XVI. Binationale Studiengänge - Einleitung

Studieren in den Niederlanden kann eine sehr gute Idee sein, außerdem ist es praktisch problemlos in die Tat umzusetzen. Und im Grenzbereich fahren jeden Tag Arbeitspendler hin und her. Wer jetzt annimmt, es sei auch ganz einfach, an einer deutschen und einer niederländischen Hochschule zu studieren und am Ende ein Doppel-Diplom zu bekommen, der irrt leider, jedenfalls noch. Tatsächlich gibt es binationale Hochschulkorporationen und sogar die ersten Joint Degrees. Aber noch 2009 kam das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) zu dem ernüchternden Schluss, dass noch ein weiter Weg vor einer erfolgreichen binationalen Studentenkarriere liegt. Noch immer gebe es „immense Disharmonien” zwischen den Hochschulsystemen der einzelnen Länder, die jede Einrichtung solcher gemeinsamen Programme nachhaltig erschweren. Die Probleme binationaler Studiengänge würden unterschätzt, und der Aufwand für die Hochschule sei groß. Eine weitere Harmonisierung des europäischen Hochschulraumes sei daher dringend notwendig. Womöglich seien gemeinsame Studienprogramme sogar einfach zu aufwendig, um flächendeckend eingeführt zu werden – Hochschulen sollten daher verstärkt Ideen für weniger aufwendige Angebote bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern entwickeln.

Die Studie stützt sich auf Erfahrungen, die Hochschulen im Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden zwischen 2002 und 2008 gemacht haben. Damals wollten die Fachhochschulen Osnabrück, Münster und Enschede ein groß angelegtes binationales Studienprogramm verwirklichen. Von fünf geplanten gemeinsamen Studiengängen im Bachelor- und Master-Bereich wurde jedoch nur ein Master-Studiengang verwirklicht.

Das große Vorhaben scheiterte an zahlreichen Faktoren: Die Fachhochschulen konnten sich nicht einmal einigen, wie lange ein Bachelorstudium dauern sollte. In den Niederlanden ist der Bachelor an den Hogescholen auf vier Jahre ausgelegt, an den meisten deutschen Fachhochschulen auf drei. Im ersten Jahr, dem sogenannten Propädeutikum, bekommen die niederländischen Studierenden zunächst einen Überblick über ihr Fach. Sie können sich dann entscheiden, ob sie bei der Stange bleiben wollen. Die Münsteraner und die Osnabrücker schlugen vor, für die deutschen Studierenden das Propädeutikum zu streichen, was wiederum die Universität Enschede nicht überzeugte.

Ein weiteres Problem war die Finanzierung. Niederländische Hochschulen bekommen vom Staat Geld für Bachelorstudierende, der Masterbereich muss sich dagegen, anders als in Deutschland, komplett selbst finanzieren. Von Anfang an viele Masterstudiengänge einzurichten, fanden die Niederländer damit finanziell zu riskant, da die Nachfrage von Studierenden nicht abzusehen war. Zudem kostete das Bachelorstudium im Untersuchungszeitraum in den Niederlanden etwa 1.600 Euro pro Jahr und war damit etwa 50 Prozent teurer als in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Welche Summe sollten nun die binationalen Studierenden zahlen?

Trotz solcher Probleme gibt es für Studierende, die an den Niederlanden interessiert sind, einige binationale Studiengänge und andere spannende Projekte. Aufgrund der Vielfalt kann in diesem Dossier nur eine Auswahl vorgestellt werden:

Master of Journalism, Medien und Globalisierung (Erasmus Mundus)

Dieser Master konzentriert sich auf den Wandel in Journalismus und Medien durch die zunehmende Globalisierung, Modernisierung und Kommerzialisierung. Im ersten Jahr studieren die Absolventen im dänischen Aarhus und spezialisieren sich dann in einer der vier verschiedenen Disziplinen: Medien und Politik (Universität von Amsterdam), Krieg und Konflikt (University of Wales, Swansea), Finanzjournalismus (City University London) oder Interkulturalität (Universität Hamburg). Es gibt auch die Möglichkeit eines Austausches mit Berkeley, Sidney oder Santiago de Chile.
Orte: Universität von Amsterdam und Universität Hamburg
Weitere Partneruniversitäten: Danmarks Medie- og Journalisthøjskole, Aarhus Universitet, City University London, University of Wales, Swansea.
Sprache: Englisch

International Joint Master in Sustainable Development

Nachhaltige Entwicklung in interdisziplinären Netzwerken ist der Schwerpunkt dieses Master-Studiengangs. Offen ist das Programm für Studierende sowohl aus den Naturwissenschaften wie aus den Sozialwissenschaften.
Orte: Universität Utrecht und Universität Leipzig
Weitere Partner-Universitäten: Karl-Franzens-Universität Graz, Università Ca' Forscari di Venezia
Sprachen: Englisch, Deutsch und Italienisch.

European Master in Social Work
Das Programm besteht aus vier Semestern und befasst sich mit sozialer Eingliederung und der Bekämpfung der Armut aus einer europäischen Perspektive. Das erste Semester findet in Groningen und Odense statt. In den folgenden Semestern erfolgt die Festlegung des Studienortes nach der gewählten inhaltlichen Spezialisierung.
Orte: Hanzehogeschool Groningen und Katholische Hochschule Freiburg
Weitere Partnerinstitutionen: Universidad de Málaga, Vilniaus Universitetas; Professionshøjskolen Lillebaelt, Odense, Syddansk Universitet, Odense
Sprache: Englisch

Master of Science Gartenbauwissenschaften (Vegetable Production and Supply Systems „VegSys”)
In den Gartenbauwissenschaften arbeiten die Leibniz Universität Hannover und die Universität Wageningen zusammen. Schwerpunkt ist der Gemüseanbau.

Weiterbildungsangebote und Studentenaustausch

Das EU-Programm Sokrates fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen der Bildung. Unter dem Teilprogramm Erasmus laufen Aktionen für den Hochschulbereich. Insbesondere können Auslandsaufenthalte von Studierenden und Dozenten gefördert werden. 2010/11 erhielten beispielsweise 781 deutsche Studierende ein Erasmus-Stipendium für ein Auslandsstudium in den Niederlanden und 400 niederländische Studierende gingen für ein Jahr oder ein Semester nach Deutschland.

Leonardo da Vinci ist das Programm der Europäischen Union für den Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Es wird betreut von der nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung. Gefördert werden Auslandsaufenthalte zum beruflichen Lernen. Zudem werden in europäischen Partnerschaften innovative Lehr- und Lernmaterialien oder Zusatzqualifikationen entwickelt. Mit diesem Programm gingen 2012 423 Deutsche in die Niederlande.

Gemeinsame Forschung
Schon seit Mai 2006 arbeiten das Forschungszentrum Jülich und das niederländische astronomische Institut ASTRON zusammen. Im Juni 2010 gab die niederländische Königin Beatrix dann den offiziellen Startschuss für die Inbetriebnahme von LOFAR (LOw Frequency ARay), dem größten und modernsten Radioteleskop der Welt. Neben Deutschland und den Niederlanden arbeiten am LOFAR-Projekt inzwischen auch Frankreich, Großbritannien und Schweden mit.

Die Stiftung Deutsch-Niederländische Windkanäle (DNW) wurde schon 1976 gemeinsam von dem niederländischen National Aerospace Laboratory (NLR) und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegründet. Heute ist die DNW weltweit führend bei der Durchführung von Windkanal-Untersuchungen.

Initiativen wie die EU-Programme EUREKA und COST wollen grenzüberschreitende Kooperationsprojekte für anwendungsnahe Forschung fördern. Die Niederlande waren im Oktober 2011 an 78 von 574 laufenden EUREKA-Projekten beteiligt, darunter waren 21 Projekte mit deutsch-niederländischer Kooperation. Das Programm COST bietet Wissenschaftlern die Möglichkeit, sich an einer europäischen Verbundforschung zu beteiligen. Deutschland und die Niederlande beteiligen sich 2011 gemeinsam an 201 COST-Aktionen. Inhaltlicher Schwerpunkt der gemeinsamen Beteiligung war der Bereich Gesellschaft, Kultur und Gesundheit mit 31 Aktionen.

Grenzüberschreitende regionale Zusammenarbeit
Zwischen Deutschland und den Niederlanden bestehen vier regionalen Netzwerke, die von der EU gefördert werden, die sogenannten Euregios Ems-Dollart, Gronau/Enschede, Rhein-Waal und Rhein-Maas-Nord. Damit soll auch der Austausch von Wissen, Technologien und Innovationen gefördert werden. Die Prioritäten liegen auf der Stärkung der Wirtschaft, der Wissensförderung, gemeinsamen Bemühungen um Umweltschutz und erneuerbare Energien und einer Erhöhung der Lebensqualität in den Regionen. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet arbeiten in den Euregios zahlreiche fachübergreifende Netzwerke in den Bereichen Technologie und Biotechnologie, Lebenswissenschaften sowie den Informations- und Kommunikationstechnologien zusammen.

Der mit bis zu 50.000 Euro dotierte Hendrik Casimir-Karl Ziegler-Forschungspreis ermöglicht qualifizierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern aus den Niederlanden und aus Nordrhein-Westfalen einen bis zu zwölf Monate dauernden Forschungsaufenthalt im Nachbarland. Verliehen wird er seit 1998 jedes Jahr von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
März 2014