III. Go West

Im Jahr 2012 studierten 26.050 Deutsche in den Niederlanden. Die Argumente für ein Studium im Nachbarland sind überzeugend: kein Numerus clausus (NC) verhindert den Zugang zum Traum-Studienfach. Seminare finden meist im kleinen Kreis von 14 Studenten statt, und in den Vorlesungssälen hat jeder Student ein Recht auf einen Sitzplatz. Der Professor wird geduzt, und wer eine Frage hat, schreibt eine E-Mail oder ruft ihn auf dem Handy an. Vielerorts bekommen Studienanfänger sogar Mentoren, die ihnen helfen, sich im Hochschulalltag zurechtzufinden. Und von so modern ausgestatteten Bibliotheken, Laboren und Hörsälen können deutsche Studierende nur träumen.

Das alles bekommen die Studierenden in den Niederlanden für moderate Studiengebühren von etwa 1.906 Euro im Jahr (akademisches Jahr 2014/15). Und wer nicht bei den Eltern wohnt, hat sogar Anrecht auf Studienbeihilfe: 250 Euro im Monat bekommen Studenten dann vom Staat – unabhängig vom vom Gehalt der Eltern. Im Gegensatz zum deutschen BAföG müssen die Mittel nicht zurückgezahlt werden. Deutsche Studenten sind zudem mehr als willkommen, die niederländischen Hochschulen werben aktiv um sie. Denn sie bekommen für jeden Studenten etwa 6.500 Euro von der Regierung in Den Haag. Die Einladung nehmen die Deutschen gerne an. 14 Universitäten zählt das Königreich sowie rund 40 Hogescholen. Sie sind vergleichbar mit deutschen Fachhochschulen.

Überfüllte Hörsäle, Massenuniversitäten, unterfinanzierte Bibliotheken finden die deutschen Studenten dagegen oft in der Heimat vor. Wenig verlockend. Das Schlimmste aber ist für viele der hierzulande übliche NC. Sogar ein hervorragender Abiturschnitt von 1,5 garantiert in Deutschland nicht mehr, überhaupt einen Studienplatz in einem beliebten Fach wie Psychologie zu bekommen – von freier Wahl des Studienortes ganz zu schweigen. In den Niederlanden bestehen Zulassungsbeschränkungen dagegen nur in wenigen Fächern. Für Humanmedizin und Zahnmedizin beispielsweise gilt ein sogenannter Numerus fixus. Zugelassen wird unter anderem durch ein Losverfahren.

An der Universität Nimwegen beispielsweise, die nur knapp zehn Kilometer hinter der deutschen Grenze wartet, sind konstant mehr als ein Drittel der Studierenden im Bachelor-Studiengang Psychologie Deutsche. Viele der Studenten in Nimwegen pendeln täglich über die Grenze nach Duisburg oder Kleve am Niederrhein. Die Fahrt ins Ruhrgebiet dauert mit dem Auto nur eine knappe Stunde. Generell treibt selten das Fernweh, wenn Studierende sich für die niederländischen Studentenstädte Nimwegen, Maastricht, Venlo, Groningen oder Enschede entscheiden. Die niederländischen Universitäten liegen für manchen sogar näher als die nächstgelegene deutsche Hochschule.

Allerdings: Einen Studienplatz zu bekommen ist zwar leicht, aber in den ersten Semestern wird in den Niederlanden ausgesiebt. Während es ihre Kommilitonen an deutschen Hochschulen in den ersten Semestern oft noch etwas lockerer angehen lassen, ist der Druck an niederländischen Fachhochschulen und Universitäten von Anfang an hoch. So gilt für die Psychologie-Studenten in Nimwegen: Wer nach dem ersten Studienjahr nicht mindestens zwei Drittel der vorgeschriebenen Leistungspunkte erreicht hat, darf nicht weiterstudieren. In Deutschland soll der Numerus clausus aussortieren, in den Niederlanden wird dieser Auswahlprozess in die ersten Studienjahre verschoben.

Auch von langen Semesterferien können Studenten in den Niederlanden nur träumen. Sie besuchen jeweils sechs Wochen lang Vorlesungen und Seminare, dann folgt eine Prüfungsphase von zwei Wochen. Und schon beginnt die nächste Vorlesungsreihe... Ungewohnt ist für deutsche Studenten auch der Unterrichtsstil. An den niederländischen Hochschulen gibt es kaum Frontalunterricht, stattdessen werden schon seit 1985 problembasierte Lernmethoden (PBL) eingesetzt. Die Studenten lösen in Seminaren zusammen Aufgaben und erstellen gemeinsam Hausarbeiten und Präsentationen. Das gilt für alle Fächer, ob Medizin oder International Business. Die deutschen Studierenden sind diese interaktive Arbeitsweise oftmals nicht gewohnt, viele empfinden die selbstständige Gruppenarbeit zunächst als anstrengend.

Andere Studierende flüchten nicht vor dem NC, sondern zielen von den Niederlanden aus auf ein internationales Arbeitsfeld. Während beispielsweise deutsche Psychologie-Studenten in Nimwegen die Landessprache lernen und sich meist recht schnell integrieren, sprechen die Aspiranten der internationalen Politik oder des Managements in Den Haag oder Maastricht oft selbst am Ende des Studiums nur einige Wort Niederländisch. Denn hier werden die meisten Seminare auf Englisch abgehalten, Sprachkurse sind nicht verpflichtend, und in Studiengängen wie den European Studies ist das Flair sehr international.

Studenten, die eine internationale Laufbahn anstreben, wählen beispielsweise eine Universität wie Maastricht, weil dort die Studiengebühren geringer sind als in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. Nur etwa die Hälfte der rund 4.500 deutschen Studenten vor Ort kommt aus dem Nahraum Nordrhein-Westfalen. An der Maastrichter Uni sind die Deutschen mit 30 Prozent mit weitem Abstand die größte ausländische Gruppe. Sprunghaft gestiegen ist allerdings aktuell der Anteil der Studenten aus Großbritannien: auf mehr als 500 Einschreibungen. Ursache sind vor allem die radikalen Gebührensteigerungen in Großbritannien. „Solange wie man die internationale Umgebung, die sich einem an einer Universität mit Studenten aus 135 Nationen bietet, nutzt, lernt man auch schnell genug Englisch. Leider hat in den letzten zwei Jahren die Präsenz deutscher Studenten sehr zugenommen, was dazu führt, dass man leichter dazu verleitet wird, Deutsch zu sprechen. Aber es ist natürlich eine individuelle Entscheidung; und nicht selten redet man im Sinne der Lingua franca dann eben auch Englisch mit deutschen Kommilitonen”, berichtet ein Student im Internet.

Strategisch war eine weitere Internationalisierung der niederländischen Universität seit langem gewünscht. Mit Ausnahme in der medizinischen Fakultät und der Fakultät für Psychologie ist die Unterrichts- und Verkehrssprache beispielsweise an der Universität Maastricht Englisch. Nahezu die Hälfte der Studierenden und fast ein Drittel der Lehrenden stammen nicht aus den Niederlanden. Die Universität Maastricht hat seit 2011 sogar einen deutschen Präsidenten. Der 55-jährige Mediziner Martin Paul ist der erste ausländische Leiter einer niederländischen Hochschule. Vor fünf Jahren wurde er Dekan der medizinischen Fakultät in Maastricht und übernahm wenig später die Leitung der ganzen Universität. Paul gilt als international renommierter Pharmakologe und Spezialist für Kreislauferkrankungen, außerdem war er Dekan und Vorstandsmitglied der Berliner Charité und ist als Wissenschaftsmanager europaweit vernetzt. Heute wird er als Glücksfall für die deutsch-niederländischen Beziehungen gefeiert.

Für zukünftige deutsche Diplomaten und Lobbyisten liegt der Schritt über die Grenze nahe. Studiengänge wie European Studies, International Business und European Law sprechen für sich selbst, und natürlich ist Brüssel nicht weit. In der Hauptstadt Europas gibt es längst verschiedene Netzwerke von „Maastrichtern” und „Den Haagern”.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
 März 2014