Deutsch in den Niederlanden


VII. Die Praxis des Deutschunterrichts

Smartboard
Interaktive Smartboards kommen an immer mehr niederländischen Schulen zum Einsatz, Quelle: Gerhard Palnstorfer/cc-by-nc-sa

Der Deutschunterricht an vielen niederländischen Sekundarschulen ist, zumindest in der Unter- und Mittelstufe, überwiegend am Lehrwerk orientiert. Dies bestätigte sich in der Umfrage des 'belevingsonderzoek Duits’'[1] Bei der Frage nach einer 'typischen' Deutschstunde beschrieben die meisten Schüler den Stundenablauf folgendermaβen: Nach der Kontrolle der Hausaufgaben gibt der Lehrer eine kurze Einführung in den Stoff bzw. das Thema. Anschlieβend arbeiten die Schüler selbständig, allein oder in Gruppen, mithilfe ihres Text- und Arbeitsbuchs. An vielen Schulen ist es üblich, dass die Schüler ihre Aufgaben mithilfe von Korrekturblättern selbst verbessern. Zur Stimulierung von autonomem Lernen sind an vielen niederländischen Schulen 'Arbeitsplaner' (werkplanners) üblich. Dieses Instrument ermöglicht es Schülern, ihre Arbeit weitgehend selbständig zu planen und auszuführen. Der Lehrer hat die Rolle des 'Coaches', er begleitet und unterstützt bei Fragen und Problemen. Die hier beschriebene typische Unterrichtspraxis gilt übrigens für fast alle Fächer an niederländischen Schulen.

Die Lehrwerke

Der Lehrwerkmarkt in den Niederlanden wird von drei großen Schulbuchverlagen dominiert, Noordhoff Uitgevers, Malmberg und Thieme Meulenhoff. Für das Fach Deutsch gibt es die folgenden Lehrwerke: Neue Kontakte (Noordhoff Uitgevers), TrabiTour (Noordhof Uitgevers), Na Klar (Malmberg), Salzgitter heute (Thieme Meulenhoff) und Ausblick (Thieme Meulenhoff) . Fast alle niederländischen Schulen arbeiten mit einem dieser Lehrwerke für Deutsch. Auch die Tests und Prüfungen werden von den Verlagen zusammen mit den Lehrwerken geliefert. Anders als in Deutschland ist es nicht üblich, dass Lehrer selbst Prüfungen entwickeln. Vereinzelt findet man auch Schulen, die deutsche DaF-Materialien einsetzen, z.B. von Klett, Hueber oder Cornelsen. In der Oberstufe wird an einigen Schulen auf ein festes Lehrwerk verzichtet. Ein plan van toetsing en afsluiting (PTA, dt.: Planung der Abschlussprüfung) ist dann die Grundlage für den Unterricht, der in den letzten zwei (havo) bzw. drei (vwo) Schuljahren auf die Abschlussprüfung vorbereitet.

Die Abschlussprüfung

Die Abschlussprüfung (eindexamen) der Oberstufe besteht an niederländischen Schulen aus einem national koordinierten Centraal Schriftelijk Eindexamen(CSE) und dem schulspezifischen Schoolexamen (SE). Beide machen jeweils 50 Prozent der Gesamtnote aus. Für die Fremdsprachen gilt, dass im CSE nur Lesekompetenz geprüft wird. Alle anderen Fertigkeiten sowie Literaturkenntnisse werden im SE geprüft. Zum Bedauern vieler Fremdsprachenlehrer bedeutet dies, dass Lesekompetenz eine unverhältnismäßig starke Gewichtung hat. Dies hat großen Einfluss auf den Fremdsprachenunterricht in der Oberstufe, der überwiegend auf die Verbesserung der Lesekompetenz und den Erwerb von Lesestrategien ausgerichtet ist.

Doeltaal = voertaal

Bis vor einigen Jahren fiel an den niederländischen Lehrwerken für Deutsch vor allem auf, dass alle Erklärungen und Anweisungen in der Regel auf Niederländisch waren. Dies korrespondierte mit der üblichen Praxis im niederländischen Fremdsprachenunterricht, einen Großteil der Unterrichtszeit Niederländisch zu sprechen.[2] Mit einem zunehmenden Bewusstsein unter Lehrern, dass im Fremdsprachenunterricht die Zielsprache auch in der Kommunikation mit Schülern eingesetzt werden sollte, verwenden inzwischen immer mehr Verlage Deutsch zumindest teilweise als Instruktionssprache in ihren Lehrbüchern. Auch in der Lehrerausbildung sowie auf Fortbildungen und Kongressen wird seit Jahren aktiv für 'doeltaal = voertaal' (dt.: Zielsprache = Kommunikationssprache) plädiert. Trotz aller Anstrengungen ist die Verwendung der Zielsprache im Unterricht an niederländischen Schulen allerdings immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Kompetenzorientierter Unterricht

Mit der Einführung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) für Fremdsprachen, haben alle Verlage ihre Lehrwerke für die Fremdsprachen in den Neuausgaben mehr oder weniger kompetenzorientiert gestaltet. Auch Schulen versuchen, den Fremdsprachenunterricht auf der Grundlage von kompetenzorientiertem Lernen einzurichten. In der Praxis sind die Erfolge noch mäßig. Fremdsprachenlehrer befinden sich oft noch in einem Spagat zwischen den Kompetenzstufen des GER und der Notwendigkeit von Noten. Lösungsansätze für dieses Dilemma gibt es an einigen niederländischen Schulen, die einen handlungsorientierten Ansatz im Fremdsprachenunterricht hantieren.

Digitalisierung

Alle niederländischen Lehrwerke haben neben der Druckversion eine gut ausgebaute digitale Lernplattform, die gleichermaßen von Lehrern und Schülern genutzt wird. E-Learning ist in den Niederlanden weit verbreitet. Im Vergleich mit deutschen Schulen, sind niederländische Bildungseinrichtungen in der Regel medientechnisch sehr gut ausgestattet. Gemäß einer Umfrage aus dem Jahr 2012[3], sind die Hälfte aller Klassenzimmer an Sekundarschulen inzwischen mit interaktiven Whiteboards ausgestattet. Seit 2013 werden sowohl im Primar- als auch im Sekundarbereich sogenannte iPad-Schulen eröffnet. An diesen Schulen bekommen die Schüler ein iPad, den sie in der Schule und zu Hause benutzen. Fast 50 Prozent der niederländischen Schulen arbeitet mit einer digitalen Lernplattform. Mehr als 80 Prozent der Schulen verwendet digitale Software in der Notenverwaltung und in der Kommunikation mit Eltern.


[1] Duitsland Instituut Amsterdam: Belevingsonderzoek Duits, Amsterdam 2010, Onlineversion.
[2] Mehr als 60 Prozent der Deutschlehrer spricht weniger als ein Viertel der Unterrichtszeit Deutsch. Duitsland Instituut Amsterdam: Belevingsonderzoek Duits, Amsterdam 2010, Onlineversion.
[3] Kennisnet: Vier in Balans, Zoetermeer 2012, Onlineversion.

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014


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