Das SCHULsystem der Niederlande


II. Historischer Meilenstein: Schulstreit


Der Weg hin zur Schulpflicht und den verschiedenen Arten von Schulen in den Niederlanden hängt eng mit der Geschichte der Niederlande zusammen. Im folgenden werden historische Meilensteine im Schulwesen vorgestellt.

Der Schulstreit

School Zuiderzeemuseum
Stadtschule um 1905 im Zuiderzeemuseum Enkhuizen, Quelle: Wolfgang Sauber/cc-by-sa

Unter dem Schulstreit in den Niederlanden versteht man die Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Parteien, im Sinne von Interessensgemeinschaften über die Art und den Inhalt des zu unterrichtenden Lernstoffes. Dabei spielte vor allem der Glaube eine entscheidende Rolle. Diese Frage rückte zum ersten Mal in der Zeit der Bataafsen Republiek von 1795 bis 1806 in das Licht der Öffentlichkeit. In dieser Zeit, die mit dem Vertreiben des Statthalters und Prinzen von Oranje Willem V, und der Machtübernahme der Patrioten nach dem französischen Einfall in die Niederlande begann und schließlich mit dem von Napoleon Bonaparte eingesetzten König Lodewik Napoleon sein Ende fand, wurde bezüglich des Unterrichts an Schulen festgestellt, dass dieser über den Glaubensunterschieden stehen sollte und die christlichen und gesellschaftlichen Tugenden zu fördern habe. In den öffentlichen Schulen führte dies zu einer religionsfreien oder zumindest religiös undogmatischen Atmosphäre.

Forderung nach Konfessionsschulen

Das entsprach allerdings nicht dem Wunsch einiger konfessioneller Gruppen, die der Religion einen zentralen Platz in ihrem eigenen Leben und der niederländischen Gesellschaft einordneten. Vor allem orthodoxe Protestanten und Katholiken forderten öffentliche Konfessionsschulen (Gezindtescholen), als Schulen für die unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Im Jahre 1801 wurde schließlich das Gesetz erlassen, dass konfessioneller Unterricht frei ist. Konfessionelle Schulen sollten aber nur mit Genehmigung der Gemeinde gegründet werden dürfen. In der Praxis bedeutete dies, dass öffentliche Schulen oft die einzigen Schulen in einer Gemeinde waren, da Genehmigungen nur schwer zu bekommen waren. Das Bildungswesen war dadurch weiterhin ein Staatsmonopol.

Forderung nach Unterrichtsfreiheit

Der Kampf um Unterrichtsfreiheit erhielt im Laufe der Jahre, und besonders nach der Rückkehr der Oranier nach Holland im Jahr 1813 und im Zuge der Grundgesetzdebatten, eine neue Richtung. Konfessionelle Schulen waren erlaubt. Doch die Verwirklichung solcher katholischer, protestantischer oder jüdischer Schulen wurde zunehmend durch die finanzielle Ungleichheit erschwert. Zwar war auch das öffentliche Schulwesen, abgesehen von den Armenschulen nicht gratis, sie wurden allerdings durch Steuern finanziert. Diese Steuern mussten aber auch von denjenigen Eltern entrichtet werden, die ihre Kinder auf eine konfessionelle, private Schule schickten. Für diese mussten sie dann allerdings auch noch extra Schulgeld bezahlen, denn konfessionelle Schulen wurden nicht vom Staat subventioniert. Eltern mit Kindern auf konfessionellen Schulen finanzierten damit theoretisch beide Arten von Schulen, praktisch nutzten sie aber nur eine Form. Gegen diese Ungerechtigkeit lehnten sich auch zunehmend die Liberalen auf. Sie forderten, wie auch Katholiken und Protestanten, die Unterrichtsfreiheit. Allerdings nicht nur die Freiheit bei der Schulwahl, sondern auch Freiheit von klerikalen oder dogmatischen Grundeinstellungen zählten sie zur allgemeinen Unterrichtsfreiheit.

Forderung nach Liberalisierung

Mit dem Grundgesetz von 1848, das wesentlich vom liberalen Staatsrechtler Johan Rudolf Thorbecke geprägt wurde, kam es endlich zu der gesetzlichen Grundlage, auf der der Unterricht frei war und auf der die Gründung von konfessionellen Schulen erleichtert wurde. Eine finanzielle Gleichstellung fand allerdings noch nicht statt. Artikel 194 des Grundgesetzes von 1848 statuiert, dass die Regierung die Verantwortung für das Schulwesen trägt und dass der Unterricht frei sei, solange die gesetzlichen Richtlinien eingehalten werden. Doch die weitere Entwicklung nach 1848 machten die Gründung der so genannten Gezindtescholen nahezu unmöglich, da sich ein neues liberales Denken in den Niederlanden und unter den Staatsmännern verbreitete. Nach diesem Denken sollte der Unterricht zunehmend als Instrument zur Förderung der individuellen und gesellschaftlichen Entwicklung fungieren und weniger als Instrument des Glaubens. Im Rahmen der wachsenden Industrialisierung war es wichtig für gut ausgebildete Menschen zu sorgen, um so, ganz nach liberalem Denken, den Fortschritt des Landes gewährleisten zu können. Das Schulgesetz von 1878 unterstreicht diesen liberalen Ansatz, indem ein besseres Niveau an den öffentlichen Schulen festgesetzt wurde.

Forderung nach Gleichstellung

Nichtsdestoweniger stand noch immer die finanzielle Gleichstellung im Mittelpunkt der konfessionellen Schulanhänger. Eine Besserung erfuhren die konfessionellen Schulen ab dem Jahr 1889, als schließlich staatliche Subventionen auch für diese Schulen beschlossen wurden. In einer schrittweisen Entwicklung, in der sich der konfessionelle oder besondere Unterricht stark ausbreitete, endete der Schulstreit schließlich 1917 mit dem Ergebnis der finanziellen Gleichstellung öffentlicher und besonderer Schulen. Doch wer nun glaubt, dass das niederländische Schulsystem nach der Beilegung des Streits zwischen Staat und Glaubengemeinschaften in geregelten Bahnen verlief, der wird an dieser Stelle leider enttäuscht werden müssen. Schließlich hat das Phänomen der Versäulung bis in die 1960´er Jahre dafür sorgte, dass sich vor allem der öffentliche Unterricht stark in den vier Säulen (katholische, protestantische, sozial-demokratische und liberale Säule) der niederländischen Gesellschaft bewegte. Katholische Kinder besuchten eine katholische Schule, protestantische Kinder eine protestantische Schule et cetera. Die Versäulung führte quasi den Schulstreit fort, denn private oder konfessionelle Schulen mit einer bestimmten religiösen oder ideologischen Grundhaltung rückten wieder in den Vordergrund. Erst der Abbau der versäulten Gesellschaft in den 1960´er Jahren führte zu einer immer größeren inhaltlichen und formellen Gleichstellung öffentlicher und besonderer Schulen. Lehrer und Schüler kamen nicht mehr zwangsweise aus der gleichen gesellschaftlichen Säule und für Eltern schulpflichtiger Kinder spielten immer mehr Aspekte wie die Nähe zur Schule, Auffassungen über Qualität oder pädagogische Aspekte eine ausschlaggebende Rolle bei der Schulwahl. Weltanschauliche Grundeinstellungen der Schule rückten immer mehr in den Hintergrund. So bestehen heute in den Niederlanden zwei gleichwertige Schularten. Öffentliche und besondere oder private Schule existieren nebeneinander. Der Schulstreit hat dies ermöglicht und seine Konsequenzen wirken sich bis heute auf die Schul- und Bildungslandschaft der Niederlande aus.

Autorin: Johanna Tigges
Erstellt:
2004


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