Deutsch in den Niederlanden


X. Germanistik in den Niederlanden

Universität Utrecht
Eine der vier niederländischen Universitäten, die einen Bachelor in Germanistik anbieten, Quelle: M.M.Minderhoud/cc-by-sa

Die Ankündigung der Rijksuniversiteit Groningen, dass das Germanistikstudium ab 2012 in einem interdisziplinären Bachelor 'Europese talen en culturen' aufgehen werde, sorgte unter niederländischen Liebhabern der deutschen Sprache für große Aufregung. Groningen war nicht die erste Stadt, die die disziplinäre Germanistik abschafft. 2011 war dies schon der Fall an der Vrije Universiteit in Amsterdam, wo der Studiengang 'Duitse taal en cultuur' abgeschafft wurde. Diese Entwicklung zeichnet sich nicht nur in der Germanistik ab, sondern ist exemplarisch für fast alle ‘kleinen’ Philologien in den Niederlanden.

Studentenzahlen

Seit den 90er Jahren verzeichnet sich eine Abnahme um etwa ein Drittel der Studierenden im Fach Germanistik an niederländischen Universitäten (siehe Tabelle) mit einem Tiefpunkt im Jahr 2003. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einerseits gibt es aufgrund der Bildungsreformen in den 90er Jahre weniger Schüler, die Deutsch im Sekundarschulbereich wählen. Andererseits ist diese Entwicklung der sinkenden Studentenzahlen nicht nur in der Germanistik sichtbar. Schon seit vielen Jahren stagnieren die Studentenzahlen für alle disziplinären Sprachen- und Kulturstudien. Dies hängt wohl auch mit dem großen Angebot interdisziplinärer Ausbildungsgänge an niederländischen Universitäten zusammen. Studiengänge wie 'Taal- en cultuurstudies', 'Europese Studies' oder 'Communicatie- en informatiewetenschappen' sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden.

Germanistikstudenten in den Niederlanden
Quelle: VSNU (Vereniging van Nederlandse Universiteiten)
Germanistikstudenten Germanistikstudenten im ersten Studienjahr
Studienabsolventen im Fach Germanistik
1995 466 101 65
2003 262 40 45
2011 295 104 30
2013 268 139 54

Die niedrigen Studentenzahlen sind ein Grund für einige Universitäten, das Fach Germanistik ganz abzuschaffen oder in breiteren Studiengängen aufgehen zu lassen. 2014 gibt es in den Niederlanden noch vier Universitäten, die einen Bachelor in Germanistik (Duitse taal en cultuur) anbieten: die Universiteit van Amsterdam, die Universiteit Leiden, die Universiteit Utrecht und die Radboud Universiteit Nijmegen. Diese Universitäten haben auch ein Angebot von Masterstudiengängen, die auf dem Bachelor Duitse taal en cultuur aufbauen. Dabei geht es in der Regel um ein- bis zweijährige sprachwissenschaftliche oder literaturwissenschaftliche Masterausbildungen, sowie eine Übersetzerausbildung und die universitäre Lehrerausbildung. Auch breitere Masterstudiengänge, wie z.B. Duitsland-Studies, Interkulturelle Kommunikation, Europäische Literaturwissenschaft oder der duale Master Deutschland-Niederlande Studien sind Teil des Angebots, aus dem Absolventen des Bachelors wählen können.

Unterschiede zur Germanistik an deutschen Universitäten

Der wichtigste Unterschied zwischen einem Germanistikstudium an einer deutschen und einer niederländischen Universität ist die Tatsache, dass das Studium in den Niederlanden ein Fremdsprachenstudium ist. Trotz eines im internationalen Vergleich relativ hohen Einstiegsniveaus der Studierenden im ersten Jahr - gemäß der Richtvorgaben der Stichting Leerplanontwikkeling beherrscht ein niederländischer Schüler des vwo bei seinem Schulabschluss Deutsch in etwa auf dem Niveau B2 - macht der Spracherwerb einen großen Teil des Germanistikstudiums aus. So sind zum Beispiel im ersten Studienjahr an der Universiteit Utrecht drei der acht Blockkurse stark, wenn auch nicht ausschließlich, auf den Spracherwerb gerichtet. Das Bestreben ist, dass die Absolventen des Bachelors Deutsch auf dem Niveau C1 oder C2 beherrschen. Ein Auslandssemester an einer deutschsprachigen Universität spielt eine wichtige Rolle im Erreichen dieser Niveaustufe, in Leiden, Utrecht und Nijmegen ist es obligatorisch.

Ein anderer Punkt, in dem sich die Studien der Germanistik in Deutschland und den Niederlanden stark unterscheiden, ist eine Folge der geringen Zahl von Germanistikstudenten an niederländischen Universitäten: Das Kursangebot ist infolge der kleineren Besetzung viel beschränkter als an deutschen Universitäten im gleichen Studiengang, es gibt weniger Wahlmöglichkeiten für die Studierenden. Dies gilt vor allem für den Major. Oft bleiben die Studierenden in fast allen Kursen ihres Bachelors in der gleichen Gruppenkonstellation zusammen und belegen gleichzeitig dieselben Fächer. Damit hat das niederländische System in einem ‘kleinen’ Fach wie Germanistik einen stark verschulten Charakter. Ein großer Vorteil, neben den überschaubaren Gruppen, ist ein starkes persönliches Band zu den Dozenten, die ihre Studenten im Laufe einiger Jahre gut kennenlernen. Der persönliche Kontakt zwischen Student und Dozent wird überdies gefördert durch ein Tutorensystem, das an niederländischen Universitäten üblich ist. Ein Dozent begleitet den Studierenden während seines Studiums als Tutor und berät bei den verschiedensten studieninternen Fragen bis hin zur Berufsplanung.

Prognosen für die niederländische Germanistik

Trotz der anfangs beschriebenen Tendenz, disziplinäre Studiengänge mit strukturell niedrigen Studentenzahlen in breiter ausgerichteten Studiengängen aufgehen zu lassen, muss in den nächsten Jahren nicht unbedingt mit dem Verschwinden weiterer Germanistikausbildungen in den Niederlanden gerechnet werden, so Ewout van der Knaap, Vorsitzender der Vereniging van Germanisten aan Nederlandse Universiteiten (VGNU). Gerade in den letzten Jahren wurde ein bescheidener Anstieg der Neuanmeldungen verzeichnet. Möglicherweise spielen das verstärkte Bewusstsein hinsichtlich der (wirtschaftlichen) Relevanz der deutschen Sprache in den Niederlanden, sowie eine wachsende Lobby für Deutsch dabei eine Rolle, denkt Van der Knaap. Tatsache ist aber auch, dass sich die Germanistik, ebenso wie alle anderen ‘kleinen Fächer’ an niederländischen Universitäten, weiterhin gegen geplante Effizienzmaßnahmen verteidigen oder eine Neuausrichtung beispielsweise in einer verstärkten Kooperation zwischen den Universitäten suchen muss. Ein Beispiel ist das seit dem Jahr 2014 angebotene inter-universitäre Masterprogramm MasterLanguage für Philologie-Studenten, das allerdings auch die größeren Fächer wie Anglistik oder Niederlandistik einschließt.

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014


Links

Wichtige Links im Bereich Bildung finden Sie unter Institutionen

Vereniging van Germanisten aan Nederlandse Universiteiten VGNU

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Bildung und Forschung Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: