Deutsch in den Niederlanden


VIII. Deutsch in der Berufsbildung

Ein Aufruf von 11 niederländischen Bürgermeistern aus dem Grenzgebiet an die Bildungsministerin sorgte im Herbst 2013 für Schlagzeilen in den niederländischen Medien: 'Burgemeesters sturen brandbrief over Duits in het mbo' titelte u.a. die Regionalzeitung De Gelderlander. Durch eingreifende Reformen der Ausbildungsordnung drohte das Fach Deutsch an Berufsschulen schwer in Bedrängnis zu geraten. Da etwa 60 Prozent der niederländischen Schüler eine Ausbildung an einem ROC (Regionaal Opleidingscentrum) besuchen, würde das bedeuten, dass in Zukunft einer Mehrheit der niederländischen berufstätigen Bevölkerung grundlegende Kenntnisse der Sprache des wichtigsten Handelspartners fehlen.

Deutsch im Curriculum der Berufsbildung

Während früher, neben Englisch, die Nachbarsprachen Deutsch und Französisch eine privilegierte Stellung in der Berufsbildung einnahmen, wurde das Fach Deutsch schon Ende der 90er Jahre marginalisiert. Vielen Schülern fehlten Grundkenntnisse dieser Sprache, nachdem auch in der Vorausbildung, dem vmbo, Deutsch in drei von vier Wahlsektoren nicht einmal mehr als Wahlfach angeboten werden musste. Gleichzeitig verschob sich der Nachdruck an den Berufsschulen auf das Fach Englisch. Bei einer Änderung der Ausbildungsordnung im Jahr 2012 wurde Englisch zum Pflichtfach für alle Ausbildungsrichtungen auf dem höchsten Niveau der Berufsbildung. Da eine zweite Fremdsprache kaum noch verlangt wird, sprachen immer mehr Deutschlehrer an Berufsschulen ihre Sorge um die Stellung ihres Faches aus.

Eine Studie des Kenniscentrum Beroepsonderwijs Arbeidsmarkt im Auftrag der Ler(n)ende Euregio (ein Kooperationsverband von deutschen und niederländischen Berufskollegs in der Euregio Rhein-Waal) analysierte die curricularen Vorgaben aller Ausbildungsordnungen und unterstrich diese Besorgtheit. Der Rapport der Studie mit dem Titel 'Duits in het gedrang?' konkludierte im August 2013, dass das Fach Deutsch sowohl an Qualität (d.h. in den Anforderungen an Kompetenzstufen) als auch an Quantität (in der Anzahl der Ausbildungsrichtungen, in denen Deutsch noch angeboten wird) seit 2012 stark eingebüßt hat.

Eine Arbeitsgruppe von Deutschlehrern der Ler(n)ende Euregio entwickelte auf der Grundlage der genannten Studie auf eigene Initiative Konzepte für Deutsch als Wahlfach. Gespräche mit den Ministerien von OCW (Bildungsministerium) und von Economische Zaken (Wirtschaftministerium) resultierten in der Zusage von beiden Ministerien, der Arbeitsgruppe Mittel zur Verfügung zu stellen, um ab 2014 Unterrichtsmodelle, berufsorientierte Materialien und Zertifizierungsmodelle für Deutsch in allen relevanten Ausbildungsrichtungen zu entwickeln. Man hofft, dass die Verfügbarkeit dieser Modelle und Materialien die ROCs in ihrer Entscheidung, ob Deutsch angeboten (und somit strukturell finanziert) wird, positiv beeinflussen wird. Das Ziel dieser Bemühungen ist, dass in Zukunft alle niederländischen Berufsschüler prinzipiell die Möglichkeit haben werden, Deutsch als Wahlfach belegen zu können.

Kompetenzorientiertes Lernen in der Berufsbildung

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Auch im Berufsleben sind Deutschkenntnisse von Vorteil, Quelle: ME-Arbeitgeber/cc-by

Mit den Bildungsreformen der 90er Jahre wurde der Nachdruck an niederländischen Schulen stark auf die Entwicklung von kompetenzorientiertem Lernen verschoben. Die Berufsschulen hatten darin eine Vorreiterrolle. Im Gegensatz zum 'traditionellen Lernen' liegt beim kompetenzorientierten Lernen der Schwerpunkt in einer Kombination von Kenntnissen und Fertigkeiten, die in realistischem Kontext Anwendung finden. Die Einführung des GER (Allgemeiner Europäischer Referenzrahmen für Sprachen) spielte dabei eine wichtige Rolle. Für den Fremdsprachenunterricht heißt das, dass Kenntnisse der Grammatik und des Wortschatzes nicht mehr als Ziel sondern schlichtweg als Instrument betrachtet werden. Das Bestreben ist sprachliches Handeln in authentischen Situationen.

Konkret bedeutet dies, dass Schüler an den ROCs die Sprachfertigkeiten erwerben sollten, die für ihre Berufsausübung notwendig sind. Indem zum Beispiel angehenden Automonteuren deutschsprachige Handbücher vorgelegt werden, was auch in der Berufspraxis vorkommen kann, erkennen die Schüler die Notwendigkeit, ihr Leseverständnis in Deutsch zu verbessern. Dafür benötigen sie, neben gewissen allgemeinsprachlichen Kenntnissen, auch einen technischen Wortschatz. Der Lehrer unterstützt und begleitet den Lernprozess, zum Beispiel indem er den erforderlichen Wortschatz anbietet.

Ein anderes Beispiel betrifft die kaufmännische Ausbildung im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Da die Kundschaft auf niederländischer Seite zu einem Teil aus dem Nachbarland kommt, sind mündliche Fertigkeiten im Deutschen in vielen Situationen erwünscht. Praktika können fehlende Sprachkompetenz aufdecken und die Berufsschüler stimulieren, ihr kommunikatives Deutsch zu verbessern.

Best Practice 'Die Ler(n)ende Euregio'

Eine strukturelle Zusammenarbeit von 22 deutschen Berufskollegs und 7 niederländischen ROCs in der Euregio Rhein-Maas, die oben genannte Ler(n)ende Euregio, zeigt, wie Kontakt und Begegnung zu besseren Sprachkenntnissen, Einblicken in die Betriebskultur auf der anderen Seite der Grenze und letztendlich zu erhöhten Chancen auf dem Arbeitsmarkt beitragen können. Seit 1996 haben mehr als 11.000 deutsche und niederländische Berufsschüler und Lehrer das jeweilige Nachbarland besucht, ob in Form von Tagesausflügen oder gar mehrwöchigen Praktika jenseits der Grenze. Lehrer arbeiten grenzüberschreitend an berufsorientierten Materialien, Berufsschüler lernen gemeinsam mit einem 'Buddy' im Nachbarland Aspekte der Sprache und Kultur, die sie in ihrer Berufsausübung brauchen werden. Autorisierte Berufsbeschreibungen ermöglichen es Arbeitgebern an beiden Seiten der Grenze, bessere Sicht auf die Ausbildungsziele und erworbenen Kompetenzen im Nachbarland zu bekommen. Der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt wird somit gefördert. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Ler(n)ende Euregio die treibende Kraft hinter der aktuellen Lobby für Deutsch in der Berufsbildung ist. Jahrelange Erfahrung im Kontakt mit Deutschland hat gezeigt, wie unverzichtbar die Zugänglichkeit von Deutschunterricht an niederländischen Berufsschulen ist, um die Schüler gut auf ihre berufliche Zukunft vorzubereiten.

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014


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