XXVI. Ein Jahr Amsterdam - Auslandsstudium in den Niederlanden

Das Niederlande-Bild vieler deutscher Studenten wird nach wie vor maßgeblich bestimmt durch die Erfahrungen und Eindrücke, die im Verlauf kurzer Ausflüge nach Amsterdam gemacht werden. Die niederländische Hauptstadt ist selbstverständlich nicht nur für junge Deutsche besonders reizvoll. Sie ist verhältnismäßig liberal, multikulturell und vielseitig und einige schätzen neben dem berüchtigten Nachtleben sicherlich auch das enorme kulturelle Angebot der Metropole.

Aus allen Ecken der Welt

Was Amsterdam unter anderem so reizvoll und lebendig macht ist die Tatsache, daß die Stadt jung ist. Welche Stadt kann schon zwei renommierte Universitäten vorweisen? Jahr für Jahr kommen ganze Horden Studierender aus den verschiedensten Ländern in die Niederlande, um einige Zeit an der Universiteit van Amsterdam (UvA) - der großen, staatlichen - oder an der Vrije Universiteit (VU) – etwas kleiner und jünger - zu studieren. Mitunter ist der Andrang so gewaltig, daß junge Leute aus nahezu allen Ecken der Welt tagelang in Schulen und Turnhallen übernachten müssen, bis sie eine finanzierbare Bleibe gefunden haben. Wer jetzt denkt: Nein danke, den Streß tue ich mir bestimmt nicht an, der weiß einfach nicht, was ihm entgeht. Meine bescheidene Meinung ist: Studieren und leben in Amsterdam ist eigentlich jede Mühe wert.
Nach einem Jahr an der VU kann ich jedem nur mit großer Begeisterung zu einem Studienaustausch raten. Wer bereits darüber nachdenkt, ob eine Amsterdamer Uni für sie oder ihn interessant sein könnte, dem wird der folgende Überblick möglicherweise ein wenig weiterhelfen.

Campus Universität

 Zunächst ein paar Fakten. Die VU ist eine typische Campus-Universität und bietet nahezu alle Fachrichtungen an. Zu Anfang des Jahres 2002 zählte die Vrije Universiteit exakt 15.777 Studenten (ein Marktanteil von etwa 9 Prozent) und sie beschäftigte rund 2000 Mitarbeiter (darunter etwa 300 Dozenten). Die Uni-Gebäude liegen etwas außerhalb des Stadtgebiets von Amsterdam, genauer gesagt im Südwesten der Stadt, an der Grenze zum Vorort Amstelveen. In direkter Nachbarschaft unterhält die VU ein Universitäts-Krankenhaus, was den verhältnismäßig hohen Anteil an Medizinstudenten aus dem Ausland erklärt.

Wohnungssuche und andere Formalitäten

Die ersten Wochen eines Auslandsjahres sind aufregend und anstrengend zugleich. Die VU gibt sich jedoch alle Mühe, es ihren neuen Studenten einfacher zu machen. Als Austauschstudent wird man in vielerlei Hinsicht unterstützt. Sowohl bei der Wohnungssuche, als auch bei der Studienplanung und der Abwicklung von Formalitäten, wie der Beantragung einer befristeten Aufenthaltserlaubnis und der Anmeldung bei Polizei und Gemeinde, helfen und informieren zuständige Ansprechpartner. Die Chance, als Austauschstudent auf dem Uni-eigenen Wohnheimgelände unterzukommen, ist recht hoch, wenn man sich zeitig bewirbt. Drei Straßenbahnhaltestellen von der VU entfernt lebt ein großer Teil der niederländischen Studenten der VU in unzähligen kleinen und großen Wohnhäusern der Universität. Auf „Uilenstede“, so heißt das Gelände, steht ein Wohnturm, der lediglich für Austauschstudenten freigehalten wird. Sicherlich keine Augenweide, aber eine relativ günstige Option auf ein Zimmer und auf eine absolut studentische Umgebung mit Kontaktgarantie.

Niederländische Kultur pur

Vrije Universiteit van AmsterdamDie soziale Komponente ist überhaupt ein absoluter Pluspunkt der VU. Die Universität unterstützt eine Studentenorganisation (VUniverse), die sich vom ersten Tag an äußerst intensiv um die eintreffenden ausländischen Studierenden bemüht. Beginnend mit einer Orientierungswoche (ISI Days), die in erster Linie zum gegenseitigen Kennenlernen dient, werden Woche für Woche verschiedene gemeinsame Aktionen angeboten. Dabei geht es vor allem darum, Kontakte zu niederländischen Studenten zu knüpfen, aber sicherlich auch um die Vermittlung von niederländische Kultur und um das soziale Leben in Amsterdam (nach einem Jahr kennt man jede Kneipe!). Ein ganz entscheidender Vorteil der VU, wie ich finde, da man auf diese Art und Weise die Niederlande eben nicht wie ein Wochenend-Tourist kennenlernt, sondern sehr schnell das Gefühl bekommt, das man wirklich in den Niederlanden lebt. Darüber hinaus bieten verschiedene Uni-Organisationen und Studentengruppen Kultur- und Sportprogramme an. Auf dem Wohnheim-Gelände gibt es ein eigenes Kulturzentrum mit Kino und Mehrzweckraum (Griffioen) und ein multifunktionales Cafe (Cafe Uilenstede), das täglich geöffnet und gefüllt ist.

Effizientes Studieren

Wer nebenbei noch Zeit zum studieren findet, wird schnell merken, daß die VU einen eigenen Studien-Rhythmus hat. Im Gegensatz zu der deutschen Einteilung in zwei lange Semester ist das Jahr in fünf kurze aber um so intensivere Abschnitte unterteilt. Durch diese Einteilung ist das Studium sehr effizient, wenngleich mitunter auch etwas hektisch. In der Regel dauert eine ’Periode’ sechs bis acht Wochen. Anschließend dient eine vorlesungsfreie Woche zur Vorbereitung auf die Prüfungswoche. Im Anschluß an die Prüfungen beginnt unmittelbar der neue Abschnitt. Semesterferien gibt es in den Niederlanden lediglich im Sommer. Dieses System wirkt nicht nur arbeitsintensiv, es ist es auch. Im Nachhinein kann ich aber nur sagen, das die Vorteile überwiegen. Mann schafft viel mehr, gewöhnt sich ohnehin schnell an den neuen Modus und studiert alles in allem abwechslungsreicher. Ein definitiver Nachteil ist die Tatsache, das man durch die kurzen Zeitspannen etwas oberflächlicher an die einzelnen Themen herangehen muß. Es fehlt oftmals einfach die Zeit.

Englisch versus Niederländisch

Da die meisten Austauschstudenten natürlich nicht firm genug sind in der niederländischen Sprache, bietet die VU ein umfangreiches Programm an englischen Kursen an. Die englische Sprache ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit in den Niederlanden, da auch rein niederländische Kurse oftmals von Gastdozenten aus den Vereinigten Staaten, Kanada oder Großbritannien gehalten werden. Eine weitere Besonderheit: sobald ein Austauschstudent an einem niederländischen Kurs teilnehmen möchte, wird der gesamte Kurs in der englischen Sprache abgehalten. Kann man sich das in Deutschland vorstellen?

Mehr als nur gesellig

Was nimmt man also mit aus einem Jahr an der Vrije Universiteit? Neben der Tatsache, daß man ein Jahr in einer der spannendsten Metropolen West-Europas lebt knüpft man Kontakte zu Studenten aus den verschiedensten Ländern. Das Lehrangebot der VU ist umfangreich und modern, die Atmosphäre auf dem Campus mehr als nur gesellig. Man lernt Englisch und, wenn man denn will, auch Niederländisch. Dazu bietet die Uni einen Einsteigerkurs für Austauschstudenten zu Beginn der ersten Periode. Gratis!

Autor: Oliver Breuer
Erstellt:
Februar 2003