XVII. „Witte Fiets“ und ENWB: Neue Interessengruppen für das Fahrrad in den 1970ern

In der Mobilitätsgeschichte kristallisieren sich die 1970er Jahre zunehmend als eine Zeitengrenze heraus, bei der der bisherige, fast uneingeschränkte Glaube an das Automobil und die Expansion des Automobilverkehrs hinterfragt und nach neuen Alternativen gesucht wurde. Die Umgestaltung von Städten und Landschaften zugunsten des Automobilverkehrs, Staus und Parkplatzprobleme in den Ballungsräumen sowie Umweltverschmutzung und Ölkrise führten die automobile Mobilitäts- und Infrastrukturpolitik an ihre Grenzen. In verschiedenen europäischen Ländern gründen sich neue Interessengruppen, die sich für das Radfahren einsetzen. Auffällig an den „neuen“ Radfahrergruppierungen ist, dass diese sich in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext politischer und sozialer Veränderungen formierten. Diese Umwälzungen sind in der bisherigen Forschung jedoch bislang recht wenig untersucht worden.

1965 entwickelte der Künstler und Aktivist Robert Jasper Grootveld den sogenannten Witte Fietsenplan.[1] Weiße Fahrräder im kollektiven Eigentum sollten in Amsterdam zur Verfügung stehen. Das weiße Fahrrad war konzipiert als Provokation gegenüber dem kapitalistischen Privatbesitz und der neuen Autorität, dem sich das „klootjesvolk“ (dt. „die kleinen Leute“) übergeben habe: dem Automobil. Es symbolisierte Einfachheit und Hygiene gegenüber dem Protz und dem Dreck des Autos.[2] Die Provokation gelang sofort: Das erste weiße Fahrrad, das während der Veranstaltung am Spui in Amsterdam weiß bemalt wurde, beschlagnahmte die Polizei. Grootvelds Idee wurde von Luud Schimmelpennink 1967 noch einmal im Gemeinderat von Amsterdam eingebracht. Doch der Vorschlag der anarchistischen „Provo“-Protestbewegung wurde nicht angenommen.

Inwieweit der „witte fietsenplan“ als Vorgänger heutiger, kommerziell betriebener großflächiger Leihfahrrad-Angebote gesehen werden kann, bleibt zu debattieren. Grootveld sah sein weißes Fahrrad als anarchistisches Projekt gegen den Kapitalismus. Doch in Grootvelds Provokation sind auch die Überbleibsel von Deutungen des Fahrrads zu finden, wie sie der niederländische Radfahrerverband ANWB um die Jahrhundertwende vertreten hatte. Einzig der Gegner hatte sich verschoben: Nicht die Eisenbahn, sondern das Automobil war nun das Feindbild des auf Selbstbestimmtheit und Individualität setzenden Radfahrers gegenüber der „Masse“. Entkleidete man das „weiße Fahrrad“ seines anarchistischen Grundtons, so waren die Anknüpfungspunkte für den alten Radfahrerverband deutlich erkennbar: Der ANWB unterstützte das „witte fiets“ als Tourismusprogramm im Nationalpark De Hoge Veluwe.

Dennoch passte die neue Opposition zwischen Fahrrad und Automobil so gar nicht zum alten ANWB, der ein Zusammenschluss von Radfahrern und Automobilisten, dem „modernen“ Individualverkehr der Jahrhundertwende, gegen Eisenbahn und Pferdekutschen gewesen war. Der „ENWB“, der sich 1975 gründete und mit dem „e“ für „erster“, „einziger“ und „echter“ Radfahrerverband auch gleich seine Probleme mit dem ANWB verdeutlichte, stellte die alte Allianz in Frage. Radfahren wurde von diesen Anhängern zum Kennzeichen eines umweltbewussten Lebensstils erhoben, der neue, noch etwas unwillige Bundesgenosse hieß demnach die Bahn.

Diese Neugründung des später in „Fietsersbond“ umbenannten ENWB lag einerseits ganz im Trend einer neuen Mobilitätsdebatte, in der Umweltbelastung ein wesentlicher Faktor wurde. Andererseits kann sie auch im Kontext der Auflösung der durch die starke gesellschaftliche Fragmentarisierung entstandenen gesellschaftlichen Säulen gesehen werden, die zu einer Neuordnung der politischen Landschaft der Niederlande führte. Eine genauere Analyse dieser „alten“ und „neuen“ Interessenvertretungen, wie auch des „alten“ und „neuen“ Fahrradlobbyismus erscheint äußerst reizvoll, um die Diskontinuitäten bzw. auch die Kontinuitäten ausloten und damit das genaue Ausmaß der Veränderungen einschätzen zu können.


[1] Vgl. Duivenvoorden, Eric: Magiër van een nieuwe tijd. Het leven van Robert Jasper Grootveld, Amsterdam 2009.
[2] Vgl. Provo’s fietsenplan, Online.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010