VII. Institut für Sozialgeschichte IISG

Das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis oder International Institute for Social History (IISG) ist eines der weltweit wichtigsten Archive für Sozialgeschichte. Seine Sammlung enthält einerseits Bestände aus der internationalen Geschichte sozialer Bewegungen, andererseits Materialien, die Auskunft über die Geschichte der Arbeitsverhältnisse und der Lebensumstände arbeitender Menschen geben.

Die Geschichte des IISG geht auf die Zwischenkriegszeit zurück. Nicolaas Wilhelmus Posthumus, einer der Pioniere der ökonomischen Geschichtsschreibung in den Niederlanden, gründete bereits 1914 ein Archiv für Wirtschaftsgeschichte, das unter anderem Material über die Arbeiterbewegung sammelte. Als die sozialgeschichtliche Sammlung immer weiter wuchs, und Posthumus sich in den 1930er Jahren außerdem bemühte, bedrohtes Material aus Mittel- und Osteuropa zu retten, entschied er sich zur Gründung eines eigenständigen Instituts für diese Bestände. So kam es 1935 zu dem Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, das sich bis 1940 vor allem dafür einsetzte, europäisches Material, das an anderen Orten wegen aufkommender Diktaturen nicht mehr sicher war, in die Niederlande zu überführen. Wohl auch durch den großen persönlichen Einsatz der ersten Bibliothekarin des Instituts, Annie Adama van Scheltema, fanden unter anderem die Archive von Karl Marx und Friedrich Engels, die Handschriften des russischen Revolutionärs Michail Alexandrowitsch Bakunin und die Archive der linken spanischen Organisationen CNT und FAI zum IISG. Wie wichtig und gefährdet diese Rettungsarbeit war, zeigte sich, als 1936 in der Pariser Filiale des IISG eingebrochen wurde, wobei Materialien von Leo Trotsky verschwanden.

Während der deutschen Besatzung der Niederlande seit 1940 wurde das Institut auf Befehl des Sicherheitsdienstes geschlossen. Manche Archive wurden in dieser Zeit nach Deutschland überführt. Wichtige Teile des in der Zwischenkriegszeit gesammelten Materials konnten jedoch durch das zeitige Überbringen zu einer Zweigstelle in London im Krieg sicher verwahrt werden. Ein Großteil der nach Deutschland transportierten Bestände wurde 1946 bei Hannover gefunden und nach Amsterdam zurückgebracht. Das Archiv der niederländischen sozialdemokratischen Partei wurde 1957 aus Polen zurückgeführt. Nach dem Untergang der Sowjetunion wurden dort weitere Akten gefunden, die in den 1990er Jahren nach Amsterdam zurückkehrten.

Nach dem Ende des Krieges benötigten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts bis zum Ende der 1950er Jahren, um die Bestände erneut zu erschließen. Seit den 1960er Jahren profitierte das Archiv von dem wachsenden Interesse an sozialen Bewegungen. Außerdem engagierte es sich für das Retten von Archiven aus aller Welt, die bedroht wurden; beispielsweise von lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen und türkischen politischen Parteien. 1989 überbrachten Mitarbeiter des Instituts gemeinsam mit chinesischen Oppositionellen eine Fülle an Material über Demokratisierungsbestreben in China nach Amsterdam.

Seit 1989 ist das Institut in einem ehemaligen Speichergebäude für Kakao im Osten Amsterdams untergebracht. Dort teilt es sich die Räumlichkeiten mit dem Pressemuseum und der Ökonomisch-historischen Bibliothek. In Zeiten des Internet stehen jedem Besucher in Amsterdam fast 150 Besucher im Internet gegenüber. Nebst Katalogen und Bestandsübersichten bietet das IISG im Internet digitale Ausstellungen, Bibliographien, Diskussionsforen und Newsletter. Man engagiert sich heute nicht nur weiterhin für die Sicherung bedrohter Archive vor Ort und für die Erweiterung und Ergänzung bestehender Sammlungen, sondern auch für die Weiterentwicklung digitaler Archivierungs- und Forschungsmethoden. Die Mitarbeiter des Instituts sind in der historischen Forschung durch die Organisation von Forschungsnetzwerken und mit eigenen Publikationen vertreten. Am Sichtbarsten wird ersteres durch die Herausgabe des International Review of Social History und die zweijährliche European Social Science History Conference.

Autoren: Peter van Dam
Erstellt:
November 2013