Das Schulsystem der Niederlande


VII. Schultypen: Die Grundschule

Grundschule
Auch in der Grundschule werden die Schüler schon an moderne Medien herangeführt, Quelle: Waag Society/cc-by-nc-sa

In den Niederlanden setzt die Schulpflicht am Monatsersten nach dem fünften Geburtstag ein. Fast alle Kinder werden, seit 1985 die vorschulische Betreuung zugunsten einer langen Grundschulzeit abgeschafft wurde, schon mit vier eingeschult. Grund dafür ist, dass eine Art Vorschule Lernziele von Kindergarten und Schule integriert. Die niederländische Grundschule umfasst daher insgesamt acht Schuljahre, vom 4. bis zum 12. Lebensjahr. Man spricht bei diesen acht Jahren, anders als in Deutschland, nicht von Klassen, sondern von der ersten bis zur achten Gruppe. Ziel des achtjährigen Unterrichts ist es, die emotionale, geistige und kreative Entwicklung der Kinder zu fördern und dabei gleichzeitig soziale, kulturelle und körperliche Fähigkeiten zu vermitteln.

An den Basisscholen sind fünfeinhalb Stunden Unterricht in ein Ganztagskonzept eingebettet. Es besteht freie Schulwahl. Schulen in den Niederlanden bekommen mehr Mittel für Kinder, deren Eltern nur einen niedrigen Schulabschuss haben. Sozial benachteiligte und Migrantenkinder werden mit etwas Glück an einer „breiten Basisschule“ mit mehr Betreuung, mehr Sprachförderung und nicht zuletzt mehr Geld untergebracht. Außerdem gibt es Förderschulen für Schulen mit Förderbedarf und Behinderungen. Der Trend zur Integration oder Inklusion von Schülern mit und ohne Behinderungen ist in den Niederlanden noch weniger weit gediehen als in Deutschland, das ebenfalls international zurückliegt. Das könnte sich ändern, wenn die Regierung, wie 2013 angekündigt, die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Auch ein Gesetz für „passend onderwijs“ liegt der Zweiten Kammer zur Abstimmung vor, das den gemeinsamen Unterricht aller erleichtern soll.

Kernziele Basisschool

Bis 1993 gab es keine national geltenden und verbindlichen Kernziele, die die Grundschule zu erfüllen hatte. Inzwischen wurden solche eingeführt, um mehr Einheit im Angebot zu schaffen, einen besseren Anschluss an den weiterführenden Unterricht zu garantieren und den ersten Unterricht der Kinder allgemein besser und zielorientierter zu gestalten. Als Kernziele werden Ergebnisse betrachtet, die ein Schüler am Ende der acht Jahre kennen und wissen sollte. Bei diesen Zielen, die sowohl für private, als auch für öffentliche Schulen gelten, gibt es zwei Gebiete. Der eine Zieltyp bezieht sich auf spezielle Lehrgebiete, der andere Typ auf fächerübergreifende Fähigkeiten. Für ersteren bedeutet das, dass die Schüler nach der achten Gruppe in den Fächern Niederländisch (in Friesland kommt noch das Fach Friesisch hinzu), Englisch (nur in Gruppe sieben und acht), Rechnen/Mathematik, Erd- und Sozialkunde, Kunst und Sport bestimmte Fähigkeiten aufweisen müssen. Der zweite Typ der zu erlangenden Fähigkeiten kann nicht in einem bestimmten Fach erlangt werden. Die sechs zu vermittelnde Kenntnisse Arbeitshaltung, Arbeitsweise, flexible Arbeitsweisen, Selbstvertrauen, soziales Verhalten und der Umgang mit den neuen Medien gehen über das Fächerangebot der Schule hinaus und fordern vor allem die pädagogische Arbeit der Schulen und Lehrer.

Wie die Schule diese Kenntnisse den Schülern vermittelt, ist eine Frage der Unterrichtsmethode. Über diese können die Schulen selbst entscheiden. Das Ministerium bietet allerdings Hilfe bei der Auswahl neuer Methoden an. Neben Hilfestellungen und Vorgaben für die Schulen, bietet das Ministerium auch den Eltern ausführliche Informationen und Hilfestellungen an. In einem jährlich erscheinenden Ratgeber für Eltern und Schüler klärt das Ministerium anschaulich und deutlich darüber auf, was Schüler und Eltern zu erwarten haben und welche Alternativen es gibt. Wie die Schulen die Ergebnisse der Schüler dokumentieren, bleibt ihnen überlassen; in jedem Fall bekommt jeder Schüler jährlich einen Bericht über seine Leistungen.

Insgesamt haben 2012 rund 1,6 Millionen Kinder die Grundschule in den Niederlanden besucht. Von ihnen waren rund 33 Prozent auf einer öffentlichen Schule und je 30 Prozent auf einer römisch-katholischen oder protestantischen Schule. Ein Trend zur weiteren Privatisierung lässt sich zurzeit nicht erkennen. Beobachten lässt sich allerdings, dass die Zahl der Schüler an protestantischen Schulen eher steigt, an römisch-katholischen Schulen sinkt. Sieben Prozent besuchen eine andere Privatschule – eine islamische, waldorforientierte oder Ähnliches. Um die Entscheidung zu erleichtern, welche weiterführende Schule zu den Schülern passt, legen die Grundschüler im letzten Schuljahr eine zentrale Prüfung ab, die vom Staatlichen Institut für Testentwicklung (CITO) zentral ausgewertet wird. Die Ergebnisse dieses Tests und ein Gutachten der Schule sollen den Eltern bei der Schulwahl helfen. Eine bindende Entscheidung trifft das CITO nicht.

Am Ende der Grundschule stehen Eltern und Schüler vor der Entscheidung, welche der drei Sorten des weiterführenden Unterrichts sie auswählen möchten. Sie können dabei zwischen dem vmbo (voorbereidend middelbaar beroepsonderwijs), dem havo (hoger algemeen voortgezet onderwijs) und dem vwo (voorbereidend wetenschappelijk onderwijs) wählen. Gemeinsam haben alle drei, dass am Anfang der Schullaufbahn eine meist zwei-, manchmal auch dreijährige Grundausbildung steht, die allen Schülern in einem breiten Fächerspektrum Gleiches vermitteln.

Autoren: Johanna Tigges und Pim Huijnen
Erstellt:
2004
Aktualisiert: August 2014, Jeannette Goddar


Links

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Weitere Informationen in unserem Dossier Niederländisch im Unterricht

Dossier des nld. Bildungsministerium zum Thema Grundschulpolitik Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen (OCW)

Cito, mit Sitz in den Niederlanden, ist eines der weltweit führenden Testentwicklungsinstitute CITO

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