V. Städtische Archive

Städte und Kommunen sind wie andere öffentliche Institutionen dazu verpflichtet, ihre Akten zu archivieren und zur Einsicht zur Verfügung zu stellen. Kleinere Archive haben im Laufe der Jahre oft die Zusammenarbeit gesucht, was zur Herausbildung regionaler Archive geführt hat. In größeren Städten gibt es bedeutende selbständige städtische Archive. Hier sollen deshalb die Archive von Amsterdam, Den Haag und Rotterdam besprochen werden.

Stadsarchief Amsterdam

Das Amsterdamer Stadtarchiv verfügt über eine breit gefächerte Kollektion von Archivalien, die sich auf die Stadt Amsterdam beziehen. In dem stattlichen Gebäude De Bazel an der Vijzelstraat, das früher der Nederlandsche Handel-Maatschappij (dt. Niederländischen Handels-Gesellschaft) gehörte, stehen den Besuchern Materialien staatlicher und privater Archive, eine Bibliothek, audiovisuelle Quellen und eine Sammlung von Bildquellen über die Stadt zur Verfügung.

Ungefähr die Hälfte der Sammlung geht auf verschiedene städtische Institutionen wie den Stadtrat, die Büros des Oberbürgermeisters und der Bürgermeister, das Personalregister oder auf städtische Abteilung wie die Hafenbehörde und die Feuerwehr zurück. Auch die Bestände von staatlichen Organisationen, die früher in der Stadt aktiv waren, sind teilweise im Stadtarchiv vorhanden – beispielsweise ältere juristische Akten sowie Tauf-, Heirats- und Bestattungsurkunden.

Die andere Hälfte der Archivsammlung geht auf verschiedenartige private Organisationen und Personen zurück. Darunter befinden sich Beispielsweise die Familienarchive prominenter Amsterdamer Familien, die einen Einblick in das vielfältige soziale, politische und wirtschaftliche Treiben der Amsterdamer Oberschichten bieten. Betriebsarchive von Amsterdamer Unternehmen wie der Bierbrauerei Heineken oder dem Kaufhaus De Bijenkorf erweitern diese Perspektive. Außerdem sind auch die Bestände von verschiedenen Kirchen, Krankenhäusern, Schulen und kulturellen Einrichtungen im städtischen Archiv zu Hause. Die Bibliothek des Archivs verfügt neben einer großen Sammlung der Publikationen über die Stadt auch über Pamphlete, Broschüren, Werbungsdruckwerk und Programmhefte sowie über eine große Zeitungssammlung. In der audiovisuellen Sammlung sind nicht nur die Archive städtischer Rundfunkdienste untergebracht, sondern beispielsweise auch Aufnahmen aus dem Amsterdamer Konzerthaus (Concertgebouw) und Informationsfilme städtischer Abteilungen.

Haags Gemeentearchief

Im Archiv der Stadt Den Haag, dem Haags Gemeentearchief, findet sich eine Sammlung, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Neben den Akten, welche die Geschichte der städtischen Institutionen von Den Haag, Loosduinen und Scheveningen beleuchten, hat man auch viele private Nachlässe in die Bestände aufgenommen.

Das Haags Gemeentearchief beteiligt sich aktiv an dem Erkunden der Möglichkeiten der Digitalisierung für Archive. Es hat einen virtuellen Lesesaal eingerichtet, in dem online Zeitungen aus der Stadt, Berichte und Protokolle des Stadtrats aus der Zeit vor 1955, aber auch notarielle Akten und Stammbücher und die Jahresberichte der historischen Gesellschaft Die Haghe eingesehen werden können. Genealogen können von zu Hause aus mit dem digitalen Stammbaum die freigegebenen Akten des Standesamts durchsuchen. Kurze Darstellungen der Geschichte der Stadt und ihrer verschiedenen Viertel können außerdem online durchstöbert werden. Zudem betreibt das Archiv zwei digitale Datenbanken mit historischen Bildern der Stadt und mit Filmmaterial aus der Geschichte Den Haags.

Um ihre Sichtbarkeit und die Beachtung ihrer Sammlungen zu vergrößern, richtet das Archiv außerdem an verschiedenen Orten in der Stadt regelmäßig Ausstellungen aus.

Stadsarchief Rotterdam

Das Stadsarchief Rotterdam gehört zu den ältesten Archiven der Niederlande. Es geht auf einen Beschluss der Stadt aus dem Jahr 1857 zurück. Seitdem haben die Beauftragten über 20 Kilometer Schriftgut gesammelt, dazu mehrere hundertausende Abbildungen, Fotos, Filme, Karten und Tonaufnahmen. Außerdem hat das Archiv neuerdings ein E-Depot eingerichtet, weil immer mehr Material – beispielsweise von den dazu verpflichteten Behörden in digitaler Form überreicht wird. Nebst Archiven über Rotterdam verwaltet das Archiv auch die Bestände der umliegenden Orte Albrandswaard, Barendrecht, Capelle aan den IJssel, Lansingerland und Ridderkerk.

Mit fast 75 bezahlten und etwa fünfzig freiwilligen Mitarbeitern ist das Stadsarchief Rotterdam auch in personaler Hinsicht einer der größten Archive der Niederlande. Seine Bestände bieten ein breit gefächertes Panorama auf die Stadtgeschichte. Selbstverständlich befinden sich darin die Akten der Stadverwaltung und der Stadträte, der behördlichen Dienste und der Standesämter. Dazu verfügt die Einrichtung auch über Archivmaterial von Kirchen, von verschiedenen kulturellen Vereinigungen aus der Stadt sowie von einer ganzen Reihe Rotterdamer Familien und Betriebe.

Mittlerweile hat das Archiv auch einen Teil seiner Bestände online zur Verfügung gestellt. Darunter finden sich Adressbücher aus den Jahren 1808 bis 1939, Familienbücher und weitere freigegebene Informationen der Standesämter, digitalisierte Zeitungen, notarielle Akten, eine Reihe Publikationen über die Rotterdamer Stadtgeschichte, Informationen zur Benennung und Umbenennung der Straßen und Listen mit den Namen von Seefahrern, die im 17. Und 18. Jahrhundert mit den Schiffen der Verenigde Oostindische Compagnie (VOC) ausgefahren sind.

Das Stadsarchief engagiert sich auch in vielen Formen der Zusammenarbeit mit dem Ziel, die Stadtgeschichte einem breiten Publikum zu vermitteln. Sie ist unter anderem beim Rotterdamer Filmfestival vertreten und macht jährlich bei der Museumnacht mit, in der Museen abends und nachts auf besondere Weise besichtigt werden können. Ein wichtiger Schwerpunkt sind außerdem Gedenkveranstaltungen zum Zweiten Weltkrieg, bei denen der Judenverfolgung, den Deportationen und dem verwüstenden Bombardement der Stadt im Jahr 1940 eine herausgehobene Stellung zukommt.

Schließlich ist das Personal des Stadsarchief Rotterdam auch bemüht, über ihre eigene Institution hinaus das Archivwesen zu stärken. Mit dem Nationaal Archief kooperiert man bei der Entwicklung von E-Depots, mit dem Antwerpener Stadtarchiv und weiteren Partnern an der Seite mijnadres.org über lokale Baugeschichte. Eine Übersicht der Wehrdienstleistenden in den Jahren 1814 bis 1951 erarbeitete es in Kooperation mit dem Amsterdamer Stadtarchiv und mehrere regionalen historischen Zentren in einem crowdsourcing-Projekt. Auch kooperiert das Rotterdam Stadtarchiv mit verschiedenen Bildungseinrichtungen wie mit der Erasmus Universität Rotterdam, der Kunsthochschule Willem de Koning Academie, dem Grafisch Lyceum und der Reindwardt Academie für Museologie, um eine neue Generation von Mitarbeitern für Archive auszubilden.

Autoren: Peter van Dam
Erstellt:
November 2013