
[12] Zit. nach ebd.
[13] Zit. nach ebd.
[14] o.A.: De Volkskrant vom 10. Juni 2008.
[15] o.A.: Algemeen Dagblad vom 10. Juni 2008.
[16] Kuper, Simon: Die neue holländische Schule, in: 11 Freunde, Heft 106, 09/2010.
[17] o.A.: De Telegraaf vom 22. Juni 2008.

Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt: August 2012