II. Das deutsche Schulsystem im Hinblick auf Fremdsprachenerwerb

Anders als in den Niederlanden setzt der Unterricht in der ersten Fremdsprache (in der Regel Englisch) früh ein. In einer Reihe Bundesländern, worunter auch Nordrhein-Westfalen, geschieht dies bereits in der ersten Klasse.

Die allgemeinbildenden Schulformen in der Sekundarstufe unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. „Das deutsche Schulsystem“ gibt es eigentlich nicht. Die Kultusministerkonferenz unterscheidet nach Bildungsgängen, also nach Abschlüssen. Diese sind der Hauptschulbildungsgang, der Realschulbildungsgang und der gymnasialen Bildungsgang. Die Schulformen, an denen sich die Abschlüsse Hauptschulabschluss, Realschulabschluss und Allgemeine Hochschulreife erwerben lassen, können anders lauten: Gesamtschule, Sekundarschule, Gemeinschaftsschule, etc.  Die einzige Schulart, die es in allen Ländern unter demselben Namen gibt, ist das Gymnasium. Die allgemeinbildenden Schulen des Sekundarbereichs I und Sekundarbereichs II vermitteln eine allgemeine Grundbildung bzw. vertiefte Allgemeinbildung.

Grundstruktur des Bildungswesens in der Bundesrepublik Deutschland, Quelle: Eigene Darstellung nach Grafik der Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder[1]

Berufsbildende Schulen

Berufsbildende Schulen vermitteln neben allgemeinbildenden Inhalten Fachwissen und führen zu berufsqualifizierenden Abschlüssen. Auch hier bewirken länderrechtliche Zuständigkeiten eine große Diversität an Schulformen und Bezeichnungen. Übergreifend sind die dualen Teilzeitausbildungen (in Betrieb und Schule) der Berufsschule, die Vollzeitausbildungen in Berufsfachschule, Fachoberschule, Berufsoberschule und Beruflichem Gymnasium. Schülerinnen und Schüler erwerben dort neben Berufsqualifizierungen auch allgemeinbildende Abschlüsse, wie den Realschulabschluss, die Fachhochschulreife oder die Allgemeine Hochschulreife.

Unterricht in der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen

Aufgrund oben genannter länderrechtlicher Befugnisse unterscheiden sich die Schulen der einzelnen Bundesländer. Im Folgenden wird daher vorrangig auf Nordrhein-Westfalen eingegangen. Dort findet auch der meiste Niederländischunterricht statt. Daneben ist Niedersachsen ein weiteres wichtiges Bundesland, in dem Schülerinnen und Schüler Niederländisch lernen.

Haupt- und Realschule

Der Englischunterricht aus der Grundschule wird in Haupt- und Realschule fortgeführt. In der Realschule wird in Klasse 6 Unterricht in einer zweiten modernen Fremdsprache erteilt. Das ist in der Regel Französisch, in knapp 50 oftmals grenznah gelegenen Realschulen ist es Niederländisch. Ab Klasse 7 wird neben dem fremdsprachlichen ein naturwissenschaftlich-technischer, ein sozialwissenschaftlicher und ein musikalisch-künstlerischer Schwerpunkt gebildet.

Die Sekundarstufe I der Gesamtschule

Die Gesamtschule ist eine Schule, in der die Kinder länger gemeinsam lernen und hält Laufbahnentscheidungen möglichst lange offen. Es finden sich daher dort Kinder und Jugendliche aller Leistungsstärken, die in diversen Formen der Differenzierung unterrichtet werden. 

Die Gesamtschule umfasst in der Sekundarstufe I die Klassen 5 bis 10 und in der Sekundarstufe In der Gesamtschule dauert die Sekundarstufe I ebenfalls von der 5. Bis zur 10 Klasse. Hier setzt die zweite Fremdsprache – zum Beispiel Niederländisch - wie in der Realschule  in der Klasse 6 ein, oder aber die Fächer  Arbeitslehre (Technik, Wirtschaft, Hauswirtschaft) oder Naturwissenschaften. Zusätzlich kann die Schule den Lernbereich Darstellen und Gestalten anbieten.

Ab Klasse 8 wird eine weitere Fremdsprache als zweite oder dritte Fremdsprache angeboten.
Um den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden, bietet die Gesamtschule in einigen Fächern unterschiedliche Fachleistungsebenen an. Ab Klasse 7 gibt es Fachleistungsebenen in Englisch und Mathematik, ab Klasse 8 oder 9 in Deutsch und ab Klasse 9 in Physik oder Chemie. Bis zur Klasse 10 können die Jugendlichen bei entsprechender Leistung zwischen Grund- und Erweiterungsebene wechseln, in der Regel zu Beginn des Schuljahres. Zusätzliche Förderangebote und Ergänzungsstunden begleiten den Wechsel der Leistungsebene und ermöglichen z. B. die Aufarbeitung von Lernrückständen.

Die Sekundarschule und Gemeinschaftsschule: Schulform für die Sekundarstufe I seit 2011

Mit Inkrafttreten des 6. Schulrechtsänderungsgesetzes am 20. Oktober 2011 wurden  neue Schulformen  der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen etabliert. Sie sollen neben den anderen bereits bestehenden Schulformen der Sekundarstufe I und II (Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule) ein umfassendes und wohnortnahes Schulangebot gewährleisten. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung und der sich wandelnden Abschlussorientierung der Eltern wurden kleinere Haupt- und Realschulen nicht mehr aufrechterhalten. Dennoch gibt es einen Bedarf an einem wohnortnahen Schulangebot. 

Ähnlich wie in der Gesamtschule – jedoch ohne gymnasiale Oberstufe – ist die Sekundarschule eine Schule des längeren gemeinsamen Lernens. Die Kinder und Jugendlichen lernen mindestens in den Klassen fünf und sechs gemeinsam. Ab dem 7. Jahrgang kann der Unterricht integriert, teilintegriert oder in mindestens zwei getrennten Bildungsgängen (kooperativ) erfolgen. Die zweite Fremdsprache im sechsten Jahrgang wird fakultativ angeboten; ein weiteres Angebot für die zweite Fremdsprache wird, wie am Gymnasium und der Gesamtschule, ab Jahrgangsstufe acht eröffnet.

Die Gemeinschaftsschule unterrichtet Kinder unterschiedlicher Begabungen und Biografien und setzt an den individuellen Voraussetzungen an.  Sie verfügt entweder über eine eigene gymnasiale Oberstufe oder schließt eine Kooperation mit einer Schulform der Sekundarstufe II in der Nähe.

Die Sekundarstufe I des Gymnasiums

Im Gymnasium dauert die Sekundarstufe I seit der Reform nur acht Jahre (“G8“).  Auch dort wird als erste Fremdsprache Englisch fortgeführt. Die Schule kann ab Klasse 5 außerdem eine andere moderne Fremdsprache oder Latein anbieten. Ab der Klasse 6 wird eine zweite Fremdsprache unterrichtet; in der Regel Französisch oder Latein. Eine dritte Fremdsprache wird ab Klasse 8 zur Wahl gestellt, im Rahmen dieses Wahlpflichtunterrichts wird an einer Reihe von Schulen Niederländisch erteilt, häufig gewählte Alternativen sind Spanisch, Italienisch oder Latein.

Die Sekundarstufe II der allgemeinbildenden Schulen: gymnasiale Oberstufe

Gesamtschulen und Gymnasien, die in der Sekundarstufe I Niederländisch unterrichten (in der Gesamtschule ab Klasse 6, im Gymnasium ab Klasse 8), führen diesen Unterricht in der Sekundarstufe II fort. Niederländisch kann dann sowohl als Leistungskurs oder als Grundkurs gewählt werden. Schülerinnen und Schüler, die aus einer anderen Schulform in die gymnasiale Oberstufe wechseln, bekommen oftmals dort das Angebot, die Sprache neu in einem dreijährigen Grundkurs zu erlernen. Dann spricht man von einer neueinsetzenden Fremdsprache.

Zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife (Abitur) wählen die Schüler eine feste Anzahl mündlicher und schriftlicher Prüfungsfächer aus. Die Wahl ist bestimmten Regeln unterworfen und die schriftlichen Abiturprüfungen erfolgen zentral. Das bedeutet, dass die Standards an allen Schulen gleich definiert sind und die Aufgaben vom Ministerium am Prüfungstag übermittelt werden.  Mit dem Abitur können die Absolventen ein Studium aufnehmen oder eine andere Ausbildung beginnen.

Die Sekundarstufe II der berufsbildenden Schulen: Berufskollegs

Das Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen ist eine Schulform der Sekundarstufe II und mit den beruflichen Schulen in anderen Bundesländern vergleichbar. Es vermittelt in einem differenzierten Unterrichtssystem in einfach- und doppeltqualifizierenden Bildungsgängen eine berufliche Qualifizierung (berufliche Kenntnisse, berufliche Weiterbildung und Berufsabschlüsse). Darüber hinaus können vom Hauptschulabschluss bis zur Allgemeinen Hochschulreife alle allgemeinbildenden Abschlüsse erworben bzw. nachgeholt werden. Im Rahmen aller Bildungsgänge, die auch Fremdsprachenkenntnisse vermitteln, ist das Angebot Niederländisch möglich.

Private Schulen

Alternativen zu den öffentlichen Schulen stellen Schulen in freier Trägerschaft (private Schulen) dar. Handelt es sich dabei um Ersatzschulen, sind deren Formen und Angebote mit denen der öffentlichen Schulen vergleichbar und ebenso anerkannt. Dies gilt, sofern sie von den zuständigen Bezirksregierungen für ihre Unterrichtsinhalte eine Genehmigung erhalten haben. In freier Trägerschaft befinden sich ferner sogenannte Ergänzungsschulen, deren Unterrichtsinhalte sich von denen staatlicher Schulen und Ersatzschulen unterscheiden. Zu unterscheiden sind allgemein bildende, berufsbildende und ausländische Ergänzungsschulen.


[1] KMK (Hrsg.): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland 2011/2012, URL: http://www.kmk.org/fileadmin/doc/Dokumentation/Bildungswesen_pdfs/dossier_de_ebook.pdf (Stand 02.Juni 2014).

Autoren: Veronika Wenzel
Erstellt: Juni 2014