DAs Schulsystem der Niederlande


XI. Besondere Herausforderungen

Auch wenn die Niederlande als Wissensland gelten, auch wenn ausländische Schüler bei den schulischen Leistungen im Vergleich zu anderen Ländern weniger schlecht abschneiden und trotz der Tatsache, dass sich die Politik bemüht, möglichst wenige Menschen durch die Laufmaschen des Bildungsnetzes fallen zu lassen, haben auch die Niederlande mit Problemen zu kämpfen. Wie in Deutschland ist Lehrermangel beziehungsweise die Schwierigkeit, geeignetes und hochqualifiziertes Personal für alle Fächer zu finden, ein Problem. Lehrer werden wollen immer weniger und diejenigen, die Lehrer sind, hören immer früher auf. Nach Abgaben des niederländischen Bildungsministeriums waren 2012 240.000 Menschen im Bildungssektor beschäftigt; das waren 10.000 weniger als nur ein Jahr zuvor. Und auch wenn der demografische Wandel und der Rückgang der Schülerzahlen für einen Teil des Rückgangs verantwortlich ist, gilt doch: Das Nachwuchsproblem ist real – an den Grundschulen war 2012 jeder vierte Lehrer älter als 55 Jahre. Auch die Krankenquote unter Lehrern liegt zwischen fünf und sechs Prozent. Der Nachwuchs wiederum hat gute Chancen: Mehr als vier von fünf ausgebildeten Grundschulpädagogen – allerdings nur 73 Prozent der Sekundarschullehrer – finden binnen sechs Monaten einen Job. Laut der im Juni 2014 veröffentlichten jüngsten Auflage der OECD-Lehrerstudie TALIS sind neun von zehn Lehrern soweit zufrieden mit ihrer Arbeit; allerdings glauben nur vier von zehn, einem gesellschaftlich anerkannten Beruf nachzugehen. Auch machte TALIS darauf aufmerksam, dass es vielen Lehrern für das, was sie unterrichten, an einer formalen Ausbildung fehlt.

Gewalt an Schulen

Auch das Phänomen Gewalt an Schulen bleibt aktuell. Zwar ist der Schock von Januar 2004, als ein 17-jähriger Schüler seinen Biologielehrer vor den Augen seiner Mitschüler erschoss, vorbei; dennoch erreichen immer wieder beunruhigende Nachrichten die Öffentlichkeit. An einigen Schulen in den Niederlanden, in erster Linie an so genannten „Problemschulen“ gibt es Überwachungskameras, Zugangsausweise, Wachpersonal und polizeiliche Beobachtung.

Schwarze und weiße Schulen

Der Begriff „Schwarze Schulen“ ist in der niederländischen Öffentlichkeit seit den 90er Jahren bekannt. Seitdem wird darüber debattiert, wie der zunehmenden Segregation im Schulsystem vorgebeugt beziehungsweise Einhalt geboten werden kann – allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Etwa jede zehnte Grundschule in den Niederlanden ist eine „schwarze Schule“ – was bedeutet, dass mehr als 60 Prozent der Schüler „allochthon“ sind. In den vier großen Städten wird jede zweite Schule von Schülern nichtniederländischer Herkunft dominiert. In Amsterdam wird mehr als jede dritte Schule zu mehr als 70 Prozent von Schülern anderer Herkunft besucht. Tatsächlich kommen die „schwarzen Schulen“ im Durchschnitt auch zu schlechteren CITO-Ergebnissen; dass die Umgebung Einfluss auf den schulischen Erfolg von Kindern hat, gilt inzwischen als unstrittig. Auch in den Niederlanden schicken immer mehr bildungsbewusste Eltern jeder Herkunft ihre Kinder auf Schulen, an denen die Zusammensetzung auf einen größeren Bildungserfolg hoffen lässt. Weil das so ist, erklärte die damalige Ministerin Marja van Bijsterveldt im Frühjahr 2011 das Streben, Segregation an den Schulen zu verhindern, als gescheitert. „Schwarze Schulen sind Fakt“ sagte sie der Tageszeitung De Volkskrant, „letztlich geht es um die Qualität des Unterrichts – an weißen wie schwarzen Schulen.“ Tatsächlich spiegeln „schwarze Schulen“ in den Niederlanden mehr als in Deutschland vor allem ihre Umgebung wider. Um der „Weißenflucht“ vorzubeugen, war auch dort versucht worden, Kinder zum Besuch von Schulen in der Umgebung zu verpflichten; dies stand allerdings in dem Land mit dem ausgeprägten konfessionellen Schulsystem schnell im Widerspruch zur Religionsfreit. Analysen der Resultate der „schwarzen Schulen“ weisen zudem darauf hin, dass die Grenzen nicht entlang ethnischer, sondern sozialer Linien verlaufen, anders gesagt: Weil in schwarzen Schulen besonders viele Kinder mit besonderem sozialen Unterstützungsbedarf zusammenkommen, dieser aber nicht hinreichend gewährt wird, kommen diese häufig zu schlechteren Ergebnissen.

Einen besonderen Zugang verfolgen die Niederlande seit 2007 zu Schulen, die sich im Rahmen der Schulinspektionen als Problemschulen herauskristallisieren. Diese bekommen über zwei Jahre regelmäßige Unterstützung der Schulinspektoren und auch gezielte Hilfe dabei, ihre Schwächen wie Kapazitäten genauer zu analysieren und an den Defiziten zu arbeiten. Außer professioneller Begleitung gibt es auch das Modell der Zwillingsschulen; darin bekommt eine schwache Schule eine starke als Partner. Das System bewährt sich nach Ansicht der OECD-Studie „Coping with very weak primary schools: Towards smart Interventions in Dutch Education Policy“.

Autoren: Johanna Tigges und Pim Huijnen
Erstellt:
2004
Aktualisiert: 2014, Jeannette Goddar


Links

Wichtige Links im Bereich Bildung finden Sie unter Institutionen

Dossier des nld. Bildungsministerium zum Thema Bildung Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen (OCW)

OECD-Lehrerstudie TALIS

„Coping with very weak primary schools: Towards smart Interventions in Dutch Education Policy“ OECD-Studie

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

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