Deutschlehrermangel in den Niederlanden: Chance für deutsche Muttersprachler

Ein Gespräch mit Synke Hotje von der Europees Platform

Insgesamt 4.300 Sekundarstufenlehrer zu wenig – das ist die Prognose des niederländischen Bildungsministeriums für die kommenden zwei Jahre. Und auch für das Jahr 2020 geht das Ministerium von einem Lehrermangel im Umfang von rund 1.500 Stellen aus. Neben Mathematik- und Physiklehrern sind vor allem Deutschlehrer Mangelware, wie Zahlen des Statistikdienstes Stamos aus dem Januar 2012 belegen.[1][2] Schulleiter, die gefragt wurden, für welche Stellen sie nur schwierig Personal finden, nannten jene Deutschlehrer an dritter Stelle; noch vor Chemie-, Griechisch- und Lateinlehrern.

„Muttersprachler können dem Unterricht ganz andere Impulse geben”

„Bereits jetzt gibt es zu wenige Deutschlehrer und auch für die Zukunft wird von einem Lehrermangel ausgegangen”, bestätigt auch Synke Hotje vom Institut zur Internationalisierung des Unterrichts, der Europees Platform. Das Informationszentrum mit Sitz in Haarlem versucht jedes Jahr ungefähr 15 potentielle Deutschlehrer aus deutschsprachigen Ländern in die Niederlande zu holen. Das Geld hierfür kommt sowohl aus Den Haag als auch aus Brüssel. „Muttersprachler können dem Unterricht ganz andere Impulse geben. Sie sind eine Bereicherung”, so Hotje, die interessierte Deutsche und Österreicher für das Programm gewinnt und das Auswahlverfahren begleitet.

Europees-platform  Die Europees Platform hat sich zum Ziel gesetzt, durch eine Förderung der Internationalisierung die Qualität im Unterricht zu verbessern
Europees-platform Die Europees Platform hat sich zum Ziel gesetzt, durch eine Förderung der Internationalisierung die Qualität im Unterricht zu verbessern
© Synke Hotje

An Schweizer mit deutscher Muttersprache wendet sich die Europees Platform nicht aktiv. „Das liegt daran, dass für Nicht-EU-Bürger das Aufenthaltsrecht komplizierter geregelt ist.” Dies hat zur Folge, dass Teilnehmer mit allerlei zusätzlichen Formalitäten rund um die Immigration konfrontiert werden. Neben den Deutschlehrern, die nach der entsprechenden Ausbildung allein vor der Klasse stehen, versucht die Europees Platform auch Sprachassistenten für einen zehnmonatigen Aufenthalt in den Niederlanden zu gewinnen. Sprachassistenten unterrichten nicht alleine, sondern unterstützen die Fachlehrer durch ihre Anwesenheit. „Dieses Jahr sind es zwölf Sprachassistenten”, so Hotje.

Finanzielle Unterstützung für angehende Deutschlehrer

Sprachassistent können deutsche Muttersprachler werden, wenn sie einen Lehramts-, Diplom- oder Magisterstudiengang in einem relevanten Fach studieren oder studiert haben und oder Erfahrungen im Bereich Deutsch als Fremdsprache vorweisen können. Sprachassistenten bekommen von der Europees Platform sogar ein Stipendium von 800 Euro pro Monat: zehn Monate sind sie im Land.

Synke Hotje
Synke Hotje
© Synke Hotje

Wer Deutschlehrer in den Niederlanden werden will, muss sich zunächst die Frage stellen, welche Klassenstufen er unterrichten möchte. Um in der Sekundarstufe I unterrichten zu können, braucht man eine Berechtigung zweiten Grades (2e graads). Diese bekommt man durch eine entsprechende zweijährige Ausbildung an einer niederländischen Fachhochschule. Voraussetzung, um diese Ausbildung beginnen zu dürfen, ist ein Bachelorabschluss in einem beliebigen Fach. Die Europees Platform unterstützt die angehenden Deutschlehrer im ersten Jahr monatlich mit 900 Euro.

Wer auch die oberen Klassen unterrichten will, benötigt die Berechtigung ersten Grades (1e graads). Interessierte sollten Deutsch als Fremdsprache oder Germanistik studiert haben. „Man muss sowohl Linguistik als auch Literaturwissenschaft belegt haben”, erklärt Hotje, „für 1e graads-Kandidaten herrscht eine ziemlich strenge Auswahl.” Wer ausgewählt wurde, bekommt von der Europees Platform ebenfalls ein Jahr lang ein Stipendium in Höhe von 900 Euro pro Monat.

Uitstroom größer als instroom

Synke Hotje, die aus Hannover stammt, hat das Programm, das sie nun betreut, selbst durchlaufen: zunächst als Sprachassistentin, dann ließ sie sich an der Universität Utrecht zur 1e graads-Deutschlehrerin ausbilden. Inzwischen ist sie schon zehn Jahre im Land; den drohenden Deutschlehrermangel trotz sinkender Schülerzahlen erklärt sie dann auch mit zwei niederländischen Begriffen: „Der uitstroom ist größer als der instroom.”

Das bedeutet, dass von den zurzeit in den Niederlanden arbeitenden Deutschlehrern in Kürze viele in Rente gehen werden – also aus dem Schuldienst uitstromen (dt. ausströmen). Gleichzeitig wird mit wenig neuen Deutschlehrern gerechnet, die instromen (dt. zuströmen). „Es gibt momentan ganz wenig Germanistikstudenten in den Niederlanden”, so Hotje. „Mittels dieses Programms versuchen wir jedes Jahr rund 15 Lehrer für die Niederlande dazuzugewinnen. Und die werden auch bisher alle gut untergebracht.”

Sprachunterricht attraktiver machen

Daneben bietet die Europees Platform auch den nicht muttersprachlichen Deutschlehrern Fortbildungen an, um den Sprachunterricht attraktiver zu gestalten. Der Fokus im Sprachunterricht solle stärker auf der Frage liegen, ob etwas verständlich ist, nicht ob es grammatikalisch korrekt formuliert wurde. Auch wird den Lehrern innerhalb des Programms LinQ vermittelt, sich weniger an Lehrbüchern festzuklammern und verstärkt die „echte Welt” in den Unterricht einzubinden – zum Beispiel durch einen Schüleraustausch oder einen muttersprachlichen Sprachassistenten. „Ein kleines Programm mit viel Effekt!”, ist Hotje überzeugt.

Spaß beim Deutschlernen steht im Vordergrund
Spaß beim Deutschlernen steht im Vordergrund
© Synke Hotje

Attraktiver Sprachunterricht, der Spaß macht, kann langfristig vielleicht auch wieder für mehr Germanistikstudenten in den Niederlanden sorgen. Bis dahin jedoch, haben deutsche Muttersprachler über die Europees Platform eine reelle Chance auf einen Berufseinstieg als Deutschlehrer in den Niederlanden.


[1] Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap: Nota Werken in het Onderwijs 2012, Den Haag 2011.
[2] Berg, Deborah van den: Tekortvakken in het voortgezet onderwijs, 2012, Onlineversion.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt:
April 2014