I. Einleitung

In der Nachkriegszeit hatten sich Niederländer und Deutsche nicht mehr viel zu sagen. Dass dies nicht so blieb, ist zu einem großen Teil nordrhein-westfälischen Pädagogen zu verdanken, die Anfang der 60er Jahre begonnen hatten, die Sprache des Nachbarlandes an ihren Schulen einzuführen. Die nachfolgenden Generationen sollten wieder miteinander ins Gespräch kommen. Und tatsächlich: Das Eis ist längst getaut.

Schulfach Niederländisch

Niederländisch als reguläres Unterrichtsfach ist in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen inzwischen gut etabliert. Zieht man zwischen Aachen im Süden und Aurich im Norden auf der Karte einen Strich von etwa 50 Kilometern parallel zum Grenzverlauf, so ergibt sich das Gebiet, in dem die meisten Schulen liegen, die Niederländisch in ihren Fächerkanon aufgenommen haben. Wahre Hochburgen liegen in den nordrein-westfälischen Kreisen Kleve, Borken und Steinfurt. Es gibt das Fach an allen Schulformen, inklusive der Leistungskurse in der Oberstufe.

War die Annäherung zweier Völker das Motiv der Nachkriegszeit, so gewannen zunehmend Arbeitsmarkt und Außenwirtschaft an Bedeutung für jene, die Niederländisch lernen. 26.735 Schüler, mehr als dreimal so viele wie noch 1995, nahmen im Schuljahr 2016/2017 am Niederländischunterricht teil (Daten des MSW , nur Regelunterricht). Viele von ihnen planen, ihr Studium oder ein Praktikum im Nachbarland zu verbringen, für andere jedoch ist eine interessante Alternative zum Französisch- oder Spanischunterricht.

Länderübergreifendes Engagement in der Bildungspolitik

An diesen Möglichkeiten orientieren sich auch heute immer wieder Initiatoren in der Bildungspolitik, die Maßnahmen für einen grenzüberschreitenden Bildungs- und Wissenschaftstransfer einfordern. Eine enge Zusammenarbeit besteht etwa zwischen dem nordrhein-westfälischen Schulministerium und der Taalunie, die sich unter anderem für eine Verbreitung der niederländischen Sprache im Schulwesen der Nachbarländer einsetzt. Nordrhein-Westfalen nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Gemeinsame Projekte zielen dabei auf die Entwicklung von Sprachzertifikaten und die Lehrerfortbildung.

Lehrerbildung

Die Ausbildung der Niederländischlehrer erfolgt derzeit in den beiden Bundesländern an den Universitäten Münster, Köln und im niedersächsischen Oldenburg. An den Universitäten Köln und Münster reicht die Lehrtradition in niederländischer Sprache und Literatur zurück bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Köln erhielt im Jahre 1965 einen Lehrstuhl, Münster 1969 und Oldenburg folgte 1981, richtete jedoch erst 1990 die Möglichkeit der Erweiterungsprüfung für das Lehramt und 2004 den grundständigen Lehramtsstudiengang ein. Über die Geschichte der Niederlandistik in Deutschland informieren diverse Studien. [1]

Netzwerke

Lehrerinnen und Lehrer haben längst feste Netzwerke gesponnen, über die sie Unterrichtsmaterialien austauschen und Fortbildungen organisieren, etwa die Fachvereinigung Niederländisch e.V. Auch finden über Fachberater und Fachmoderatoren in den drei Regierungsbezirken Nordrhein-Westfalens, in denen Niederländischunterricht angeboten wird (Köln, Münster, Düsseldorf) Lehrerfortbildungen für die einzelnen Schulformen statt.

Schüleraustausch

Schulpartnerschaften sind an den Schulen mit Niederländischunterricht eher die Regel als die Ausnahme. Schülerinnen und Schüler tauchen so in Sprache und Alltag des Nachbarlandes ein. Dieser schnelle Blick über den Tellerrand ist es auch, der den Niederländischunterricht an nordrhein-westfälischen (und den niedersächsischen) Schulen - vor allem in den Grenzgebieten - auszeichnet: Einkaufsbummel und Kontakte zu Einwohnern des anderen Landes gehören zum normalen Alltag der Lerner. Die schnelle und nahezu alltägliche Befähigung zu interkulturellem Handeln und eine hohe Lernprogression sind didaktische Besonderheiten des Faches. Und noch etwas kommt hinzu: Wer sich für einen längeren Zeitraum auf der anderen Seite der Grenze aufhält, nimmt die Position des Nachbarn ein und betrachtet aus der Distanz seine eigene Identität. Zu einem solchen Perspektivwechsel befähigt auch der Niederländischunterricht und trägt somit zur Selbstreflexion und zum Verständnis - für das Fremde wie das Eigene – bei.


[1] z.B. Hüning, Matthias/Konst, Jan/Holzhey, Tanja (Hrsg.): Neerlandistiek in Europa, Bijdragen tot de geschiedenis van de universitaire neerlandistiek buiten Nederland en Vlaanderen, in: Reihe Niederlande-Studien Bd. 49, Münster 2010.

Autoren: Yvonne Globert, Veronika Wenzel und Online-Redaktion
Erstellt:
2005
Aktualisiert: November 2017