IV. Ankommen in den Niederlanden

Welche Hürden müssen deutsche Studienanfänger überwinden, um in den Niederlanden anzukommen? Von den zahlreichen Ausnahmen meist englischsprachiger Studiengänge abgesehen, steht vor dem Studium in den Niederlanden ein Intensivkurs Niederländisch. Der kann inzwischen oft schon online absolviert werden. Die Kosten für den Kurs übernehmen einige niederländische Unis nach dem ersten erfolgreich abgeschlossen Studienjahr. Lernen müssen die angehenden Studierenden allerdings noch selbst. In der Regel sind sie damit in Vollzeit drei bis acht Wochen beschäftigt, wenn sie die Sprachprüfung an der Uni bestehen wollen. Sie müssen nachweisen, dass sie im Stande sind, den Vorlesungen zu folgen, sich in Diskussionen einzubringen und die niederländische Fachliteratur zu lesen. Sprachliche Perfektion wird aber nicht verlangt. Für einigermaßen motivierte Studieninteressierte stellt der Sprachkurs damit kein großes Problem dar.

Schwieriger wird oft die Wohnungssuche. Auch in Deutschland ist es aktuell sehr schwer für Studienanfänger, eine bezahlbare Wohnung oder ein WG-Zimmer zu finden – in den Niederlanden aber wird das noch schwieriger. Mehr als die Hälfte der niederländischen Studierenden, die bei ihren Eltern leben, würde gern ausziehen, findet aber kein erschwingliches Zimmer. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Landelijke Studenten Vakbond (LSVb), in der die Folgen der Wohnungsnot unter den Studenten untersucht wurden. Die Umfrage wurde unter mehr als 700 Studenten durchgeführt.

Zudem werden viele Studenten, die ein Zimmer haben, von einigen Vermietern regelrecht ausgenommen und genießen nur wenig Kündigungsschutz. Die LSVb plädiert daher für eine entschlossenes Vorgehen der Regierung gegen private Vermieter, die ihre Macht missbrauchen und von der prekären Lage der Studenten profitieren. Die Studie zeigte auf, dass sechs Prozent der Studenten keinen Mietvertrag haben, und weiteren drei Prozent wurde es nicht erlaubt, sich offiziell bei der Gemeinde anzumelden. Letzteres bedeutet, dass sie keine Beihilfe bekommen können, um die hohen Mietkosten etwas aufzufangen. Darüber hinaus mussten laut LSVb zwölf Prozent der Studenten hohe Vermittlungsgebühren bezahlen, bevor ein Mietvertrag abgeschlossen wurde. In vielen Fällen ist das illegal, aber laut der LSVb wagen es die Studierenden oft nicht, sich zu wehren oder vor Gericht zu gehen. Denn zehn andere Interessenten nehmen dem übelsten Vermieter auch noch das düsterste Zimmer sofort ab.

Aufgrund der Wohnungsnot nehmen Studenten bei der Untermiete oft auch schlechte Qualität hin. 65 Prozent der befragten Studenten gaben an, ihre Unterkunft entspreche ihren Bedürfnissen nicht. Entweder war der Preis viel zu hoch für sie, der Raum zu klein, die Lage schlecht oder die Gemeinschaftsräume wie Bad und Küche waren nicht gepflegt und unzureichend ausgestattet. „Es ist wichtig, sich frühzeitig zu informieren. Ich kann jedem nur empfehlen, mindestens drei bis vier Monate vorher anzureisen und solange zu bleiben, bis man ein ordentliches Zimmer gefunden hat, kurzfristig ist das nahezu unmöglich oder man gibt sich letztendlich frustriert mit einer, gelinde gesagt, ‚Bruchbude’ zufrieden. Die Universität bietet manchmal Restbestände an Räumen im Studentenwohnheim neben der Universität an. Diese sind aber hauptsächlich für Exchange-Studenten vorgesehen und relativ teuer,“ berichtet ein deutscher Student im Internet.

Das wird sich ändern: die Wohnungsnot soll in den kommenden Jahren etwas abflauen. Bis 2021 wird die Zahl der Studentenzimmer schneller zunehmen als die der Studierenden. Wohnheime mit insgesamt 18.000 Zimmer werden bis 2021 neu gebaut, vor allem in Amsterdam, Delft, Leiden und Utrecht. Für die heutigen Studierenden aber ist das ein schwacher Trost. Allerdings: Auch in beliebten deutschen Studentenstädten wie Münster oder Freiburg ist die Zimmersuche eine mühsame Odyssee. Und in Großstädten wie München kommt für Studenten, die nicht aus einer reichen Familie stammen, eine Wohnung im Zentrum aus Kostengründen oft kaum in Frage.

Und wie schwer wiegen die viel beschworenen Mentalitätsunterschiede? Ein echter Kulturschock wartet nur auf die wenigsten deutschen Studenten. Die informelle, lockere Art der niederländischen Dozenten kommt auch bei den deutschen Studenten gut an; und die Mehrzahl erlebt ihre niederländischen Kommilitonen als offen und hilfsbereit. Allerdings scheint sich das Bild vom fleißigen, ordentlichen Deutschen an vielen Unis zu bestätigen. Deutsche Studierende merken oft an, dass die niederländischen Kommilitonen die Arbeit viel lockerer nehmen, weniger auf gute Noten fixiert sind und immer davon ausgehen, dass sie Abgabetermine problemlos verschieben können – was meist auch stimmt. Eine deutsche Studentin wägt ab:„Ich finde ein Nachteil des Studiums ist die unterschiedliche Arbeitsmoral von Deutschen und Niederländern. Es dauert einige Zeit bis man sich an das typische ‚komt wel goed’ (dt. ‚wird schon werden’) gewöhnt hat. Dies führt dazu, dass – je nach Gruppe – am Ende der Periode Abgabestress entsteht. Aber dies ist von Projektgruppe zu Projektgruppe unterschiedlich und muss nicht zwingend auftreten.” Die Deutschen haben im Schnitt deutlich bessere Noten als ihre niederländischen Kommilitonen. Auch nach dem Master schneiden sie im Vergleich sehr gut ab. Deutlich mehr deutsche Studenten gehen in die Forschung, promovieren in den USA, in Kanada oder Großbritannien. Unter ihren niederländischen Kommilitonen finden die deutschen „Streber” aber trotzdem gute Freunde.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
März 2014