XV. „Geef m'n opa's fiets terug“: Deutsche Besatzung und die Konfiszierung der Fahrräder

Am 10. Mai 1940 wurden die Niederlande im Rahmen des Westfrontfeldzuges von den Deutschen überfallen. Die Besatzungszeit war geprägt von der Verfolgung und Deportation der Juden in den Niederlanden, wirtschaftlicher Ausbeutung, Zwangsarbeitereinsatz und Geiselerschießungen. Angesichts des zunehmenden Drucks und Terrors der deutschen Besatzer, der Razzien und des Hungerwinters 1944/45 erscheint es auf den ersten Blick fast überraschend, dass ein Ereignis aus dieser Zeit eine besondere Karriere in der Erinnerung an die Besatzungszeit erlebte: die Beschlagnahmung von Fahrrädern durch die deutschen Besatzer gegen Ende des Krieges.

Schon allein rein praktisch war der Verlust eines Fahrrads schwerwiegend. Das Fahrrad war ein essentielles Fortbewegungsmittel für die Fahrten über Land und die Versorgung mit Lebensmitteln. Die Beschlagnahmung war einerseits ein schwerer Schlag für die Familien, andererseits auch Zeichen der zunehmenden Verzweiflung und Willkür der Besatzer, die ihr drohendes Ende nahen sahen. Zahlreiche illegale Fotos vom „dolle dinsdag“ zeigen deutsche Soldaten, die in Panik aufgrund des vermeintlichen Aufrückens der Alliierten auf Fahrrädern niederländische Städte verlassen.[1] Aber es gab darüber hinaus auch eine symbolische Ebene der Beschlagnahme. Die deutschen Besatzer raubten nicht nur Fahrräder, sondern alles, was niederländisch war. In der Trouw voor West Friesland erschien am 10. März 1945 ein anonymes Gedicht über die Besatzer mit dem Titel „Hier uw fiets, hier is de Wehrmacht“ (dt. „Hier Ihr Fahrrad, hier ist die Wehrmacht“)[2]. Das Fahrrad war an erster Stelle all der Dinge, die der Wehrmacht übergeben werden mussten. Am Ende der Liste stand der Tod.

Die deutsche Beschlagnahmung der Fahrräder der niederländischen Bevölkerung gehört zu denjenigen kollektiven Erinnerungen an die Besatzungszeit, die bis zum heutigen Tag in den Niederlanden präsent sind und in Witzen, auf Transparenten bei Fußballbegegnungen oder in populär gehaltenen historischen Darstellungen ihren Platz haben. Fahrradland Niederlande, Autoland Deutschland: Diese Bilder speisen sich auch aus den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Die Beschlagnahmung der Fahrräder durch die Deutschen während der Besatzungszeit konnte jedoch vor allem auch deshalb einen solch anhaltenden Stellenwert in der populären Erinnerung in den Niederlanden erhalten, weil sich hier das persönliche und familiäre Schicksal des Fahrradverlusts mit der bereits wesentlich früher geprägten nationalen Bedeutung des Fahrrads mischte. Das Fahrrad war ein Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung an individuelle Not und den Verlust nationaler Selbstbestimmung während der Besatzungszeit. Der deutsche Aggressor, der der niederländischen Zivilbevölkerung ihr dringend benötigtes Fahrrad wegnahm, war auch ein Bild, das unmittelbar auf der im Ersten Weltkrieg durch den ANWB geprägten Aneignung des Fahrrads als Ausdruck niederländischer Besonnenheit und Friedfertigkeit aufbaute.


[1] Vgl. Het Geheugen van Nederland: Foto vom „dolle dinsdag“, Online.
[2] Het Geheugen van Nederland: Erfgoed van de Oorlog, Collectie Verzetsliteratuur, Online.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010