II. Geschichte der Archive

Das Wort „Archiv“ leitet sich aus dem altgriechischen „archeion“ ab, was nicht auf das Wort „alt“ („archaios“), sondern auf „arché“ verweist und „Verwaltungsbehörde“ bedeutet. Diese etymologische Erkenntnis trägt eine Einsicht über Archive in sich: sie entstanden zunächst nicht als Institutionen, die Schriftgut über ihre unmittelbare Gebrauchszeit hinaus aufheben sollten, sondern als Stützen für die alltägliche Administration.

Schon im Altertum war es mancherorts üblich, Schriftgut zur Beweisführung oder Dokumentation aufzuheben. Archäologische Untersuchungen haben Inschriften zu wirtschaftlichen, politischen und religiösen Zwecken auf Tontafeln, Holzplatten, Felsenwände und Papyrus nachgewiesen. Diese Aufzeichnungen waren dazu bestimmt, für ihre Gebrauchszeit aufgehoben zu werden, und blieben uns meist nur durch Zufall erhalten. Die Stellen, an denen solche Artefakte gefunden wurden, waren in der Regel nicht vorher dazu bestimmt, diese für eine lange Zeit zu verwahren.

Tubularium
Tubularium (hinten) als Teil des antiken Forum Romanum. Hier wurden in Rom ab 78 v. Chr. Akten archiviert
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Im alten Athen war es jedoch der Überlieferung nach bereits üblich, die Abschriften von Gesetzen und Verordnungen und die Protokolle und Beschlüsse des Rates und der Volksversammlung im Rathaus zu lagern. Auch außenpolitische Verträge, Rechnungen der Behörden, Berichte über bedeutende Prozesse und sogar Kopien der staatlich verordneten Dramen wurden dort aufgehoben. Dieses Archiv war nicht nur dazu gedacht, die Behörden in ihrer Arbeit zu unterstützen. Forschende hatten die Möglichkeit, die Akten – wie zu Beispiel die Prozessakten der Verurteilung von Sokrates – einzusehen. In Rom war seit 78 v. Chr. das so genannte „Tabularium“ in Gebrauch. Senatsbeschlüsse waren erst rechtskräftig, wenn sie dort registriert wurden. Das Schriftgut aus dem Alltag der Verwaltung wurde hier nicht untergebracht, sondern blieb im Besitz der jeweiligen Behörden. Je mehr der römische Senat an Bedeutung verlor, desto bedeutsamer wurden die Verwaltungsarchive der kaiserlichen Kanzleien. Aus der griechisch-römischen Tradition wirkt bis heute die rechtssichernde Funktion des Archivwesens weiter. Durch die Registrierung von öffentlichen und privaten Beschlüssen und Dokumenten in einem Archiv werden diese juristisch abgesichert, wie heutzutage zum Beispiel vom Notar beglaubigte Akten in dazu angewiesenen Archiven abgelegt werden.

Seit dem Untergang des römischen Reiches führten verschiedene andere Institutionen die Tradition des Archivierens fort. An adligen Höfen wurden Urkunden und andere Akten aufgehoben, die Privilegien, Gebietsansprüche und Titel bezeugten, aber auch Belege über Steuerrechte und -einnahmen. Daneben wuchs die Bedeutung kirchlicher Archive in dem Maße, wie die Kirche als Institution an Umfang, Macht und Privilegien gewann. Aus ähnlichen Gründen wuchs im Laufe des Mittelalters auch die Bedeutung städtischer Archive, in welchen Protokolle von Ratssitzungen und Gerichtsprozessen untergebracht wurden – nebst Dokumenten, die Handelsabsprachen, Rechtsansprüche und Privilegien belegten.

Staatliche Machtstrukturen und Archive entwickelten sich auch in der frühen Neuzeit Hand in Hand. Die Staatsbildung erforderte eine stärkere zentrale Kontrolle und Lenkung der heranwachsenden Machtzentren. Während viele Fürsten es zunächst gewohnt waren, ihre Kanzlei und die dazugehörigen Akten in ihrem Gefolge auf ihren Reisen mitzuführen, so entschieden sie sich jetzt immer häufiger dazu, die Hofregistratur an einem festen Ort zu platzieren. Unter solchen Umständen war es möglich, umfassende Archivbestände aufzubauen. Parallel zu der Herausbildung verschiedener eigenständiger Zweige der Administration, in der sich beispielsweise Justiz und Verwaltung als eigenständige Bereiche etablierten, spezialisierten sich auch die dazugehörigen Archive als ihr institutionelles Gedächtnis.

Im 18. Jahrhundert gerieten die Archive in das Blickfeld einer neuen Gruppe Interessenten: Historiker in verschiedenen europäischen Ländern erkannten den Wert von überlieferten Quellen für die Rekonstruktion vergangener Zeiten. Zuvor hatten einzelne Gelehrte in Ausnahmefällen Zugang zu einem Archiv bekommen können. Was sie aufgrund ihrer Archivstudien schrieben, durften sie anschließend nur mit dem Erlaubnis der Verwalter der Quellen publizieren. So kam es, dass der Sekretär der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC), Pieter van Dam, seine Studien über die Geschichte der VOC nicht veröffentlichen durfte. Der Vorstand der Kompanie war der Meinung, die in seiner Studie enthaltene Information müsse der eigenen Organisation vorbehalten bleiben.

Mit dem Interesse der historischen Forschung an der regulären Bereitstellung archivalischer Quellen veränderte sich allmählich auch das Selbstbild der Archivare. Sie distanzierten sich von den Institutionen, deren Bestände sie verwalteten, und betrachteten sich immer häufiger als eine eigenständige Berufsgruppe, die der Geschichtsschreibung zugetan war. Gleichzeitig versuchten sie, ihre Berufspraxis zu vertiefen, in dem sie neue Systeme der Kategorisierung entwickelten. Diese ambitionierten Klassifikationssysteme atmeten den enzyklopädischen Geist der Aufklärung in ihrem Bestreben, alles verfügbare Wissen in einem gedanklichen Gesamtkomplex unterzubringen.

Die Französische Revolution und die mit ihr verbunden Umwälzungen überall in der atlantischen Welt schienen zunächst eine Katastrophe für die Archive zu bedeuten. Wütende Massen erkoren sich unter anderem diese Institutionen aus, um ihren Unmut über die höheren Schichten zum Ausdruck zu bringen. Die Archive sicherten schließlich juristisch den Besitzstand dieser Schichten und wurden auch in ihren anderen Funktionen vor allem als Instrumente der Eliten betrachtet. Bald ergab sich jedoch eine Kehrtwende: Die französische Nationalversammlung erkannte den Wert eines funktionierenden Archivwesens für die erfolgreiche und demokratische Verwaltung des Landes und nahm eine nationale Regulierung desselbigen vor. Grundlegend für das erste Archivgesetz, das 1790 von der französischen Nationalversammlung verabschiedet wurde, war neben dem Streben nach demokratischer Kontrolle auch die Annahme, dass alte Akten nicht unter Verschluss behalten werden mussten, weil man seit der Revolution in einer neuen Zeit lebe.

In manchen anderen Ländern folgte man dem zentralistischen französischen Vorbild; manchmal gar von den französischen Besetzern erzwungen. Nach diesem Modell gab es eine nationale Regelung, oft mit einem landesweiten Zentralarchiv und mehreren regionalen Archive in bedeutenden Städten, deren Sammelaufträge untereinander deutlich abgesteckt wurden. Andernorts entwickelten die Archive sich eher dezentral. In Deutschland befanden sich im gesamten 19. Jahrhundert – auch nach der Reichsgründung – die wichtigsten Archive in den Hauptstädten der verschiedenen Regionen. In den USA kam es erst 1934 mit dem National Archives Act zu einer eindeutigen nationalen Regelung, ein Jahr später öffnete das Nationalarchiv die Türen.

Geschichte der Archive in den Niederlanden

Obwohl Frankreich seit 1795 erheblichen Einfluss in den Niederlanden hatte, entwickelte sich das Archivwesen dort deutlich weniger schlagartig. Abgeordnete klagten über die Unzugänglichkeit von Akten, die vor allem für Historiker von Interesse waren. Diese könne man nur einsehen, wenn man gute Kontakte habe, meinte beispielsweise Hendrik van Royen im Jahr 1800. Außerdem sei man ihm zufolge der Eitelkeit und Willkür der Archivare ausgeliefert. Die demokratische Kontrolle der öffentlichen Verwaltung nannten die Befürworter in der Öffentlichkeit nicht als Argument für eine Reform des Archivwesens. 1802 wurde das Thema vorsichtig in Angriff genommen: Hendrik van Wijn wurde als „Archivar der Batavischen Republik“ angestellt. Er sollte zunächst sichten, welches Material über die Vergangenheit der Republik vorhanden war.

Somit war in den Niederlanden ein öffentliches Archivwesen entstanden. Zwei Fragen waren daraufhin entscheidend für seine Entwicklung: Einerseits stand noch im Raum, welches Material zur Verfügung gestellt werden würde, und wer welches Material aufheben sollte. Nebst dem Verhältnis von den Archiven zu ihren ursprünglichen Nutzern und der Organisation der Archive untereinander war ebenfalls umstritten, wer eigentlich Zugang zum den Beständen haben sollte.

Archive auf nationaler und provinzieller Ebene

Nach seiner Ernennung als Staatsarchivar machte van Wijn sich sofort an die Arbeit und traf Entscheidungen, die bis heute fortwirken. Ausgehend von den Verwaltungsdistrikten versuchte er in jeder Region Sachverständige ausfindig zu machen. Für Holland übernahm er selbst die Verantwortung, weshalb bis heute Akten aus der Provinz (später nur noch Süd-Holland) im Nationaal Archief untergebracht werden. Als die Niederlande 1810 in das französische Kaiserreich eingegliedert wurden, entschied Napoleon, dass die niederländischen Archivbestände nach Paris transferiert werden sollten. Van Wijn versuchte diesen Beschluss entgegenzuwirken, in dem er unter anderem erbat, vor dem Transport Kopien von den ältesten Akten machen zu lassen. Als die Franzosen 1813 das Land verließen, konnte das dennoch bereits überbrachte Material erfolgreich zurückgefordert werden.

Archivar Hendrik van Wijn
Archivar Hendrik van Wijn
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Wie in vielen anderen Bereichen ereigneten sich auch auf dem Gebiet der Archive keine einschneidenden Veränderungen als 1814 Wilhelm I. als König der Niederlande die Macht übernahm. Van Wijn erhielt erneut eine Funktion als Staatsarchivar. Mit seinen Mitarbeitern machte er sich daran, die Bestände der überregionalen Institutionen in Den Haag zusammenzuführen. Langsam aber sicher wuchsen die Bestände und die Differenzierung der Organisation im Laufe des 19. Jahrhunderts. 1881 teilte man das Reichsarchiv in drei Bereiche auf: das Reichsarchiv, das Kolonialarchiv und den Bestand der Provinz Holland. In den anderen Provinzen wurden nach und nach eigene Archive aufgebaut. Seitens des Nationalstaats wurde dieser Aufbau gefördert, in dem die Provinzverwaltungen beispielsweise 1827 angewiesen wurden, alle Archivbestände in ihrer Region detailliert zu erkunden. Außerdem zahlte der Staat den niedrigeren Verwaltungsebenen die Unterbringungskosten und das Gehalt der Archivare für die Verwahrung von Archivgut, das vor 1795 entstanden war.

Trotz der Verknüpfung von Nationalstaat und regionalen Archiven durch Anweisungen und Subventionen, gab es zunächst kein umfassendes System, das Nationalarchiv und regionale institutionelle Gegenstücke untereinander verband und die jeweilige Zuständigkeiten eindeutig festlegte. Dazu kam es erst ab 1877, als nach und nach die provinziellen Archive als Staatsarchive eingegliedert wurden. Diese Eingliederung ging aus der bereits zuvor geltende Auffassung hervor, dass die Verwahrung von Materialien aus der Zeit vor dem Einheitsstaat Zuständigkeit des Nationalstaats sei. Außerdem suchte man in diesen Jahren nach einer Lösung für die Aufbewahrung älterer Dokumente der Gerichte, die diese im Gegensatz zu den provinziellen Archiven nicht ordnungsgemäß aufheben konnten.

Obwohl somit seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts nach und nach bedeutungsvolle Sammlungen entstanden, waren diese keinesfalls für alle Interessenten frei zugängig. 1829 wies der niederländische Innenminister an, dass Archive denjenigen zur Verfügung gestellt werden durften, die historische Forschung betreiben wollten und den Archivaren vertrauenswürdig erschienen. Archivalien, die der Archivar nicht für geeignet hielt, Einsichten über die Geschichte zu vermitteln, sondern die er nur für einzelne Personen oder für die Verwaltung als wichtig erachtete, durften hingegen nur Personen einsehen, die ihre Berechtigung dazu nachweisen konnten. Diese Regelung ermöglichte den Archivaren folglich, ihre Materialien mit großer Zurückhaltung Dritten zur Verfügung zu stellen. So hatte van Wijn selbst große Bedeutung als Sammler und Bearbeiter von Archivmaterial. Er stellte es aber nur wenigen zur Verfügung.

Auch van Wijns Nachfolger im Amt des Staatsarchivars, Johannes Cornelis de Jonge, ging sehr restriktiv mit der von ihm verwalteten Sammlung um. Er verweigerte beispielsweise der prominenten Autorin historischer Romane Anna Bosboom-Toussaint den Zugang zum Archiv, weil er eine Abneigung gegen Romane hegte. Unter der Ägide des Staatsarchivars Reinier Cornelis Bakhuizen van den Brink (1854 bis 1865), kam es zu einer erheblichen Demokratisierung der staatlichen Archive. Nun galt für die Verwendung des nationalen Archivs in Den Haag die Regel, dass jeder Niederländer und Ausländer es nutzen dürfe, außer denjenigen, gegen die schwerwiegende Vorbehalte geltend gemacht werden konnten. 1903 erfolgte eine neue Erweiterung der Nutzungsbedingungen: Nun wurden die Archivare per Königlichen Beschluss dazu verpflichtet, jedem Besucher auf Anfrage Archivmaterial aus der Zeit vor 1813 zur Verfügung zu stellen.

Archive auf lokaler Ebene

Archive auf städtischer Ebene entwickelten sich noch zögerlicher als ihre Gegenstücke auf der Ebene der Provinzen. Nur Leeuwarden, 's-Hertogenbosch, Kampen und Amsterdam gründeten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein städtisches Archiv. In Deventer und Maastricht wurde immerhin ein Beamter angewiesen, sich um das vorhandene Archivmaterial zu kümmern. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wuchs die Zahl der Städte, die Archivare beschäftigten, allmählich. Diese Archivare konnten ihre Arbeit mit einer erheblichen Autonomie ausüben. Ein Gesetz aus dem Jahre 1851 bestimmte, dass der Sekretär des Stadtrats für die Bestände der Stadt zuständig war. Somit wurden die städtischen Archive im Gegensatz zu den provinziellen Einrichtungen dem Staatsarchivar nicht untergeordnet. Viele Städte arbeiteten dennoch freiwillig eng mit diesem zusammen, in manchen Fällen deponierten sie ihre Bestände gar in staatlichen Archiven. Da die städtischen Archive nominell eigenständig waren, waren sie bis zum Archivgesetz aus dem Jahr 1918 auch nicht wie die Staatsarchive verpflichtet, jedem Besucher Einsicht in ihre Bestände zu gewähren.

Archivgesetze

Noch bedeutsamer als die Regelung der Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen Archiven war die Regelung des Verhältnisses zwischen den Archiven und den Ämtern, die ihnen die Akten nach und nach übertragen sollten. Zunächst hatte Staatsarchivar van Wijn den Auftrag bekommen, die Akten aus der Zeit vor dem westfälischen Frieden zu sammeln. 1814 wurde sein Arbeitsbereich erweitert: Er sollte alle staatlichen Akten der Republik, die vor 1794 entstanden waren, zusammenführen. Allerdings wehrte sich beispielsweise das Auswärtige Amt gegen seine Versuche, die Bestände der Generalstaaten zu übertragen. Gleichermaßen schwierig war die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsressort. Im Archivgesetz aus dem Jahr 1918 wurde bestimmt, dass staatliche Akten aus der Zeit vor 1813 grundsätzlich an die staatlichen Archive übertragen werden sollten. Darauf folgte eine Reihe weiterer Anweisungen, die den staatlichen Einrichtungen unter anderem Gerichtsarchive und notariellen Akten zuführten. Dieses Archivgesetz regelte auch den Zugang zu den Archiven neu. Demnach sollten alle Bestände, die in Staatsarchive überbracht wurden, grundsätzlich jedem kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Diese Regelung gilt bis heute.

Die Eingliederung der provinziellen Archive in ein nationalstaatliches System im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte zur Folge, dass der Beruf des Archivars erheblich an Professionalität gewann. In den frühen Jahren des Archivwesens war das Amt in der Regel schlecht bezahlt, was das Übernehmen von zusätzlichen Beschäftigungen erforderte. Archivare waren in der Regel historisch Interessierte, die oft aus besser gestellten Kreisen stammten. Eine besondere Ausbildung wurde weder als erforderlich betrachtet, noch in den Niederlanden angeboten, obwohl im Ausland diesbezüglich durchaus Lehrgänge existierten. Als immer mehr Archivare ihrer Beschäftigung hauptamtlich nachgingen, wurde die Frage nach der benötigten Qualifikation dringlicher. 1918 wurde ein einjähriges Praktikum und ein anschließendes Examen für Archivare festgeschrieben, das vom Staatsarchivar verantwortet wurde. „Archivbeamte erster Klasse“ mussten zuvor einen wissenschaftlichen Abschluss gemacht haben, für ihre Kollegen der „zweiten Klasse“ genügte als Vorbereitung für die Prüfung ein Lehrgang bei einem Archiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Ausbildung der Archivare nach und nach vom staatlichen Archivwesen abgelöst: Seit 1972 war der Staatsarchivar nicht mehr Direktor der Archivschule, seit 1982 verantwortete er das Examen nicht mehr. 2001 wurde die Prüfung zugunsten der Archivar-Ausbildung an regulären Bildungseinrichtungen gänzlich abgeschafft.

Die Neuregelung des Verhältnisses zwischen nationaler und provinzieller Ebene zog aber nicht ohne weiteres eine dominantere Stellung des in Den Haag amtierenden Staatsarchivars nach sich: Die Provinzen wehrten sich gegen die Zentralisierung und die provinziellen Archivare achteten streng darauf, dass der Staatsarchivar ihnen nicht zu nahe kam. Das führte dazu, dass der Staatsarchivar zwar seit 1890 den Vorsitz regelmäßig stattfindender Konferenzen aller provinziellen Archivare übernahm, ihnen aber keine Beschlüsse auferlegen konnte. Diese Situation hielt bis 1962 an, als in einem neuen Archivgesetz festgelegt wurde, dass der Staatarchivar Vorgesetzter aller Archivare im öffentlichen Dienst in den provinziellen Archiven war. Dieses Gesetz beinhaltete auch eine erhebliche Vereinfachung der Übertragungsverpflichtungen. Jetzt wurde festgelegt, dass Archivalien spätestens nach fünfzig Jahren den zuständigen Institutionen zur Aufbewahrung übergeben werden sollten. 1995 wurde dieser Zeitraum auf zwanzig Jahre verkürzt.

Das Archivgesetz aus dem Jahr 1995 gilt für alle öffentlichen Aufbewahrungsorte. Dazu gehören neben dem Nationaal Archief und den öffentlichen regionalen Archiven auch die Archive der Städte und der Wassergenossenschaften. Die Institutionen, die ihre Akten an diese Archive überbringen müssen, übertragen in der Regel jeweils die Bestände von zehn Jahren. Die Nutzer der Archive haben das Recht, die Bestände kostenlos einzusehen. In manchen Fällen kann die Akteneinsicht aufgrund der potenziellen Beeinträchtigung der Privatsphäre, der Interessen des Staates oder eines Verbündeten, oder des Zuvorkommens einer Bevor- oder Benachteiligung betroffener Personen oder Rechtspersönlichkeiten eingeschränkt werden. Öffentliche Institutionen können daneben auch über das Wet Openbaarheid van Bestuur (WOB, dt. Gesetz über die Öffentlichkeit der Verwaltung) aus dem Jahre 1980 aufgefordert werden, Einsicht in Akten zu gewähren, die noch nicht an ein Archiv ausgehändigt wurden. Dieses Gesetz gibt jedem das Recht, eine Behörde um Auskunft in einer Sache zu beten, die von dieser Behörde bearbeitet wird. Nur in schwerwiegenden Fällen darf einer solchen Anfrage nicht stattgegeben werden.

Strukturreformen und Professionalisierung

Seit dem Wechsel zum 21. Jahrhundert hat sich die Organisationsstruktur der staatlichen Archive gelockert. Die Abteilungen in den Provinzen haben sich vielerorts mit anderen Sammelstellen zusammengeschlossen. Auf der nationalen Ebene werden lediglich jene Bestände verantwortet, die als Besitz des Nationalstaats gelten. Zeitgleich hatten sich auf der lokalen Ebene, die weiterhin selbständig operieren konnte, ebenfalls viele Zusammenarbeiten zwischen verschiedenen Städten ergeben. In manchen Fällen fielen die so entstandenen regionalen Archive mit den provinziellen Einrichtungen zusammen.

Damit hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten erstens eine erhebliche Professionalisierung der Archive und ihres Personals ereignet. Als Archivare sich im 18. Jahrhundert als eigenständige Berufsgruppe definierten, waren die meisten unter ihnen nicht hauptberuflich in diesem Beruf tätig oder beschäftigten sich aus historischer Liebhaberei mit Archiven. Nach und nach wuchsen jedoch nicht nur die technischen Anforderungen an den Aufbewahrungsmethoden, sondern beispielsweise auch an die Kategorisierungsmethoden. Archivare brauchten deshalb immer mehr fachspezifisches Wissen, und somit wuchs das Bedürfnis an professionellen Ausbildungswegen. Diese verselbständigten sich in den Niederlanden zudem nach und nach: Waren sie zunächst eng an dem staatlichen Archivwesen angebunden, werden Lehrgänge heutzutage an regulären Bildungsinstitutionen angeboten.

Archivarin bei der Arbeit
Archivarin bei der Arbeit
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Zweitens zeigte sich eine deutliche Tendenz zur Demokratisierung im niederländischen Archivwesen. Nach und nach wurden staatliche Regelungen aufgestellt, die dazu führten, dass alle öffentlichen Einrichtungen verpflichtet waren, ihre Bestände spätestens nach zwanzig Jahre dem zuständigen Archiv zu übertragen. Dazu mussten die Versuche von Ämtern wie dem Auswärtigen Amt oder dem Verteidigungsressort, ihre Akten nicht freizugeben, überwunden werden. Dies bezeichnet auch deshalb eine Demokratisierung, weil es den Bürgern ermöglicht wurde, das Handeln der öffentlichen Institutionen durch Einsicht in ihre Akten zu überprüften. Daneben wurden die Rechte der Bürger, Archivbestände einzusehen, über die Jahre deutlich gestärkt. Blieb eine Entscheidung über das Gewähren des Zugangs zu den Archivalien zunächst weitgehend individuellen Archivaren überlassen, so ist das Recht der Bürger, Archivstücke kostenlos und unbehindert einzusehen, heute festgeschrieben. Eine Demokratisierung hat sich auch in hinsichtlich der Nutzergruppen durchgesetzt: Hatten zunächst vor allem Geschichtsforschenden aus den höheren Schichten der Bevölkerung ein Interesse an den Archiven, so kommen heute verschiedenste Gruppen in diesen Institutionen zusammen – von professionellen Historikern bis hin zu Menschen, die in ihrer Freizeit ihren Familienstammbaum rekonstruieren möchten.

Digitalisierung

Durch den Eintritt in das digitale Zeitalter nimmt die Demokratisierung des Zugangs zu Archivalien einmal mehr Fahrt auf. Immer mehr historische Quellen sind online verfügbar, und damit für jeden Menschen mit einem Rechner mit Internetanschluss zugängig. Außerdem ist dieses Material sehr viel einfacher zu finden, nicht nur weil man sich zum Einsehen nicht zu einem Archiv begeben muss, sondern auch, weil das Material digital zu durchsuchen ist. Das Hinzufügen von digitalen Verbindungen zwischen verschiedenen digitalen Archivstücken erleichtert das Durchsuchen des Materials noch zusätzlich. Das Digitalisieren der Bestände ermöglicht es Archiven außerdem, noch mehr Material zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Diese Regulierungen gelten nicht für private Institutionen, auch nicht für private Archive. In solchen Archiven kann die Öffentlichkeit der Bestände restriktiver gestaltet werden und ist auch die kostenlose Einsichtnahme nicht zwangsläufig gewährt – obwohl sie die Regel ist.

Den großen Chancen der Digitalisierung stehen aber auch neue Fragen gegenüber. Etwa: Was bedeutet es für die Erforschung der Vergangenheit, wenn die materiellen Quellen durch digitale ersetzt werden? Die traditionelle Frage nach der Authentizität der Materialien gewinnt hier eine neue Brisanz, weil die althergebrachten Methoden zu ihrer Überprüfung nicht auf digitales Material angewendet werden können. Außerdem wird es in manchen Fällen schwieriger, die Archivstücke in ihrem Kontext zu betrachten, wenn sie nicht als Teil eines Bestandes (beispielsweise in einer Mappe mit anderen relevanten Stücken), sondern als Einzeltreffer bei einer digitalen Suche in Erscheinung treten.

Das Digitalisieren selbst stellt die Archive auch vor neue Fragen: Welche Bestände kommen dafür in Frage? Sollten die Originale auch nach der Digitalisierung erhalten bleiben? Welches Format sollte man angesichts der ständig wechselnden digitalen Standards wählen? Und in welcher digitalen Form kann man Archivalien nicht-schriftlicher Art umsetzen? Dazu ergibt sich auch in der überlieferten Arbeit der Archive eine Notwendigkeit der Veränderung aufgrund der digitalen Form, in der das Material vieler Institutionen heutzutage entsteht. Sammelten sie bislang beispielsweise die Bestände von Behörden schlicht, in dem die Akten und die abgeheftete Korrespondenz an das Archiv übertragen wurden, so muss jetzt ein Weg gefunden werden, die digitalen Dokumente und E-Mails abzuspeichern. Nicht nur das Aufheben solchen Materials durch das Archiv ist eine neue Herausforderung, sondern bereits das Aufstellen von Richtlinien zur Übertragung. Denn digitales Material ist potenziell sehr viel kurzlebiger als seineVorgänger, weil es sich beispielsweise sehr schnell löschen lässt. Für das Archivieren von digitally born-Material entwickeln die Archive heutzutage neue Methoden, die entscheidend dafür sein werden, wie die Archive der Zukunft aussehen werden.

Autoren: Peter van Dam
Erstellt:
November 2013