XIII. „Langs rustige wegen“: Radfahrwegebau unter der Regie des ANWB

In die Zeit des Ersten Weltkriegs fiel auch der Beginn des systematischen Aufbaus eines Radfahrwegenetzes in den Niederlanden. Auf Betreiben des ANWB hin gründeten sich ab 1914 sogenannte „Rijwielpadverenigingen“ (dt. „Fahrradwegevereinigungen“). Innerhalb von wenigen Jahren entstanden eine ganze Reihe dieser lokalen Vereine, die die Anlage von Radfahrwegen vor Ort vorantreiben sollten.[1] Die Mitglieder rekrutierten sich vornehmlich aus den politischen und wirtschaftlichen Würdenträgern des Ortes und damit mehr oder weniger aus der alten Stammschicht des ANWB, dem wohlhabenden Bürgertum.

Von Anfang an waren diese neu angelegten Radfahrwege fester Bestandteil des national integrativen Tourismuskonzeptes des ANWB. Dabei ging es insbesondere auch darum, die mittlerweile von Automobilen frequentierten großen Straßen zu verlassen und auf kleinen Wegen, die intime Schönheit des Landes kennenzulernen.[2]

Die Anlage der Radfahrwege erfolgte als private Initiative der lokalen Radfahrwegevereine. Dahinter stand jedoch die starke zentrale, lenkende und leitende sogenannte Wegencommissie des ANWB. Diese Straßenkommission war 1898 gegründet worden. Sie hatte die Aufgabe, die zuständigen Behörden zu mehr Aktivitäten auf dem Gebiet des Straßenbaus zu bewegen und war auch eine Kampfansage an den im gleichen Jahr gegründeten Nederlandse Automobiel Club (NAC, später KNAC).[3] Die Wegencommissie stellte im Namen der lokalen Vereine Anfragen an die betroffenen Grundstückseigentümer. Nicht zuletzt steuerte die Wegencommissie des ANWB auch beachtliche finanzielle Beträge zu den Projekten der Vereine bei. Mitgliedsbeiträge und Spenden waren kaum ausreichend, um den Bau zu finanzieren.

Der ANWB überwachte und koordinierte das Ineinandergreifen der lokalen und regionalen Initiativen in ein nationales Ganzes. Der Verband sorgte dafür, dass die Wege so angelegt wurden, dass sie über Gemeindegrenzen hinweg aneinander anschlossen und führte ab 1919 die Radfahrwege über ein nationales Wegweisersystem zusammen. Diese Wegweiser in Pilzform wichen in Gestaltung und Form deutlich von den Wegweisern ab, die der ANWB für die großen Wege vorgesehen hatte. 1936 wiesen bereits mehr als 1.400 Pilze den Radtouristen den Weg durch die Niederlande.[4]

Die niederländischen Aktivitäten auf dem Gebiet des Radfahrwegebaus wurden auch in Deutschland verfolgt. Schon 1915 hatte der Bundesfahrwart des Deutschen Radfahrer-Bundes, Gregers Nissen, mit dem Hinweis auf die Vorgehensweise des ANWB die systematische Anlage von Radfahrwegen auch in Deutschland angeregt. Aber anders als der ANWB engagierte sich der Deutsche Radfahrer-Bund nicht finanziell, und der Erste Weltkrieg ließ schon bald alle weiteren Bemühungen in dieser Hinsicht vorzeitig enden.


[1] Vgl. ANWB: Archief 171–181, Rijwielpadverenigingen, undatiert.
[2] Pos, G.A. (Hrsg.): Rijwieltochten over rustige wegen, Den Haag 1915, S. 2.
[3] Mom, G.P.A./Schot, J.W./Schaal, P.E.: Werken aan mobiliteit: de inburgering van de auto, in: Schot, J.W. et al. (Hrsg.): Techniek in Nederland in de Twintigste Eeuw. Band 5: Transport en communicatie, Zutphen 2002, S. 62.
[4] o.A.: Thans meer dan 1400 Paddenstoelen, in: De Kampioen 53, 18/1936, S. 380.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010