XV. Studium an der Freien Universität Amsterdam

Interview mit Christine Witte (24), Studentin der Geschichte und Literaturwissenschaft auf Magister an der Universität Osnabrück und der Freien Universität Amsterdam (Sommersemester 2005).

NiederlandeNet: Wieso hast Du Dich dazu entschieden, in den Niederlanden zu studieren?
Witte: Meine Entscheidung habe ich relativ spontan gefasst. Generell wollte ich gern ein Auslandssemester in meinem Studium machen. Da ich seit Beginn meines Studiums in Osnabrück an der VHS Niederländisch-Kurse belegt hatte und ich generell sehr gerne in den Niederlanden war und auch immer noch bin, dachte ich mir, ein Studium dort könnte eine schöne und bereichernde Erfahrung sein. Natürlich erhoffte ich mir auch, meine Sprach-kenntnisse nun praktisch anwenden und verbessern zu können, was dann auch funktioniert hat.
 
NiederlandeNet: Wie hast Du Deinen Aufenthalt von Deutschland aus vorbereitet?
Witte: Die Bewerbung für das Studium in den Niederlanden lief im Rahmen des Erasmus/Sokrates-Programmes. Ich habe Informationsveranstaltungen des Akademischen Auslandsamtes der Universität Osnabrück besucht. Nachher habe ich mich in einer persönlichen Sprechstunde im Akademischen Auslandsamt beraten lassen und mich schließlich beworben. Außerdem habe ich Erfahrungsberichte gelesen, die in der Bibliothek dort ausgelegt waren. Darüber hinaus habe ich mich im Internet über die Freie Universität (Auf Niederländisch Vrije Universiteit, kurz VU) informiert und mich schon mal bei der Erasmusorganisation der VU (VUniverse) für das Tutorensystem und sonstige Angebote eingeschrieben. Dann hatte ich noch eine Telefonnummer von einem Mädchen gefunden, die schon mal in Amsterdam studiert hat und ihren Erfahrungsbericht ins Internet gestellt hatte. Mit der habe ich dann auch noch telefoniert und mir von ihr ein paar Tipps geben lassen.

NiederlandeNet: War es schwer, sich in die Niederlande einzufinden? Was hat Dich am meisten befremdet? Was hat Dich positiv überrascht?
Witte: Schwer fiel es mir nicht. Da mir die Sprache nicht ganz fremd war und das Land und die Leute aufgrund von vorherigen Familienurlauben dort auch nicht, habe ich mich schnell wohl gefühlt und habe mich recht sicher und frei ohne große Verständigungsschwierigkeiten bewegen können. Befremdet hat mich höchstes das doch recht verkommene Studentenwohnheim. Aber nachdem man sich etwas persönlich eingerichtet hatte, bekam sogar dieser 'Schrottbau' was Gemütliches. Positiv überrascht hat mich vor allem die ordentliche, saubere Universität und die sehr gute technische Ausstattung, sowie der technische und administrative Ablauf an der Freien Universität. Außerdem war ich erstaunt und erfreut über die überaus nette und freundschaftliche Betreuung durch die Ansprechpartner in Amsterdam.

NiederlandeNet: Welche Unterschiede zwischen Deiner eigenen Universität und der niederländischen sind Dir am meisten aufgefallen?
Witte: Das kam eventuell schon etwas in meiner vorherigen Antwort raus: die gute technische Ausstattung, die Sauberkeit und Ordnung und auch die zumeist angenehme (kleine) Größe der Seminare und Kurse. Extrem aufgefallen ist mir der verschultere Charakter des Studierens an der VU. Man musste deutlich mehr für die Seminare arbeiten als das an meiner Heimat-Uni in meinem Studiengang üblich ist.
 
NiederlandeNet: Woran erinnerst Du Dich im Nachhinein am liebsten, was hat Dein Aufenthalt Dir gebracht?
Witte: Der Aufenthalt war auf jeden Fall eine der schönsten Zeiten in meinem (Studien)Leben. Ich hab so viel Spaß gehabt und so viele nette Leute kennen gelernt. Außerdem habe ich mein Niederländisch verbessert, und ich habe meine Lieblingsstadt gefunden. Zudem habe ich einige interessante Seminare an der Uni belegt.
Auf jeden Fall würde ich ein derartiges Auslandssemester immer wieder machen und auch nur jedem Studierenden empfehlen, generell ein Auslandssemester zu machen und ruhig auch im Nachbarland Niederlande, von dem vielleicht zu viele Deutsche meinen, sie würden es ja schon ach so gut kennen.


Interview mit Thomas Lehmann (26), Student der Wirtschaftsmathematik auf Diplom an der Universität Leipzig. Er studierte von August 2004 bis zum Juli 2005 an der Freien Universität Amsterdam.

NiederlandeNet: Wieso hast Du Dich dazu entschieden, in den Niederlanden zu studieren?
Lehmann: Ich wollte unbedingt ein Teil meines Studiums im Ausland verbringen, um eine neue Sprache zu lernen und andere Kulturen kennen zu lernen. Des weiteren wollte ich dadurch meine Englischkenntnisse auffrischen und verbessern. Durch eine Kommilitonin, die bereits an der VU studiert hatte, wurde ich aufmerksam auf Amsterdam. Sie teilte mir mit, dass es für sie sehr spannend war und dass man dort sehr gut seine Vorstellungen eines Auslandaufenthaltes umsetzen könnte. Ein Vorteil von Amsterdam ist, dass dort praktisch jeder Englisch spricht und man deshalb nicht unbedingt die Landessprache lernen muss, um sich dort zu verständigen. Das ist ein Vorteil, der in anderen europäischen Ländern nicht unbedingt gegeben ist. Dennoch war es mein Ziel, auch zumindest teilweise die Landessprache zu erlernen, um mit den Menschen nicht nur zu kommunizieren, sondern sie auch in ihrer Denkweise zu verstehen. Dies kann man, glaube ich, nur, wenn man sich mit ihnen in der eigenen Landessprache verständigt. Daher war es für mich auch von Vorteil, dass die niederländische Sprache der deutschen sehr ähnlich ist und es für einen Deutschen meiner Meinung nach nicht sehr schwer ist, Niederländisch zu lernen.

NiederlandeNet: Wie hast Du Deinen Aufenthalt von Deutschland aus vorbereitet?
Lehmann: Zunächst besuchte ich einen Sprachkurs am Institut für Niederlandistik der Universität Leipzig. Da lernte ich einen Grundstock an Vokabular. Die Niederlandistik veranstaltete auch einen wöchentlichen Stammtisch, bei dem ‚native speakers’ dabei waren. Durch die regelmäßige Teilnahme konnte ich meinen Sprachschatz zusätzlich erweitern. Die Organisation der Unterkunft und des Studienplatzes wurden über das Erasmus-Programm bewerkstelligt, wobei mir vor allem die zuständigen Personen in Amsterdam enorm geholfen haben.

NiederlandeNet: War es schwer, sich in die Niederlande einzufinden? Was hat Dich am meisten befremdet? Was hat Dich positiv überrascht?
Lehmann: Komischerweise war es nicht gerade leicht, Niederländer kennen zu lernen. Was mich überrascht hat, ist, dass man alle ausländischen Studierenden in ein Wohnhaus zusammengesteckt hat - und dann noch gleiche Herkunftsländer in einen Gang - und somit von den einheimischen Studentinnen und Studenten getrennt hat. Ich kann nur von meinen Erfahrungen berichten und kann daher nicht mit anderen ausländischen Studienorten vergleichen, aber man erwartete doch mehr Integration in das alltägliche Leben. Letztendlich gab es zwei Gruppen: die ausländischen Studierenden und die Niederländer. Ich habe das Gefühl, dass die Integration hier in Leipzig besser läuft. Das soll nicht heißen, dass nichts für die ausländischen Gäste getan wurde, denn gerade das ESN (Exchange Student Network) hat viel für die ausländischen Studierenden organisiert. Dennoch fehlte es an einer wirklichen Integration. Ich habe über dieses Problem bereits mit einer anderen Deutschen, die ebenfalls in Amsterdam war, diskutiert. Wir sind darauf gekommen, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass ein Großteil der niederländischen Studentinnen und Studenten nur für sich studiert und ein Großteil ihres Freundeskreises noch aus der Schulzeit stammt. In Deutschland baut man sich mit Beginn des Studiums einen neuen Freundeskreis auf, da man meist sehr weit weg von zu Hause studiert. Folglich ist man hier vielleicht offener gegenüber Kommilitonen und Studierenden, die neu sind. Dass das in Amsterdam weniger der Fall war,  hat mich sehr befremdet. Positiv überrascht hat mich dagegen vor allem, wie liberal und weltoffen die Niederländer sind. Dass man sich in Amsterdam sehr gut mit Englisch durchschlagen kann, wusste ich ja bereits. Dass aber sogar die Bäckersfrau und der Mann am Kiosk perfekt englisch sprachen, hat mich echt überrascht und mir gerade in der Anfangszeit, als mein Niederländisch noch nicht ausreichte, sehr geholfen.

NiederlandeNet: Welche Unterschiede zwischen Deiner eigenen Universität und der niederländischen sind Dir am meisten aufgefallen?
Lehmann: Den größten Unterschied, der mir aufgefallen ist, habe ich ja bereits erwähnt, nämlich, dass die niederländischen Studierenden meines Erachtens weniger offen sind für neue Bekanntschaften. Ein weiterer Unterschied ist der, dass die Semester in kleinere Blöcken unterteilt wurden und es nach jeder Periode Klausuren oder ähnliches gab. In Deutschland werden ja meist erst am Ende des Semesters Klausuren geschrieben. Auch sind die Semesterferien in Deutschland länger. Ansonsten war die Freie Universität sehr modern eingerichtet und bezüglich der IT-Ausstattung auf dem neuesten Stand. Dagegen war das Essen in der Mensa nicht sehr gut und zudem noch maßlos überteuert.
 
NiederlandeNet: Woran erinnerst Du Dich im Nachhinein am liebsten, was hat Dein Aufenthalt Dir gebracht?
Lehmann: Am liebsten erinnere ich mich an die Menschen, die ich in den Niederlanden kennen lernen durfte und zu denen ich teilweise noch heute Kontakt habe. Wir haben sehr viel unternommen und andere niederländische Städte besucht. Natürlich waren auch die Partys unvergesslich. Wenn man mich fragt, was mein Aufenthalt mir gebracht hat, dann muss ich sagen, dass meine Erwartungen zum Großteil erfüllt worden sind. Ich habe eine neue Sprache gelernt, andere Menschen aus der ganzen Welt kennen gelernt, habe in teilweise endlosen Diskussionen deren Ansichten über Politik, Gesellschaft, Kultur kennen und verstehen gelernt und so auch meine Denkweise, zum Beispiel über Klischees, teilweise geändert. Des weiteren habe ich auch gelernt, von Deutschland einen gewissen Zeitraum loszulassen. So war es mir auch möglich, mein Heimatland aus einer anderen Perspektive zu sehen und ich habe gelernt, wie andere die Bundesrepublik Deutschland betrachten. Ich kann daher jedem nur empfehlen, ins Ausland zu gehen um solche Erfahrungen zu machen.

Autor: Peter van Dam
Erstellt:
November 2006