XII. Hochschulen

Niederländische Hochschulen können nicht nur in eine konfessionelle und eine neutrale Gruppe unterteilt werden, sondern auch in zwei Arten von Einrichtungen: Einerseits gibt es die wissenschaftlichen Hochschulen (Universitäten), die sich zum Ziel setzen, Studentinnen und Studenten eine Ausbildung zur selbständigen und kritischen wissenschaftlichen Arbeit erhalten zu lassen. Andererseits gibt es die berufsbildenden Hochschulen, die als Hoger Beroeps Onderwijs (HBO) oder als Hogescholen bezeichnet werden und die als niederländisches Pendant zu den deutschen Fachhochschulen verstanden werden können.

Studierende in den Niederlanden (1995-2013), Quellen: MinOCW/CBS/VSNU/Vereniging Hogescholen
Studierende in den Niederlanden (1995-2013), Quellen: MinOCW/CBS/VSNU/Vereniging Hogescholen

An den niederländischen Hochschulen studierten im WinterSemester 2013/14 rund 688.000 Menschen. Diese Studierenden verteilen sich über dreizehn der vierzehn staatlich geförderten Universitäten und über die mehr als fünfzig Hogescholen. Zwei von drei Studierenden, ungefähr 440.000, studieren an diesen Fachhochschulen, deren Unterricht stärker praxisbezogen ist als an den Universitäten. An der Open Universiteit, der vierzehnten staatlich geförderten Universität in den Niederlanden, waren Ende 2012 etwa 47.000 Studierende eingeschrieben.

Die Regelstudienzeit bis zum Bachelor-Abschluss für Studiengänge an den Fachhochschulen beträgt meist vier Jahre, obwohl in vielen Fällen die Möglichkeit geboten wird, schneller zu studieren. Nach den vier Jahren dürfen die Absolventinnen und Absolventen sich mit dem Titel „Bachelor” oder „Ingenieur” schmücken. An den Universitäten beträgt die vorgesehene Studienzeit bis zum Bachelor-Abschluss lediglich drei Jahre. In einem anschließenden Masterstudiengang können sich die Studierenden in einer Fachrichtung spezialisieren. Bleiben die Studierenden bei ihrem Bachelorstudium in der Regelstudienzeit, verlängert sich ihr Studium in Abhängigkeit vom angestrebten Master um weitere ein bis drei Jahre. An den Hogescholen ist es ebenfalls möglich, einen Mastertitel zu erlangen. Vorgesehen ist diese Möglichkeit für HBO-Absolventen (Höhere Berufsbildung), die nach einschlägiger Berufserfahrung über eine akademische Weiterbildung weitere Schritte auf der Karriereleiter machen möchten.

Bildungssystem

Im niederländischen Bildungssystem hat die in der Verfassung verankerte Freiheit des Unterrichts einen hohen Stellenwert. Das heißt, jede Personengruppe mit einer bestimmten weltanschaulichen Überzeugung kann und darf sich dazu entscheiden, aufgrund dieser Überzeugung eine Schule – auch eine Hochschule – zu gründen. Deshalb gibt es die verschiedenartigsten weltanschaulich orientierten Schulen in den Niederlanden, die zusammen ungefähr die Hälfte des gesamten Schulbestandes ausmachen. So finden sich zum Beispiel protestantische, römisch-katholische, jüdische, islamische, hinduistische, genauso auch Montessori- oder Waldorfschulen. Daneben gibt es übrigens weltanschaulich neutrale Schulen, die meist von den Gemeinden getragen werden. Diese Unterteilung gibt es, wie bereits angedeutet, traditionell auch bei den niederländischen Universitäten. Einige der Universitäten entstanden als katholische Hochschulen, wie zum Beispiel die Universität in Nimwegen oder die in Tilburg. Die Vrije Universiteit in Amsterdam hingegen wurde als eine protestantische Universität gegründet. Wie auch im Falle der anderen Schulen werden diese als konfessionelle Hochschulen entstandenen Universitäten genau wie openbare, also öffentliche und weltanschaulich neutrale Universitäten, vom Staat getragen. Jede staatlich anerkannte Hochschule wird neben den einzelnen Fachbereichen auch regelmäßig auf die Anforderungen des Ministeriums für Wissenschaft und Bildung geprüft.

Probleemgestuurd onderwijs

Sowohl an den wissenschaftlichen als auch an den berufsbildenden Hochschulen gilt in den Niederlanden „probleemgestuurd onderwijs” (dt. problemgesteuerter Unterricht) als wichtigste Unterrichtsform. Im Gegensatz zu Deutschland stehen also nicht Vorlesungen, Seminare und Übungen im Mittelpunkt des Unterrichts, sondern die Studentinnen und Studenten werden herausgefordert, von den Dozenten skizzierte Probleme selbst anzugehen. Dafür wird zwar von den Lehrenden ein Angebot an möglichen Lösungshilfen bereitgestellt, Antworten müssen die Studierenden aber selbst herausarbeiten. Sie lernen so, sich Ziele zu setzen, selbst die benötigten Informationen für den Problemfall zu suchen, sich eine Struktur für ihre Arbeit zu überlegen und neue Zusammenhänge in einer Fülle von Informationen herauszuarbeiten. Auf diese Weise werden sowohl die erworbenen Fähigkeiten gefordert und nachhaltig eingeprägt, als auch die Fähigkeit, mit neuen Informationen und Problemen eigenständig zurechtzukommen, gefördert.

Ausländische Studierende in den Niederlanden:

Die meisten ausländischen Studierenden in den Niederlanden kommen aus den Nachbarländern Deutschland und Belgien. Die fünf Länder, aus denen die meisten aus Studierenden in die Niederlande kommen, sind:

  1. Deutschland (42%)
  2. China (8%)
  3. Belgien (4%)
  4. Griechenland (3%)
  5. Bulgarien (3%)

Die meisten ausländischen Studierenden in den Niederlanden wählen eine Studienrichtung im Bereich Wirtschaft und Soziales. Die Rangliste der meist gewählten Studienrichtungen:

  1. Wirtschaftswissenschaften (29%)
  2. Sozialwissenschaften (11%)
  3. Medizin/Gesundheit (11%)
  4. Jura (8%)
  5. Lehramt (7%)

Stand 2012, prozentualer Anteil unter allen ausländischen Studierenden, Quellen: MinOCW/CBS

Obwohl diese Methode anfangs manchem Studierenden ein wenig uneffektiv vorkommen mag, da es ja viel einfacher wäre, wenn ein Dozent oder eine Dozentin die Lösung herausarbeiten oder genau vorgeben würde, wie ein Problemfall zu lösen ist, zeigt die Praxis, dass die Studentinnen und Studenten nach einer Weile fähig sind, Haupt- und Nebensachen zu unterscheiden, Informationen zu suchen und einzuordnen. Außerdem können Studierende so feststellen, mit welchen Arbeitsweisen sie persönlich am besten vorankommen und sie können sich nach dem Abschluss als zu eigenständiger und kritischer Arbeit fähige Akademiker umso besser behaupten.

Die Ausrichtung auf problemgesteuerten Unterricht bedeutet aber nicht, dass die Studentinnen und Studenten an den niederländischen Hochschulen als forschende, eigenständig arbeitende Individuen vereinsamen. Erstens wird vor allem an berufsbildenden Hochschulen viel Wert auf Zusammenarbeit gelegt. Zweitens ist der Unterricht in den Niederlanden deutlich verschulter als in Deutschland. Es gibt relativ viele Stunden und der Arbeitsprozess wird intensiv von den Dozentinnen und Dozenten begleitet. Die Seminare sind zudem meist sehr klein, weshalb jeder Teilnehmer herausgefordert wird, aktiv teilzunehmen und sich einzubringen. Die geringe Größe der meisten Seminare macht es außerdem leichter, mit anderen Studierenden in Kontakt zu treten und einen guten Kontakt zu den Lehrenden zu pflegen. So sind die in Deutschland üblichen Sprechstunden an vielen niederländischen Hochschulen nicht die Regel. Studierende können in den meisten Fällen einen passenden Termin persönlich mit ihren Dozentinnen und Dozenten vereinbaren, diese haben wegen der niedrigeren Studentenzahlen pro Hochschuldozent auch mehr Zeit für persönliche Beratung und Begleitung.

Studienstruktur: Dauer und Gliederung

In den Niederlanden ist die Studienstruktur eine andere als in Deutschland. Das Studienjahr beginnt in den Niederlanden zum ersten September und ist meist in vier bis fünf verschiedene Blöcke untergliedert. Diese sind in der Regel nochmals unterteilt in Collegeweken, in denen die Studenten Seminare und weitere Lehrveranstaltungen besuchen, und Studieweken, in denen die Studierenden sich auf die jeweils am Ende eines Quartals stattfindenden Prüfungen vorbereiten. In den Sommermonaten Juli und August finden keine Lehrveranstaltungen statt. An Fachhochschulen nimmt die vorlesungsfreie Zeit einen geringeren Zeitraum ein. Die Wochen, in denen die Studierenden keine Lehrveranstaltungen besuchen, sind häufig für das Verfassen von Hausarbeiten oder Praktika vorgesehen.

Während die Regelstudienzeit im Bachelor sowohl an deutschen Hochschulen als auch an niederländischen Universitäten in der Regel sechs Semester umfasst, bieten die Hogescholen meist vierjährige Studiengänge an, die mit dem Bachelor-Grad abgeschlossen werden. Sie schließen damit an ihr altes Ausbildungssystem an, welches dem Bologna-Prozess vorangegangen ist und ebenfalls einen ersten Abschluss nach vier Jahren vorsah. In Deutschland sind Masterprogramme üblich, die für zwei Jahre konzipiert sind. In den Niederlanden werden häufig bei beiden Hochschularten Masterstudiengänge angeboten, die eine Regelstudienzeit von einem Jahr vorsehen, wobei zum Beispiel medizinische Studiengänge eine Ausnahme bilden. Dabei ist anzumerken, dass weitaus mehr Masterstudiengänge von den Universitäten angeboten werden. An den Fachhoschschulen werden oft nur Bachelorabschlüsse angeboten, mit denen ein direkter Einstieg in den Beruf angestrebt wird; Masterstudiengänge sind eher selten. Trotzdem haben sich durch die Bologna-Reform die beiden niederländischen Hochschultypen angenähert. So bieten die „hogescholen” mittlerweile auch Abschlüsse mit einem wissenschaftlichen Schwerpunkt an und im Gegenzug können die Studierenden der Universitäten auch einen Abschluss erreichen, der eher praxisorientiert auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet ist.

Die akademischen Titel

Studiengang ECTS/Jahre Jahre Titel
Berufsbildende Hochschulen 240 ECTS 4 BA
Wissenschaftliche Hochschule, Bachelorstudiengang 180 ETCS 3 BA
Wissenschaftliche Hochschule, Masterstudiengang 60-120 ECTS 1–2 MA
Wissenschafltiche Hochschule, Promotionsstudiengang - i.d.R. 3 PhD

Die Benotung von Prüfungsleistungen

In den Niederlanden liegt die durchschnittliche Bewertung deutlich niedriger als in Deutschland. So ist die Note 7, welche umgerechnet wird in eine deutsche 3,0, in den Niederlanden eine durchaus gute Note, wohingegen gerade in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern die Studierenden mit einer deutschen 3,0 eher unzufrieden sind. Auch wenn es diese Abweichungen bei der Benotung ebenso zwischen verschiedenen Universitäten und Fakultäten innerhalb Deutschlands gibt, ist ein tendenzieller Unterschied zwischen den benachbarten Ländern nicht von der Hand zu weisen.

Darüber hinaus unterscheiden sich die Prüfungskulturen und -vorgaben aufgrund der verschiedenen Modularisierung erheblich. Während in den Niederlanden auf eine Zusammenfassung von Lehrveranstaltungen in Module verzichtet wird und veranstaltungsübergreifende Prüfungen ungebräuchlich sind, erfolgen in Deutschland die Prüfungen in der Regel auf Modulebene und nicht auf der Ebene der Lehrveranstaltungen. Dies führt im Ergebnis dazu, dass in Deutschland im Vergleich deutlich weniger Prüfungsleistungen zu erbringen sind und den einzelnen Prüfungen eine deutlich höhere Bedeutung zukommt.

Internationalisierung der Studiengänge

Fällt der Blick auf die Internationalisierung der Studiengänge, so ist zwischen den benachbarten Ländern ein Unterschied bezüglich des Studienangebotes auffallend. In den Niederlanden werden deutlich mehr Studiengänge in englischer Sprache angeboten, wodurch der Hochschulstandort Niederlande besonders für ausländische Studierenden attraktiver wird. In Deutschland ist das Angebot von englischsprachigen Lehrveranstaltungen deutlich geringer. Lediglich in Studiengängen mit einem technischen, naturwissenschaftlichen oder international-ökonomischen Schwerpunkt ist die Unterrichtssprache häufig Englisch.

Autoren: Katrin Grave, Peter van Dam
Erstellt:
November 2006
Aktualisiert: April 2014, Onlineredaktion