XXVII. Deutsche Studenten in den Niederlanden

Die Deutschen mögen die Niederlande. Nicht nur die Strände, Grachten und Coffeeshops. Auch die Universitäten werden immer beliebter. Studierten 1993 noch 2000 Deutsche in den Niederlanden, sind es mittlerweile knapp 10.000. Mit steigender Tendenz.

Eigentlich wollte Daniela Deja (25) in ihrer Heimat Berlin studieren. Direkt nach dem Abi lief sie zur Uni um sich für Psychologie einzuschreiben. Keine Chance, sagte man ihr dort. Denn um in Deutschland Psychologie zu studieren, muss man die Schule mindestens mit einer 1,7 abschließen. Davon war Daniela meilenweit entfernt – bei einem Abidurchschnitt von 3,7.

Keine Zugangsbeschränkung

Vor diesem Problem stehen viele Deutsche nach dem Abi. Zahlreiche Fächer wie Medizin, Biologie oder Psychologie sind mit einem Numerus Clausus belegt. Die Alternative: Warten und ein paar Semester lang etwas anderes studieren. Oder auf nach Holland. Denn an den meisten Unis der Niederlande gibt es keine Zugangsbeschränkung. Jeder kann studieren, was er will.

Wechsel von Berlin nach Amsterdam

Genau das hat auch Daniela Deja gemacht. Seit drei Jahren studiert sie Psychologie an der Universität in Amsterdam. Ihren Wechsel hat sie nicht bereut. „Man wird hier besser betreut. Wenn man ein Problem hat, dann gibt es immer einen Ansprechpartner.“ Außerdem hat sich Daniela in Amsterdam verliebt. „Die kleinen Häuschen, die Grachten, die vielen Fahrräder. Das hab ich in Berlin nicht.“ Da nimmt sie auch gerne in Kauf, dass es in Holland im Sommer nicht drei Monate, sondern nur sechs Wochen Semesterferien gibt.

Deutsche in niederländischen Hörsälen

Immer mehr Deutsche bevölkern die Hörsäle der etwa 70 niederländischen Hochschulen. Sie studieren unter anderem Psychologie in Amsterdam, Wirtschaftswissenschaften in Maastricht, Kommunikationswissenschaft in Twente oder „Horse Business Management“ in Drenthe. Ihre Zahl steigt. Nach 2000 im Jahr 1993, 4200 im Jahr 2002 studieren heute etwa 10.000 Deutsche an niederländischen Hochschulen. Auf der Beliebtheitsskala deutscher Studenten wären die Niederlande damit auf dem dritten Platz – kapp hinter England und den USA.

Gründe für ein Studium in den Niederlanden

Gründe für ein Studium in den Niederlanden gibt es genug. Erstens natürlich die Flucht vor dem bösen NC. Zweitens die Nähe: Wer im Nordwesten Deutschlands lebt, für den ist ein Wechsel nach Maastricht, Enschede oder Nijmegen schließlich nur ein Katzensprung. Drittens ist das Studium verschulter: Viele Studenten schwärmen von kleineren Seminaren, praxisnahem Unterricht und netten, ansprechbaren Dozenten. Und viertens lernt man eine Fremdsprache.

Oder auch zwei. So wie Daniela Deja. Denn in Psychologie ist die meiste Literatur auf Englisch, die Vorlesungen aber sind auf Niederländisch. „Das war am Anfang hart.“, sagt Daniela. „Aber jetzt spreche ich beide Sprachen fließend. Und das ist schon Klasse.“

Auch Danielas Kommilitonin Lilith Michaelis (23) ist glücklich mit ihrer Wahl. Nur einen Monat lang hat die Stuttgarterin „ein bisschen in Deutschland rumstudiert“ – dann ging es nach Amsterdam. Nicht nur wegen des NC. Sondern vor allem wegen des stringenteren Systems. Michaelis: „In Deutschland lernt man ein halbes Jahr und schreibt dann zehn Klausuren. Hier hat man jeden Monat eine Klausur. Man muss also immer dranbleiben“

Werben um Studenten

Ein System, dass auch Peter Stegelmann begrüßt. Der Chef des Bildungsberaters EDU-CON Strategic Consulting GmbH in Rheine berät niederländische Hochschulen, wie sie die Deutschen am besten ins Land locken können. Schließlich bedeutet jeder Student bares Geld. Stegelmann: „Die niederländischen Unis werden nicht wie die deutschen nach Gebäude und Personal bezuschusst, sondern pro Student.“ Etwa 5000 Euro bekommt eine Hochschule pro Student. Bricht der Student ab, bekommt der Staat die Summe wieder zurück. Stegelmann: „Die Unis werben also um die Studenten. Und darum müssen sie ein gutes Produkt anbieten.“

Studienkosten

Leider kostet das Produkt auch etwas. Bereits seit 1945 zahlen die Niederländer für ihre universitäre Ausbildung. Das „Collegegeld“ beträgt zur Zeit knapp 1500 Euro pro Jahr. Ausländische Studenten zahlen weniger. Denn ungefähr 900 Euro werden ihnen vom Staat wieder erstattet. Macht also 600 Euro pro Jahr. Nicht viel, wenn man bedenkt, was die Studenten in Nordrhein-Westfalen schon bald bezahlen sollen. Etwa 1000 Euro pro Jahr will die schwarz-gelbe Landesregierung unter Jürgen Rüttgers ab 2007 von den Studenten kassieren.

Der Startschuss für einen weiteren Exodus von deutschen Studenten in die Niederlande? „Vielleicht“, meint Peter Stegelmann. „Wenn in NRW Gebühren eingeführt werden, dann wandern sicher noch mehr Studenten ab. Aber andererseits plant die niederländische Regierung auch, die Rückerstattung für ausländische Studenten wieder aufzuheben. Dann wären es in NRW 1000 Euro, in den Niederlanden aber sogar 1500 pro Jahr.“

Numerus Fixus

Das Studium im Nachbarland soll nicht nur teurer werden. Auch der Zugang wird immer schwerer. Zum Beispiel in Psychologie. Im letzten Jahr wurde der so genannte Numerus Fixus eingeführt. Erst nur an einigen Unis, ab dem nächsten Semester gilt er aber im ganzen Land.

Der Numerus Fixus ist dem deutschen Numerus Clausus ähnlich. Mit dem Unterschied, dass nicht die Note ausschlaggebend ist, sondern die Anzahl der Plätze an den jeweiligen Unis. Mit anderen Worten: Wenn es an der Wunschuni genügend Plätze gibt, wird der Bewerber genommen. Gibt es allerdings zu viele Bewerber, wird gelost. Das Dumme daran: Die endgültige Entscheidung fällt erst Mitte Juli. Und dann haben viele schon eine Wohnung – und fast alle mit dem obligatorischen Niederländischkurs begonnen.

Also doch schlechte Chancen auf einen Psycho-Platz in den Niederlanden? Peter Stegelmann beruhigt: „Trotz Numerus Fixus haben letztes Jahr alle Psychologie-Studenten einen Studienplatz bekommen. Nur eben nicht immer da, wo sie wollten.“

Neue Heimat

Daniela Deja jedenfalls ist genau da, wo sie hin wollte. Und dort wird sie wohl auch noch eine Weile bleiben. Denn in Amsterdam hat sie mittlerweile nicht nur eine neue Heimat gefunden – sondern auch einen niederländischen Freund.

Autor: Dominic McVey
Erstellt:
März 2006
Aktualisiert: Online-Redaktion, August 2015

© Bayerischer Rundfunk

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