II. Die Niederlande und der Fußball: Von den Anfängen bis zu den 1960ern

Nicht nur in Deutschland werden die Niederlande als fußballspielende Nation eigentlich erst seit den späten 1960er Jahren wahrgenommen. Auch viele Niederländer haben die Geschichte ihres Landes lange Zeit in die Kategorien „vor dem Krieg“ und „nach dem Krieg“ eingeteilt. Allerdings haben bedeutende niederländische Historiker darauf hingewiesen, dass die tiefer gehenden Wandlungen der niederländischen Gesellschaft aus den 1960ern datieren, während der Wiederaufbau der Nachkriegszeit vor allem im Stil der Vorkriegszeit erfolgte.[1]

Hier existiert eine frappierende zeitliche Übereinstimmung zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung in den Niederlanden und dem Aufstieg des niederländischen Fußballs. Weshalb der Autor und Journalist Arthur van den Boogard zwischen einer Niederlande „vor Cruijff“ und „nach Cruijff“ unterscheidet: „In Holland gibt es vor Cruijff und nach Cruijff. Es ist wie das Vergehen eines Rembrandtschen Zeitalters.“[2]

Pioniere

Haarlemsche Football Club: Historisches Teamfoto des ältesten Fußballvereins der Niederlande
Haarlemsche Football Club: Historisches Teamfoto des ältesten Fußballvereins der Niederlande
© Wikimedia Commons

Die Niederlande gehörten zu den ersten Ländern auf dem Kontinent, in denen sich das englische association game etablieren konnte. Als Pionier gilt Pim Mulier, der seine Schulzeit in England verbrachte und 1879 mit dem Haarlemsche FC Haarlem den ersten Fußballklub seines Landes gründete. Viele der ersten niederländischen Fußballklubs gingen aus Kricketclubs hervor. Kricket war der erste englische Sport, der sich in dem flachen Land niederließ und die traditionellen niederländischen Spiele wie kolven, klootschieten und raketten verdrängte.

Das erste Fußballspiel auf niederländischem Boden soll allerdings schon 1865 stattgefunden haben. Eine rein britische Angelegenheit, bei der sich englische Botschaftsangestellte aus Den Haag und in Enschede beschäftigte Textilarbeiter gegenüberstanden. Fußball erfuhr einen kräftigen Schub, als in der Boomphase der niederländischen Textilindustrie Arbeitskräfte aus der englischen Grafschaft Lancashire, einer Hochburg des Fußballs und Wiege des professionellen Fußballs, im Raum Enschede angeworben werden.

Gründerzeiten

Im Dezember 1889 wurde im Café Central in Den Haag der Nederlandsche Athletiek- en Voetbalbond (NAVB) aus der Taufe gehoben. Der NAVB war erst der zweite nationale Fußballverband auf dem Kontinent. Einige Monate zuvor, im Mai 1889 war in Dänemark bereits die Dansk Boldspil Union (DBU) gegründet worden. 1895 trennten sich Fußballer und Athleten in Nederlandsche Voetbalbond (NVB) und Nederlandsche Atletiek Bond (NAB). 1929 wurde aus dem NVB der Koninklijk Nederlandsche Voetbalbond (KNVB).

Fußballpionier Pim Mulier
Fußballpionier Pim Mulier

1904 gehörte der NVB zu den sieben Gründungsmitgliedern des Weltfußballverbands Féderacion Internationale de Football Association (FIFA). Beim Gründungsakt in einem Hinterhaus der Pariser Rue de St. Honoré wurde der NVB durch den Bankier Carl Anton Willem Hirschmann vertreten, der der FIFA von 1906 bis 1931 als ehrenamtlicher Generalsekretär der FIFA diente. Hirschmann war maßgeblich für die Revitalisierung des Weltverbands nach dem Ersten Weltkrieg verantwortlich und gehörte später auch zu den Pionieren des Projekts Fußball-Weltmeisterschaft.

Erste Erfolge

Die ersten olympischen Fußballturniere dokumentieren den Entwicklungsvorsprung von Dänen und Niederländern. Beim ersten offiziellen Turnier 1908 in London drang Dänemark bis ins Finale vor, wo man dem „Fußball-Mutterland“ England mit 0:2 unterlag, während sich die Niederlande mit einem 2:0-Sieg über Schweden „Bronze“ sicherten. In Stockholm 1912 herrschte das gleiche Bild vor: Den Sieger spielten England und Dänemark aus, wobei die Engländer mit 4:2 die Oberhand behielten. Das „kleine Finale“ ging erneut an die Niederlande, die Finnland mit 9:0 rasierten. In Antwerpen 1920 wurden die Niederlande Vierter, ebenso in Paris 1924.

Das fünfte Olympische Fußballturnier 1928 wurde auf heimischem Boden in Amsterdam gespielt und endete für den Gastgeber mit einer großen Enttäuschung. Die Niederlande hatten das Pech, dass sie sich bereits in der ersten Runde dem späteren Turniersieger Uruguay mit dem Superstar José Leandro Andrade stellen mussten. Uruguays Celeste gewann mit 2:0. Zwei Jahre später wurden die Südamerikaner auch erster Fußball-Weltmeister.

Erste deutsch-niederländische Duelle

Deutschland musste 14 Jahre auf seinen ersten Sieg über den kleinen Nachbarn Niederlande warten. Erstmals maß man sich am 24. April 1910 in Arnheim, wo die Elftal, wie die niederländische Fußballnationalmannschaft genannt wird, die Auswahl des DFB mit 4:2 besiegte. Im Oktober 1910 sah man sich auf der anderen Seite der Grenze in Kleve wieder, wo die Niederlande mit 2:1 erneut die Oberhand behielten. Und auch die dritte Begegnung vor dem Ersten Weltkrieg endete mit einem Sieg der Elftal, die 1912 in Leipzig mit 3:2 gewann. Es folgten zwei torreiche Remis: 1912 in Zwolle (5:5) und 1914 in Amsterdam (4:4).

Die erste Nachkriegsbegegnung am 10. Mai 1923 in Hamburg endete torlos. Erst am 21. April 1924 beziehungsweise dem siebten Aufeinandertreffen durften die Deutschen ihren ersten Sieg über den kleinen Nachbarn feiern. In Amsterdam gewann die DFB-Elf durch ein Tor des Fürthers Karl Auer mit 1:0.

Als sich schließlich auch auf dem Kontinent der Professionalismus durchsetzte, gerieten die Niederlande mehr und mehr ins Hintertreffen, bis sie auf den Status einer bestenfalls zweitklassigen Fußballnation gesunken waren. Allerdings schaffte diese Situation auch Freiräume für Experimente und Lernprozesse.

„Urväter“ des „holländischen Spiels“: Jimmy Hogan..,.

1910 bemühte sich der 1883 gegründete FC Dordrecht um einen englischen Lehrmeister. Es bewarb sich der 28-jährige Jimmy Hogan, Sohn eines irisch-katholischen Fabrikarbeiters aus Nelson aus der bereits erwähnten Grafschaft Lancashire. Ein Jahr zuvor hatte sein Klub, Swindon Town, einen Kontinentaltour unternommen und dabei auch in Dordrecht vorgespielt. Der Ex-Profi Hogan war ein Novize im Trainergewerbe. Der FC Dordrecht sollte aber nur Hogans erste Station auf dem Kontinent sein, dessen Fußball er nun wesentlich beeinflusste.

Als Trainer legte er allerhöchsten Wert auf Ballkontrolle und Passgenauigkeit. Hogan war zwar Engländer, aber kein Vertreter der englischen Fußballphilosophie. Vielmehr bevorzugte er, wie viele andere englische Entwicklungshelfer auf dem Kontinent, die „schottische Schule“. Schottland war das Geburtsland des Kurzpassspiels, was auch mit den dortigen Boden- und Wetterverhältnissen zu tun hatte.

Bald wurde auch der niederländische Verband auf Hogan aufmerksam und verpflichtete ihn für das bereits erwähnte Länderspiel gegen Deutschen in Kleve. Fußballgeschichte schrieb Jimmy Hogan allerdings vor allem in Budapest und Wien.[3]

...und Jack Reynolds

Im Jahr 1912 betrat Hogans Landsmann Jack Reynolds den Kontinent. Reynolds war nur ein mittelmäßiger Kicker, seine beste Saison verlebte er 1904/05 beim Zweitdivisionär Grimsby. 1912 wurde Reynolds Trainer des FC St. Gallen. 1914 verließ der Engländer die Ostschweiz, um die deutsche Nationalelf zu trainieren, aber der Erste Weltkrieg machte diesem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Jack Reynolds floh in die Niederlande, wo er 1915 Ajax Amsterdam übernahm.

Reynolds blieb von 1915 bis 1947 in Amsterdam, mit kurzen Unterbrechungen: Unter Reynolds avancierte das zunächst unbedeutende Ajax zu einer der führenden Adressen des niederländischen Fußballs, gewann 1918 seinen ersten niederländischen Meistertitel und erlebte in den 1930ern seine erste goldene Ära. Reynolds gilt als der eigentliche Erfinder des Ajax-Stils bzw. „Fußball total“, den Rinus Michels dann ab Mitte der 1960er weiterentwickelte. Denn Reynolds war der Erste, der Ajax eine auf guter Technik basierende offensive Spielphilosophie einimpfte: „Für mich ist und bleibt der Angriff die beste Verteidigung.“[4]

Experimentierfeld Niederlande

Die Übereinstimmungen zwischen Reynolds und Michels waren frappierend. Beide waren Disziplinfanatiker und legten allergrößten Wert auf das Trainieren der Technik. Bereits Reynolds ließ extrem viel mit dem Ball arbeiten. Außerdem erkannte er als erster die Bedeutung einer systematischen Nachwuchsarbeit. Jugend und erste Mannschaft wurden in Hinblick auf Taktik und Technik miteinander verzahnt, sämtliche Ajax-Teams verfolgten dieselbe Philosophie und kickten im selben System. In seiner Heimat hätte Reynolds hiermit kaum reüssieren können, denn in England, wo bereits 1888 mit der Football League die erste nationale Fußballliga der Welt angepfiffen wurde, stand die Arbeit des Trainers schon damals viel zu stark unter kurzfristigem Erfolgsdruck.

Derartige Ligastrukturen existierten in den Niederlanden noch nicht. Jonathan Wilson, Taktik-Experte und Guardian-Kolumnist: „Insbesondere britische Trainer wagten hier Experimente, die man in ihrer Heimat als hoffnungslos idealistisch verworfen hätten.“[5]

WM-Turniere 1934 und 1938

Bei der zweiten Fußball-Weltmeisterschaft 1934 im Italien Mussolinis waren sowohl die Deutschen wie die Niederländers erstmals dabei. In vielen europäischen Ligen wurde bereits damals offiziell Berufsfußball gespielt. England hatte den Professionalismus bereits 1885 legalisiert. Auf dem Kontinent war Österreich 1924 das erste Land, welches die Bezahlung von Fußballern gestattete. Es folgen die Tschechoslowakei (1925), Ungarn (1926), Italien (1926), Spanien (1928) und Frankreich (1933). Deutschland und die Niederlande verweigerten sich beharrlich dieser Entwicklung.

Erster WM-Gegner der Elftal war die Schweiz. Vor 35.000 Zuschauern im San Siro-Stadion zu Mailand, darunter ca. 7.000 Oranje-Fans, unterlag man den Eidgenossen mit 2:3. Deutschland beendete das Turnier als Dritter, und der Kicker feierte den 3:2-Sieg im „kleinen Finale“ Österreichs als „Triumph der deutschen Amateure über österreichische Profis.“[6]

In Frankreich 1938 trat Nazi-Deutschland mit einer nach der Annektierung Österreichs eilig zusammengeschusterten „großdeutschen“ Auswahl aus deutschen und österreichischen Kickern, die nicht funktionieren konnte und nach einer blamablen Vorstellung gegen die Schweiz vorzeitig nach Hause reisen musste.

Den Niederländern erging es nicht besser. 90 Minuten konnte die Elftal dem amtierende Vizeweltmeister Tschechoslowakei Paroli bieten, unterlag aber nach 120 Minuten mit 0:3. Noch härter traf es Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien, wo der Fußball in diesen Jahren noch ein vornehmlich von Niederländern gepflegtes Freizeitvergnügen war. Die niederländische Kolonie bekam vom späteren Vizeweltmeister Ungarn gleich ein halbes Dutzend Tore eingeschenkt.

Es sollte nun 36 Jahre dauern, bis sich die Niederlande wieder für ein WM-Turnier qualifizieren konnten. Die Deutschen tummelten indes bereits 16 Jahre später wieder unter den Großen des Weltfußballs.

Vic Buckingham und der kurze Pass

Dies gilt auch für Jack Reynolds Nachfolger bei Ajax, den 1959 verpflichteten Engländer Vic Buckingham. Das von Reynolds geprägte Ajax ist die richtige Adresse für den technikorientierten Buckingham, der nun die Vorstellungen seines Landsmannes um ein weitere Elemente in Richtung des „Fußball total“ weiterentwickelt: kollektiven Ballbesitz, Kurzpass, schnelle Weitergabe des Balles. Mit kurzen und nach der Ballannahme sofort gespielten Pässen soll das Mittelfeld schnell überbrückt und am Gegner vorbei gespielt werden. Nach der Ballabgabe hat der Spieler in einen neuen Raum hineinzulaufen, um erneut anspielbar zu sein.

Von den langen Bällen, die in seiner Heimat üblicherweise gespielt werden, hielt Buckingham nichts. Denn lange Bälle würden häufig beim Gegner landen und somit zurückkommen. Buckingham 1993 in einem Interview mit David Winner: „Lange Bälle sind zu riskant. Meistens zahlt sich intelligente Technik aus. Wenn man den Ball hat, soll man ihn behalten. Dann kann der Gegner kein Tor erzielen...“[7] Für Johan Cruijff wird dies später – zumal als Trainer – zur Maxime. Und eines der bekanntesten Cruijff-Zitate lautet: „Wenn wir den Ball haben, können die anderen kein Tor schießen.“

Ballbesitz und kollektiver Angriff

Auch Vic Buckingham profitiert davon, dass den Niederländern das „Gewinnen um jeden Preis“ eher fremd ist: „Der holländische Fußball war gut, nicht diese grobe Gewinnen-müssen-Mentalität. Sie hatten eine andere Technik, einen andern Intellekt, sie spielten richtig Fußball. Das hatten sie nicht von mir, es war schon vorhanden und wartete nur darauf, geweckt zu werden. [...] Es ging lediglich darum, ihnen zu erklären, dass sie den Ball mehr in den eigenen Reihen halten sollten. Ich war schon immer der Ansicht, dass Ballbesitz neun Zehntel des Spiels ausmacht, und Ajax’ Spiel war auf Ballbesitz angelegt. [...] Ich habe sie beeinflusst, aber dann sind sie weitergegangen und haben von sich aus Sachen gemacht, die mich entzückt haben. So bewegten sie sich etwa als Pärchen auf der linken Außenbahn vorwärts, passten den Ball hin und her – einfach peng-peng [gemeint ist wohl, was man heute „one touch“-Fußball nennt, Anm. d. Autors] – über 30 Meter, spielten zu zweit drei Verteidiger aus und schufen einen riesigen freien Raum.“[8]

Buckingham, der als eigentlicher Entdecker von Johan Cruijff gelten kann, ist heute in England weitgehend vergessen. Auf dem Kontinent coachte der Engländer nicht nur Ajax, sondern in der Saison 1970/71 auch den FC Barcelona. Sowohl bei Ajax wie beim FC Barcelona hieß sein Nachfolger Rinus Michels.


[1] Vgl. hierzu Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.
[2] Zit. nach Driessen, Christoph: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland, Regensburg 2009, S. 238.
[3] Zu Jimmy Hogan vgl. Hafer, Andreas/Hafer, Wolfgang: Hugo Meisl oder Die Erfindung des modernen Fußballs, Göttingen 2007; Fox, Norman: Prophet or Traitor? The Jimmy Hogan Story, Manchester 2003.
[4] Zit. nach Wilson, Jonathan: Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fußballtaktik, Göttingen 2011, S. 278.
[5] Ebd., S. 277.
[6] Zit. nach Grüne, Hardy: WM-Enzyklopädie 1930–2006, Kassel 2006, S. 62.
[7] Winner, David: Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs, Köln 2008, S. 27.
[8] Ebd., S. 27f..

Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt: Juni 2012