IV. Bilinguale Realschule Niederländisch-Deutsch – ein Schulversuch

Eine ganze Reihe von weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen hat bereits in den letzten Jahrzehnten ein fremdsprachliches Profil entwickelt, unter anderem indem sie bilingualen Unterricht in ihr Angebot aufgenommen haben. Waren es zunächst nur Gymnasien, die hier einen Schwerpunkt setzten, gibt es bilingualen Unterricht im Rahmen eines Schulversuchs seit 1989 auch in Realschulen. Die überwältigende Mehrheit der Schulen wählt hierfür Englisch als Sprache.

Im Rahmen eines Modellversuchs führten Anfang der 90er Jahre aber auch vier Realschulen bilingualen Unterricht auf Niederländisch ein. In unmittelbarer Grenznähe ist diese Wahl sicherlich eine gute, wenn man bedenkt, dass unsere Welt geprägt ist vom wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenwachsen. Nationale Grenzen verlieren immer mehr an Bedeutung. Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenz entwickeln sich zunehmend zu Schlüsselqualifikationen für berufliche Qualifikation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, sicherlich in einer Grenzregion.

Was heißt bilinguales Lernen?

Es gibt durchaus verschiedene Modelle bilingualen Lernens, angefangen von in der Fremdsprache erteilten Modulen in einem oder mehreren Sachfächern - also eine Unterrichtseinheit auf Englisch oder eben Niederländisch zu einem Thema, das sich dafür anbietet – bis hin zu bilingualen Schulen oder Schulen mit bilingualen Zweigen, in denen mehrere Fächer über Jahre anteilig oder ausschließlich in der Fremdsprache unterrichtet werden.

Seit in den 1960er Jahren in Kanada ganz bewusst dieses Prinzip auf anglophone Kinder im französisch dominierten Québec übertragen wurde, hat bilinguales Lernen unter den Namen „Immersion“ und „CLIL“ (Content and Language Integrated Learning) die internationale Diskussion um das Sprachenlernen in der Schule neu entfacht. Sachfächer werden – je nach Modell ganz, anteilig oder phasenweise - in der Fremdsprache unterrichtet, sodass diese scheinbar nebenbei erlernt wird. Der Spracherwerb und die Rolle der Lehrkraft dabei unterscheiden sich vom Fremdsprachenunterricht und werden auch zum Gegenstand der Sachfachdidaktik.

Im Juni 2001 legte das Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen seinen Abschlussbericht zum Modellversuch vor. Pro Jahrgang bildeten die Schulen jeweils eine Eingangsklasse und bauten einen bilingualen Zweig bis zur zehnten Klasse aus.

Auswertung der Versuchsphase

Auf Basis eines Erlasses vom 1. Mai 1993 hatten die teilnehmenden Realschulen zunächst die Möglichkeit, Niederländisch in den Klassen 5 und 6 als Begegnungssprache anzubieten. Niederländisch wurde als zweite Fremdsprache erteilt, wobei zunächst Unterrichtssequenzen vor allem für den Sachfachunterricht, insbesondere für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, vorgesehen waren. Später wurde dann langsam der Erdkundeunterricht auf die neue Sprache umgestellt. In der 10. Klasse hatten Lehrer mindestens zwei der Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik auf Niederländisch zu unterrichten. Weitere Fächer konnten ebenfalls in das bilinguale Angebot einbezogen werden.

Für die Schulen in Borken, Emmerich, Gronau und Kleve hatte die Möglichkeit gesprochen, sich mit Schulen und Menschen in den Niederlanden austauschen zu können. Viele Schüler stammten zudem aus Familien, in denen Mutter oder Vater aus dem Nachbarland stammten. Mehr als ein Drittel kam täglich mit der Sprache in Berührung. Zum Teil hatten einige schon in der Grundschule Erfahrungen mit Niederländisch als Begegnungssprache gemacht. Während ihr eigener Lebenskontext eine wertvolle Basis für den Schulversuch darstellte, nahmen auch Kinder ohne Fremdsprachenvorkenntnisse an dem Projekt teil.

Über das Ergebnis des Versuchs konnten sich die Beteiligten freuen. Die Kooperation mit benachbarten niederländischen Schulen hat sich insgesamt als relativ leicht durchführbar, hilfreich und anregend erwiesen. Besonders hoch wurde von den Unterrichtenden das Interesse nicht nur der Schülerinnen und Schüler, sondern auch der Eltern am bilingualen Unterricht veranschlagt. Vorrangige Gründe der Eltern für die Wahl des bilingualen Zweiges waren nachbarschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu Niederländern sowie regelmäßige Ferienaufenthalte ihrer Kinder in den Niederlanden, aber insbesondere auch die Aussicht auf bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt im deutsch- und niederländischen Grenzgebiet. [1]

Niederländisch zunächst als Begegnungssprache einzuführen, erwies sich als überaus erfolgreich. Anders als in den Regelklassen hatten die Versuchsschüler in der siebten Klasse weniger Schwierigkeiten mit der neuen Sprache. Die Schüler zeichneten sich durch ein ausgeprägtes Hörverstehen, bessere Aussprache, Sprech- und Lesefertigkeiten aus. Das Lerntempo ließ sich eher beschleunigen. Die Lernmotivation war größer. Dass nur in wenigen Fällen Schülerinnen und Schüler im Verlauf der Erprobungsstufe den bilingualen Zug verließen, zeigte, dass offensichtlich die Unterrichtsrealität der durch die intensiven Beratungen vor und bei der Anmeldung bewirkten Erwartungshaltung gerecht wurde.

Fach Erdkunde idealer Einstieg

Als Sachfächer für den bilingualen Niederländischunterricht boten sich zu Beginn jene an, in denen die Schüler die Lücke zwischen ihren intellektuellen und fremdsprachlichen Fähigkeiten schnell überwinden konnten. Möglich war dies insbesondere im Erdkundeunterricht. Sachverhalte sind hier konkret und wurden so auch in der Fremdsprache verständlich. Innerhalb von Unterrichtsreihen etwa zum Thema „vakantie aan zee“ veranstalteten Lehrer Austausche mit Partnerschulen und Exkursionen. Anders als in Erdkunde konnten im Fach Geschichte bestimmte Themenbereiche nur bedingt im Unterricht behandelt werden. Schulintern einigten sich die Lehrer etwa darauf, „die Niederlande im Zweiten Weltkrieg” oder „den Aufstand in Spanien” zu behandeln. Da es sich hier um ein weniger anschauliches Fach handelte, wurde eine höhere Sprachkompetenz erforderlich. Geschichte auf Niederländisch bot sich daher erst in den Klassen 9 und 10 an.
Und heute?

Nach erfolgreichem Abschluss der Versuchsphase im Jahre 2001 erlosch die wissenschaftliche Begleitung. Schulen und Kollegien, die das Profil der Bilingualität erhalten wollen, müssen sich – neben den anderweitig gestiegenen Anforderungen an ihren Beruf – dafür engagieren. Für das Fach Niederländisch bedeutet das, dass Lehrer mit der Fächerkombination Niederländisch und Erdkunde oder Niederländisch und Geschichte an der passenden Schule eine Anstellung finden müssen. Nicht immer passen Personal und Stellenangebote zum gefragten Zeitpunkt zusammen. Auch muss geprüft werden, ob angesichts demografischer Entwicklungen und sinkender Schülerzahlen, Schulreformen und Neuentwicklung der Schullandschaft in der Stundentafel genügend Platz ist, um einen bilingualen Zweig verlässlich organisieren zu können.

Überlegungen können den Einbezug neuer Fächer betreffen (z. B. Kunst und Musik in der Borkener Realschule). Auch neue Schulen entscheiden sich für ein bilinguales Angebot, wobei neue, durch Zusammenschluss entstandene und größere Schulformen vielleicht eine Chance darstellen: So hat die Gemeinschaftsschule Rheinberg das Modell adaptiert (mit dem Einstiegsfach Gesellschaftslehre und bilingualen Modulen in Geschichte, Erdkunde und Politik).


[1] Vgl. Glaap, Albert-Reiner/Müller-Schneck, Elke: Schulversuch Bilingualer Unterricht an Realschulen in Nordrhein-Westfalen. Abschlussbericht 2001, Düsseldorf 2001, URL: http://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulsystem/Unterricht/Lernbereiche-und-Faecher/Fremdsprachen/Bilingualer-Unterricht/BerichtRL.pdf (stand: 02. Juni 2014).

Autoren: Yvonne Globert
Erstellt: 2005
Aktualisiert: Veronika Wenzel, Juni 2014