VIII. 1992 bis 2004: Die Angst des Niederländers vor dem Elfmeter

In der Saison 1991/92 gewann das unter dem Trainer Louis van Gaal wiedererstarkte Ajax Amsterdam den UEFA-Cup. Drei Jahre später, in der Saison 1994/95, triumphierte der Klub auch noch in der Champions League – mit einem Fußball, der die Fußballwelt mit der Zunge schnalzen ließ und Erinnerungen an das große Ajax von Johan Cruyff und Co. weckte.

Im Halbfinale kam es zum Wiedersehen mit dem FC Bayern München, dem alten Rivalen aus den frühen 1970ern. Einem torlosen Remis in München folgte ein klarer 5:2-Sieg in Amsterdam. Im Finale traf Ajax in Wien auf den AC Mailand, den man bereits in der Gruppenphase zweimal mit 2:0 geschlagen hatte. Auch beim dritten Aufeinandertreffen behielt Ajax durch ein Tor von Patrick Kluivert mit 1:0 die Oberhand. Einige Monate später gewann Ajax zum zweiten Mal den Weltpokal für Vereinsmannschaften. In Tokio wurde der südamerikanische Vertreter Gremio Porto Alegre nach Elfmeterschießen besiegt.

Auch in der Saison 1995/96 war der niederländische Meister dem deutschen Meister klar überlegen. Im Viertelfinale der Champions League schlug Ajax Borussia Dortmund auswärts mit 2:0 und daheim mit 1:0. Ajax erreichte erneut das Finale, unterlag hier aber Juventus Turin in Rom nach Elfmeterschießen.

Bosman-Urteil

Dass nun ein sportlicher Niedergang einsetzte und der deutsche Klubfußball den niederländischen wieder überflügeln konnte, lag nicht zuletzt in einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) begründet. Am 15. Dezember 1995 hatte der EuGH einer Klage des belgischen Profis Jean-Marc Bosman gegen eine zu hoch angesetzte Ablösesumme seines Arbeitgebers Standard Lüttich stattgegeben. Die Folge war ein Verbot aller Ablöseforderungen für den Wechsel eines Spielers von einem EU-Staat in den anderen nach Vertragsende. Auch die in einigen Ländern geltenden Ausländerbeschränkungen wurden – soweit Spieler aus den EU-Staaten betroffen waren – für ungültig erklärt.

Den Ausbildungsverein Ajax Amsterdam traf die EuGH-Entscheidung besonders hart. In den Niederlanden und der Eredivisie ließ sich zu wenig Geld generieren, um mit den Gehaltsofferten der Ligen in Italien und Spanien konkurrieren zu können. 1996 war Ajax vom kleinen Stadion De Meer im Osten Amsterdams in eine hypermoderne Arena am südöstlichen Rand der Stadt umgezogen. Der Klub besaß nun endlich eine international konkurrenzfähige Spielstätte, verlor durch das Urteil aber binnen kurzem eine international konkurrenzfähige Mannschaft.

Auszug eines großen Teams

Louis Van Gaal hatte die Champions League mit einem jungen und zukunftsträchtigen Team gewonnen. Doch nun folgte ein Exodus von hochkarätigen Talenten, wie ihn Ajax wie kein anderer europäischer Traditionsklub zu beklagen hatte. Von den 13 Spielern, die 1995 das Champions League-Finale bestritten hatten (neun Akteure der Startformation entstammten der eigenen Jugend), verließen in den folgenden Jahren elf den Klub, um bei lukrativeren Auslandsadressen anzuheuern:

Michael Reiziger (1996 zum AC Mailand, ab 1997 FC Barcelona), Ronald de Boer (1998 FC Barcelona), Frank de Boer (1999 FC Barcelona), Clerence Seedorf (1995 Sampdoria Genua, ab 1996 Real Madrid), Edgar Davids (1996 AC Mailand, ab 1997 Juventus Turin), Marc Overmars (1997 Arsenal London), Nwankwo Kanu (1996 Inter Mailand, ab 1999 Arsenal London), Patrick Kluivert (1997 AC Mailand, ab 1998 FC Barcelona), Finidi George (1996 Betis Sevilla), Jari Littmanen (1999 FC Barcelona), Edwin van der Sar (1999 Juventus Turin, ab 2005 Manchester United). Nummer zwölf war Winston Bogarde, der das Champions League-Finale auf der Bank verbracht hatte (1997 AC Mailand, ein halbes Jahr später FC Barcelona). Nur die Veteranen Danny Blind und Frank Rijkaard, zum Zeitpunkt des Champions League-Triumphes bereits 33 beziehungsweise 32 Jahre alt, blieben in Amsterdam.

Vor 1995 hatten an namhaften Talenten nur die Jungnationalspieler Bryan Roy und Dennis Bergkamp den Verein verlassen, Roy wechselte 1992 in die Serie A zu US Foggia, Bergkamp 1993 zu Inter Mailand und von dort 1995 zu Arsenal London. Nach Bosman sah Ajax für seine exzellent ausgebildeten Spieler nicht einmal Geld. Für Clarence Seedorf, der vor der Entscheidung des EuGH die Niederlande verließ, durfte man immerhin noch 5,3 Mio. DM einstreichen.

Aber als sich das Quartett Reiziger, Kluivert, Davids, Bogarde innerhalb von 24 Monaten zum AC Mailand verabschiedete, ging Ajax leer aus. Die Großen und Reichen bedienten sich bei der exzellenten niederländischen Ausbildung. Insbesondere Klubs, die einen technisch feinen und offensiv ausgerichteten Fußball bevorzugten, wie Arsenal London und der FC Barcelona, gierten nach Ajax-Spielern. Längst hatte der Exodus talentierter Spieler die Jugendakademien der Klubs erreicht. Für die Eredivisie bleiben kaum noch Spieler von internationaler Klasse übrig.

EM 1996: Deutscher Teamgeist und niederländische Streitlust

Die Nationalmannschaft blieb vom Ausverkauf unberührt. Die Spieler der Elftal verdingten sich nun halt in ausländischen Topligen wie Italiens Serie A, Englands Premier League, Spaniens Primera Division und der deutschen Bundesliga.

Bei der EM 1996 in England erreichten die Niederlande nur mit viel Glück das Viertelfinale, wo sie gegen Frankreich im Elfmeterschießen scheiterten. Die niederländische EM-Kampagne wurde überschattet von einem heftigen Streit zwischen den weißen und den farbigen Spielern. Edgar Davids flog aus dem Team, nachdem er dem Bondscoach Guus Hiddink in sehr drastischen Worten Opportunismus gegenüber den „Weißen“ vorgeworfen hatte.

Bei den Deutschen herrschte ein erheblich besserer „Team Spirit“. Und vom Elfmeterpunkt erwies sich die Mannschaft von Bundestrainer Berti Vogts ebenfalls als geübter. Im Halbfinale wurde Gastgeber England – wie schon bei der WM 1990 – im Elfmeterschießen bezwungen. Im Finale triumphierten die Deutschen über Tschechien dank der „Golden Goal“-Regel.

WM 1998: „Meister des Balles“

Vor der WM 1998 in Frankreich holte Guus Hiddink Edgar Davids zurück ins Team, der sodann mit dem Franzosen Zinedine Zidane zum überragenden Spieler der Veranstaltung avancierte. Die Niederlande erreichten das Halbfinale, wo man auf den amtierenden Weltmeister Brasilien traf. 60.000 Zuschauer im Stade Vélodrome zu Marseille sahen die beste Partie des Turniers.

In der 46. Minute brachte Ronaldo die Selecao in Führung, Patrick Kluivert konnte vier Minuten vor dem Abpfiff ausgleichen. Die Verlängerung verlief torlos, sodass ein Elfmeterschießen über den Einzug ins Finale entscheiden musste. Da sowohl Phillip Cocu wie Ronald de Boer vergaben, hieß das Finale Brasilien gegen Frankreich. Hardy Grüne: „Die WM-Annalen hatten eine neue ‚Legende’, und wieder war die Oranje daran beteiligt.“[1]

Hiddinks Elf machte die Zuschauer mit einem Fußball vertraut, dem man später one touch-Fußball taufte. Jorge Valdano erkor die Niederländer zu „Meistern des Balles“.[2] Für Luis Cesar Menotti waren die Niederländer Repräsentanten eines „linken Fußballs“, während die Deutschen für „rechten Fußball“ standen. Der „rechte Fußball“ sei „verlogen und egoistisch, nur der Sieg zählt. Ihm ist jedes Mittel recht, er definiert sich über den Kampf und verlangt große Opfer. Linker Fußball soll Lebensfreude vermitteln und Spaß machen. Er ist schön, großzügig und künstlerisch. Was zählt, ist nicht allein der Sieg, sondern vor allem der Weg, wie man diesen erreichen will.“ Die Niederländer hätten „stets wunderbaren Fußball gespielt. Sie sind ihren Idealen treu geblieben.“[3]

Deutschland blamierte sich bei dieser WM nach Kräften. Im Viertelfinale unterlag der amtierende Europameister Kroatien mit 0:3.

Vorbild Niederlande

In der taz entdeckte Peter Unfried deutsche Sympathien für die Elftal: „Die Niederlande sind tatsächlich – mal abgesehen vom speziellen Fußballchauvinismus gegen die Deutschen – das beste Beispiel, wie ein Land Liberalismus, Interesse an Europa und Multikultur in eine moderne, internationale Interpretation von Fußball einfließen lassen kann, ohne nationale Stärke aufzugeben.“[4]

Unfried gab dem DFB noch eine Rat auf den Weg, den der Verband einige Jahre später tatsächlich beherzigte: „Es ist längst nicht mehr der angebliche Selbsthass der Intellektuellen, resultierend aus zwei verschuldeten Weltkriegen, der nach der WM die Forderung nach einem Fußball laut werden ließ, der weniger deutsch ist. Es ist ein in großen Teilen der Bevölkerung zu registrierendes Unbehagen an den Stereotypen, mit denen Vogts ‚den Deutschen’ und seinen Fußball am Ende des Jahrhunderts gefesselt hält. Wie entspannt ‚der Deutsche’ im Gegensatz zu Vogts geworden ist, zeigte die bis zur WM noch undenkbare Holland-Sympathie. [...] Man kann sich natürlich vom DFB nichts wünschen. Könnte man es aber, würde man bitten, bloß mal theoretisch darüber nachzudenken, ob der deutsche Fußball, abgesehen von allen strukturellen Problemen, nichts als Erstes und Wichtigstes einen neuen Stil braucht. Damit ist eine modifizierte, internationalere Auffassung vom Gegenwartsfußball gemeint, die sich nicht mehr über die Beschwörung überkommender ‚deutscher Tugenden’ definiert.“[5];

Deutschland wird bunter

Nach dem WM-Debakel kam es im deutschen Fußball zu ersten Öffnungen und Reformen. Die beiden besten Teams der WM 1998, Weltmeister Frankreich und die Niederlande, besaßen einen multikulturellen Charakter. Bei der Fußball-Gala Niederlande gegen Brasilien hatte Bondscoach Guus Hiddink mit Phillip Cocu, Michael Reiziger, Aron Winter, Clarence Seedorf, Edgar Davids, Pierre van Hooijdonk und Patrick Kluivert sieben Akteure aufs Feld geschickt, deren „Migrationshintergrund“ eine Nominierung für das deutsche Team verhindert hätte.

In Deutschland wurde nun verstärkt über die Beschränktheit des eigenen Staatsbürgerrechts und dessen Anpassung an die Herausforderung einer globalisierten Welt diskutiert. Beim WM-Turnier hatte die deutsche Nationalelf im Vergleich zu einigen anderen Nationalteams wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten gewirkt. Die ersten Maßnahmen wirkten noch etwas verkrampft. Der in den Bundesligaspielzeiten 1995/96 und 1996/97 zu den Toptorjägern zählende (weiße) Südafrikaner Sean Dundee (Karlsruher SC) wurde im Eilverfahren eingebürgert. Paulo Rink (Bayer Leverkusen), in Brasilien geboren, wo er bis zum 24. Lebensjahr gelebt und gekickt hatte, erhielt dank eines deutschen Großvaters ebenfalls einen deutschen Pass. Aber weder Dundee noch Rink konnten der DFB-Elf sportlich helfen.

Mit der WM 2002 wurden „Migrantenkinder“ im deutschen Nationaldress eine Selbstverständlichkeit. Auch die Ausbildung deutscher Talente erfuhr eine Reform, wobei man Anleihen in den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz nahm.

EM 2000: Rausch ...

Die EM 2000 wurde mit den Niederlanden und Belgien erstmals in zwei Ländern ausgetragen. Seit der Ausweitung des Turniers auf 16 Teilnehmer war die Veranstaltung für viele Länder im Alleingang kaum noch zu heben. Nach der WM 1998 war der erst 36 Jahre alte ehemalige Weltklasseverteidiger Frank Rijkaard neuer Bondscoach geworden. Von Rijkaard versprachen sich die Verantwortlichen ein Ende der Grabenkämpfe zwischen weißen und farbige Elftal-Akteuren.

Die Niederlande gingen mit einem starken Kader in das Turnier. Zwölf Spieler standen im Ausland bei absoluten Topadressen unter Vertrag. Die Achse des Teams bildeten der auch am Fuß starke Weltklassekeeper Edwin van der Sar (Juventus Turin), der Abwehrrecke Jaap Stam (Manchester United), der Mittelfeldspieler Edgar Davids (Juventus Turin), der die wachsende strategische Bedeutung des defensiven Mittelfeldspielers verkörperte, sowie der Stürmer Patrick Kluivert (FC Barcelona). Bei den Offensivkräften plagte Rijkaard ein Überangebot: Neben Kluivert standen ihm hier auch noch Boudewijn Zenden, Denis Bergkamp, Marc Overmars (beide Arsenal London), Roy Makaay (Deportivo La Coruna) und Pierre van Hooijdonk (Vitesse Arnheim) zur Verfügung). 17 Spieler des 22-köpfigen Kaders standen bei ausländischen Klubs unter Vertrag – sieben in Spanien, fünf in England, drei in Italien und zwei in Schottland. Sechs Spieler kickten für den FC Barcelona, das waren doppelt so viele wie im Kader Spaniens.

Die Niederlande starteten in einer starken Gruppe mit Weltmeister Frankreich und Vize-Europameister Tschechien. Der erste Auftritt gegen die Tschechen endete mit einem glücklichen 2:1-Sieg. Dänemark wurde 3:0 geschlagen, der spätere Turniersieger Frankreich mit 3:2. Im Viertelfinale spielte sich die Elftal gegen Jugoslawien in einen regelrechten Rausch und gewann mit 6:1.

... und Kater

Bei den EM- beziehungsweise WM-Turnieren 1992, 1996 und 1998 waren die Niederländer stets im Elfmeterschießen gescheitert. Aber das EM-Halbfinale 2000 stellte alles, was man bis dahin in dieser Disziplin erlitten hatte, noch in den Schatten. In der Amsterdam ArenA traf die Elftal auf Italien, das der angriffslustigen Rijkaard-Elf mit einem fünfköpfigen Abwehrriegel begegnete.

Ab der 34. Minute spielten die Niederlande in Überzahl, nachdem Gianluca Zambrotta, der mit seinem Gegenspieler Boudewijn Zenden überhaupt nicht zurechtkam, die Gelb-Rote-Karte gesehen hatte. In der 39. Minute entschied der deutsche Schiedsrichter Markus Merk auf Elfmeter für die Niederlande, aber Frank de Boer scheiterte an Italiens Keeper Francesco Toldo. In der 62. Minute bekam die Elftal einen weiteren Strafstoß zugesprochen, aber Patrick Kluivert hämmerte den Ball nur an den Pfosten. Johan Cruyff nach 90 torlosen Minuten: „Die Italiener können gegen uns nicht gewinnen, aber wir können gegen sie verlieren.“

So sollte es kommen. Auch die Verlängerung blieb torlos, und da im anschließenden Elfmeterschießen Frank de Boer, Jaap Stam und Paul Bosvelt die Zahl der von den Niederländern in diesem Spiel verschossenen „Elfer“ auf fünf brachten, zog Italien in das Finale ein. Dem internationalen Fußballpublikum entging so ein Offensivfußballfest Niederlande gegen Frankreich. Der völlig frustrierte Frank Rijkaard erklärte noch vor laufender Kamera seinen Rücktritt.  

Die deutsche Nationalelf war zu diesem Zeitpunkt längst wieder in der Heimat – nach einer niederschmetternden Vorrundenbilanz von nur einem Punkt aus drei Spielen.

UEFA-Cup 2002: Showdown zweier „Arbeitervereine“

In der Saison 2001/02 kam es zum ersten Mal in einem europäischen Klubwettbewerb zu einem deutsch-niederländischen Finale. Im Rotterdamer De Kuip ermittelten Feyenoord und Borussia Dortmund den Gewinner des UEFA-Pokals. Beide Klubs firmierten in ihren Heimatländern als „traditionsreiche Arbeitervereine“ beziehungsweise soziale und kulturelle Gegenentwürfe zu FC Bayern München und Ajax Amsterdam.

Das Spiel fand in einer extrem angespannten Atmosphäre statt. Drei Tage zuvor war in der Hafenstadt der Rechtspopulist Pim Fortuyn ermordet worden, ein bekennender Feyenoord-Fan. Rotterdam war eine Hochburg seiner Bewegung, und Fortuyn genoss bei den Hardcore-Fans des Klubs starke Sympathien. Die UEFA ließ trotz Sicherheitsbedenken spielen. Die Borussen kamen mit 14.000 Fans angereist, von denen einige später berichteten, sie hätten sich bei einem Auswärtsspiel noch nie so bedroht gefühlt wie an jenem 8. Mai 2002 in Rotterdam, der zugleich der 62. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs war.

Feyenoord gewann nach dramatischen 90 Minuten mit 3:2. Es war bis heute das letzte Mal, dass ein niederländischer Klub in einem europäischen Klubwettbewerb triumphieren konnte. Feyenoord-Trainer Bert van Marwijk heuerte zwei Spielzeiten später bei Borussia Dortmund an.

WM 2002: „Ohne Holland fahren wir zur WM

Für die WM 2002 in Japan und Südkorea konnten sich die Niederlande überraschenderweise nicht qualifizieren. Die vom Erfolgscoach Louis van Gaal trainierte Elftal wurde in der europäischen Qualifikationsgruppe 2 hinter Portugal und Irland nur Dritter. Das DFB-Team konnte über zwei Relegationsspiele gegen die Ukraine das WM-Ticket lösen, und nicht nur eingefleischte Fußballfans trällerten nun monatelang „Ohne Holland fahren wir zur WM“. Trotz der Häme, die über den Nachbarn gegossen wurde, symbolisierte der Gassenhauer eine gewisse Veränderung einer bis dahin mit Geschichte und Politik überladenen Rivalität hin zu einer stärker folkloristischen. Im deutsch-niederländischen Fußball-Verhältnis zeichnete sich eine gewisse Normalisierung ab.

In Asien zählte Deutschland erstmals seit der WM 1954 nicht zu den Kandidaten auf den WM-Titel. Aber eine einfache Vorrundengruppe, lediglich durchschnittliche Gegner in den folgenden K.o.-Spielen (Paraguay, USA, Südkorea), ein starker Teamgeist und ein überragender Torwart brachten das Team von Bundestrainer Rudi Völler bis ins Finale. Dort lieferten die Deutschen ihre beste Leistung bei diesem Turnier ab, unterlagen aber Brasilien mit 0:2. Mit dem in Ghana geborenen Gerald Asamoah, dem im polnischen Oppeln geborenen Miroslav Klose, mit fünf Toren bester Torschütze dieser WM, und Oliver Neuville, der im italienischsprachigen Teil der Schweiz aufgewachsen war, standen drei Akteure mit Migrationshintergrund im deutschen Team. Mit der WM 2002 wurde ihr Mitwirken auch in Deutschland zu einer Selbstverständlichkeit.

EM 2004: Deutschland scheitert an seinen Tugenden ...

Vor der EM 2004 waren die Rollen klar verteilt. Deutschland fuhr mit der Angst vor einer erneuten EM-Blamage nach Portugal. Die Niederlande, trainiert von Dick Advocaat, zählten zum Kreis der Titelanwärter. Die „Erzfeinde“ trafen bereits im ersten Gruppenspiel aufeinander. Die Mannschaft von Bundestrainer Rudi Völler mit den Youngstern Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger verkaufte sich erstaunlich gut und ging zunächst sogar durch Torsten Frings in Führung. Erst in der 81. Minute gelang Goalgetter Ruud van Nistelrooy von Manchester United der Ausgleich zum Endergebnis von 1:1.

Der vorsichtige Optimismus, der sich nun im deutschen Lager breit machte, erhielt bereits im folgenden Spiel gegen den krassen Außenseiter Lettland einen kräftigen Dämpfer. Die Deutschen kamen über ein torloses Remis nicht hinaus. Der Tagesspiegel resümierte: „Das eigene Spiel nach deutschen Tugenden zu organisieren, erlauben sich heute nur noch Mannschaften, denen es bei ihrem Auftritt darum geht, kein Debakel zu erleben. Mannschaften wie Lettland.“[6]

... und Schönheit unterliegt Schönheit

Die Niederlande verloren ihr zweites Spiel gegen Tschechien mit 2:3 und Dick Advocaat geriet in der Heimat in die Kritik. Dem Bondscoach wurde eine konservative Personalpolitik und zu defensive Taktik vorgeworfen. Neutrale Beobachter gerieten indes über die 90 Minuten von Aveiro ins Schwärmen. Für Gerald Houllier, Mitglied der Technischen Kommission der UEFA, hatten Niederländer und Tschechen „Geschichte geschrieben“. In Deutschland überschrieb der Tagesspiegel seinen Spielbericht mit „Schönheit schlägt Schönheit.“[7]

Deutschland verlor sein letztes Gruppenspiel gegen Tschechien mit 1:2, obwohl die bereits als Gruppensieger feststehenden Tschechen auf den Einsatz einiger Leistungsträger verzichteten. Die Niederlande zogen durch einen 3:0-Sieg über Lettland an den Deutschen vorbei und ins Viertelfinale ein. Dort traf die Elftal auf Schweden. Da die Tre Kronors sich darauf beschränkten, ihren Strafraum zu verriegeln und das niederländische Spiel zu zerstören, blieb die Partie auch nach 120 Minuten torlos. Zum vierten Mal in Folge bei einer EM (und zum fünften Mal bei den letzten sieben WM- und EM-Turnieren) mussten die Niederlande in ein Elfmeterschießen, aus dem sie nun zum ersten Mal als Sieger hervorgingen. Im Halbfinale gegen den Gastgeber Portugal entschied sich Dick Advocaat erneut für eine defensive Taktik. Aber nach 26. Minuten konnte der junge Cristiano Ronaldo das Abwehrbollwerk um Jaap Stam erstmals knacken. Am Ende verlor die Elftal mit 1:2.

Zwar holte die niederländische Nationalmannschaft in den Jahren 1988 bis 2004 „nur“ einen Titel, kam aber bei den acht EM- oder WM-Turnieren, die in diesem Zeitraum ausgetragen wurden, fünfmal unter die besten Vier (EM 1988, 1992, 2000, 2004; WM 1998). Die Deutschen, die in diesen Jahren zwei Titel gewannen, waren ebenfalls fünfmal auch noch im Halbfinale dabei (1988, 1990, 1992, 1996, 2002).


[1] Grüne, Hardy: Fussball-WM-Enzyklopädie 1930-2006, Kassel 2002, S. 441.
[2] Zit. Schulze-Marmeling, Dietrich/Dahlkamp, Hubert: Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft 1930 bis 2010, Göttingen 2010, S. 396.
[3] Zit. nach Schulze-Marmeling, Dietrich: „Wir haben die Fahrräder zurück...“. Die Rivalität mit den Niederlanden, in: Ders. (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, Göttingen 2008, S. 367-383, hier S. 379.
[4] Zit. nach ebd., S. 383
[5] Ebd.
[6] Der Tagesspiegel vom 21. Juni 2004.
[7] Ebd.

Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt: September 2012