Deutsch in den Niederlanden


XII. Der Deutschlehrer anno 2014[1]

Otto den Beste, Quelle: YouTube

In den 80er Jahren kreierte das beliebte niederländische Komikerduo Van Kooten en De Bie die Rolle des Deutschlehrers Otto den Beste: Mit seinen charakteristischen Wutausbrüchen und Schimpftiraden, oft umrahmt von Zitaten deutscher Dichter und Denker, personifizierte Otto den Beste über viele Jahre das Bild des Deutschlehrers in den Niederlanden.

Deutschlehrer 2.1

Heutzutage kennen die wenigsten jungen Niederländer den Deutschlehrer Otto den Beste noch. Besucht man die Lehrerausbildung an niederländischen (Fach-)Hochschulen fällt auf, dass es überwiegend junge Frauen sind, die sich auf das Fach des Deutschlehrers vorbereiten. Mit einer großen Pensionierungswelle der Babyboomer offenbart sich ein Generationswechsel, der auch im Klassenzimmer sichtbare Folgen hat.

Gibt es 'den Deutschlehrer anno 2014' denn überhaupt? Und welchen Anforderungen sollte er oder sie genügen? Die Studentin der Duitslandstudies Iduna Paalman unterhielt sich mit vier Deutschlehrern über ihr Fach: einem erfahrenen Lehrer, der seit 31 Jahren unterrichtet, einer Seiteneinsteigerin aus der freien Wirtschaft, einer jungen Absolventin der Deutschlehrerausbildung und einer muttersprachlichen Lehrkraft aus Süddeutschland.

Selbstbewusst und kontaktfreudig

„Schüler sind selbstbewusster geworden”, findet der Deutschlehrer Jan Uittenbroek. Seit 31 Jahren unterrichtet er, nennt sich selbst einen „alten Hasen”. Er hat gesehen, wie die Bildungslandschaft sich im Laufe der Jahre gewandelt hat. „Unsere Gesellschaft ist heutzutage viel mehr auf Kommunikation ausgerichtet als früher. Die Schulen müssen da mitziehen. Humor und soziale Interaktion mit den Schülern sind jetzt wichtiger als Grammatikformeln auswendig lernen. Das war früher anders.”

Auch Kristel Haalboom, die vor sieben Jahren als Seiteneinsteigerin aus der freien Wirtschaft als Deutschlehrerin begann, merkt, wie wichtig ein guter Kontakt zu den Schülern ist. „Ein Lehrer ist kein Alleinherrscher, sondern ständig im Kontakt mit den Schülern. Er steht nicht mehr vor, sondern in der Klasse.”

Ein guter Draht

Ein guter Draht zu den Schülern, darum geht es. Darüber sind sich alle vier Lehrer einig. „Wenn der Kontakt gut ist, ist eigentlich alles möglich”, erzählt Bettina Merten, eine junge Absolventin der Lehrerausbildung. „Da ich selbst noch jung bin, kann ich mich gut in die Welt der Schüler einfühlen. Ich merke, dass, wenn ich gut zuhöre und mich für sie öffne, ich auch viel von ihnen zurückbekomme. Dann stoße ich auf echtes Interesse für mein Fach. Natürlich geht es auch manchmal schief. ‘Stirb doch!’, rief eine Schülerin mir neulich zu. Das tut natürlich weh, und ich versuche, so etwas im Gespräch zu klären. Einige Tage später bekam ich eine WhatsApp von der Schülerin: ‘Sorry’.”

Agnes Werner, ursprünglich aus Süddeutschland und neben ihrer Tätigkeit als Deutschlehrerin an einer Sekundarschule auch tätig in der Berufsbildung, nennt das 'basisenthousiasme'. „Ich versuche, in meinen Stunden immer eine Art grundlegende Begeisterung auszustrahlen. Das ist kein Theaterstück, sondern Begeisterung, die ich selbst fühle. Es macht mir Spaß, meinen Schülern über Deutschland zu erzählen. Auch versuche ich, den Jugendlichen klar zu machen, was Deutsch ihnen bringen kann.”

Deutsche Sprache – coole Sprache?

Nachdem Deutsch noch in den 90er Jahren eher negative Assoziationen weckte, hat sich das Image der Sprache in den letzten Jahren stark gewandelt. Schüler wählen ihre Fächer für die Oberstufe bewusster, mehr mit dem Blick auf ihre berufliche Zukunft. Der Deutschlehrer spielt jedoch weiterhin eine wichtige Rolle, wenn es darum geht Schüler für Deutsch zu begeistern. Haalboom: „Deutsch wird doch noch oft gewählt, weil es einfacher ist als Französisch oder Spanisch. Ich versuche meinen Schülern aber auch noch zu zeigen, dass Deutsch wichtig ist. Vor allem die Schüler, die die Richtung Wirtschaft und Handel einschlagen möchten, spitzen echt ihre Ohren, wenn ich ihnen erzähle, wie unglaublich wichtig Deutsch in den Handelsbeziehungen ist.”

Uittenbroek: „Ich brauche in meiner Klasse keine Luftballons und Aufkleber, die Deutschland anpreisen. Darüber lacht man höchstens. Gleichzeitig wird damit wieder das lächerliche Bratwurst-Bild bestätigt, das viele Jugendliche noch von Deutschland haben. Ich möchte ihnen zeigen, wie aufregend Berlin ist, wie schön die Natur und wie interessant die deutsche Geschichte. Natürlich berichte ich auch immer ausführlich von meinem Urlaub in Deutschland, die Schüler wissen inzwischen sogar schon, wie mein Wohnwagen aussieht.”

Auch Merten und Werner sind ständig auf der Suche nach Materialien und Ideen, um den Schülern die deutsche Sprache näher zu bringen. Merten: „Ich sehe mir jede Woche die deutschen Nachrichten mit den Schülern an, die Kurzversion dauert nur ein paar Minuten. Danach besprechen wir, was wir gesehen haben. Das funktioniert, die Schüler freuen sich darauf und stellen Fragen zu dem, was sie sehen.” Werner: „Verglichen mit früher, wird man als Lehrer immer kreativer. Ich entwickle selbst Aufgaben und verwende verschiedene Medien und Materialien, um so den Unterricht frisch und abwechslungsreich zu gestalten.”

Noch viel zu tun

Deutschlehrer sind sich stärker als früher dessen bewusst, dass ihr Fach ohne aktive Promotion in seiner Stellung an Schulen bedroht ist. Sie suchen darum immer mehr Möglichkeiten, den Schülern die Relevanz der deutschen Sprache nahezubringen. Davon abgesehen hat natürlich ein jeder noch so seine persönlichen Ziele in der beruflichen Entwicklung: „Ich möchte noch mehr Deutsch sprechen im Deutschunterricht. Das Prinzip ‘Zielsprache = Kommunikationssprache’ ist mein Ziel. Doch merke ich als Nichtmuttersprachlerin, dass ich dies noch schwierig finde”, gibt Haalboom zu. „Einmal pro Woche habe ich einen native speaker in meinem Unterricht. Das funktioniert. Und doch merke ich, dass es sowohl mich als auch meine Schüler viel Überwindung kostet, eine ganze Unterrichtsstunde auf Deutsch zu halten.”

Für Merten ist die große Herausforderung, eine Balance zwischen persönlichem Kontakt und professioneller Distanz zu finden. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu emotional involviert bin. Das geht, glaube ich, vielen jungen Lehrern so. Ich war selbst Schülerin an einer Schule in Deutschland, da hat der Lehrer eine ganz andere Stellung, es gibt eine größere Distanz. Vielleicht funktioniert das dort, aber mit meinen Schülern möchte ich doch echt eine engere Verbindung eingehen; eine, die eher gleichgestellt ist, in der wir einander zuhören und helfen können.”


[1] Dieser Artikel basiert auf dem kürzlich erschienenen Artikel Paalman, Iduna: Breng leerlingen af van het Bratwurst-idee, 2014, Onlineversion.

Autorin: Iduna Paalman
Redaktion und Übersetzung:
Kerstin Hämmerling
Erstellt: Oktober 2014


Links

Wichtige Links im Bereich Bildung finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen zu Deutsch in den Niederlanden finden Sie beim Duitsland Instituut Amsterdam

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Bildung und Forschung Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: