IV. Die Praxis des Deutschunterrichts

Der Deutschunterricht an vielen niederländischen Sekundarschulen ist überwiegend am Lehrwerk orientiert. Das Lehrwerk heiβt konsequenterweise auch ‘lesmethode’. Die Folge eines fehlenden  zentral vorgegeben Lehrplans ist es, dass Fachschaften die Wahl des Unterrichtsstoffes und der Prüfungsinhalte den jeweiligen Schulbuchverlagen zuteilen. Die Gefahr davon ist, dass Sprechfertigkeitsübungen ausfallen, kein Bezug zur Aktualität hergestellt wird und Literatur wie auch moderne Musik und Film keinen Zugang finden. Auβerdem sind viele Arbeitsaufträge in niederländischer Sprache gestellt, was dem Zielspachengebruach abträglich ist.

Der Unterricht an niederländischen Schulen räumt den Schülern viel Selbstständigkeit ein. So kontrollieren diese ihre Aufgaben mithilfe von Korrekturblättern. Zur Stimulierung autonomen Lernens sind an vielen niederländischen Schulen ‘Arbeitsplaner’ (‘werkplanners’) üblich. Dieses Instrument ermöglicht es Schülern, ihre Arbeit weitgehend selbständig zu planen und auszuführen. Der Lehrer hat die Rolle des ‘Coaches’; er begleitet und unterstützt bei Fragen und Problemen. Zudem ist er oder sie viel Unterrichtszeit damit beschäftigt, Schüler zu disziplinieren; das Fehlen einer mündlichen Betiligungsnote hat den Effekt, dass sich nicht alle Schüler in gewünschter Weise mit dem Fach auseinandersetzen.

Lehrwerke DaF

Der Lehrwerkmarkt in den Niederlanden wird von drei großen Schulbuchverlagen dominiert: Noordhoff Uitgevers, Malmberg und Thieme Meulenhoff. Die wichtigsten Lehrbücher für das Fach Deutsch als Fremdsprache sind: Neue Kontakte (Noordhoff Uitgevers), TrabiTour (Noordhoff Uitgevers) und Na Klar (Malmberg). Fast alle niederländischen Schulen arbeiten mit einem dieser Lehrwerke für Deutsch. Auch die Tests und Prüfungen werden von den Verlagen zusammen mit den Lehrwerken geliefert. Dort wo Lehrer selbst Prüfungen entwickeln, weden diese in der Fachschaft gemeinsam entwickelt. Vereinzelt findet man auch Schulen, die DaF-Materialien deutscher Verlage einsetzen, z.B. von Klett, Hueber oder Cornelsen. In der Oberstufe wird an einigen Schulen auf ein festes Lehrwerk verzichtet. Ein plan van toetsing en afsluiting (PTA)[1]  ist dann die Grundlage für den Unterricht, der in den letzten zwei (havo) bzw. drei (vwo) Schuljahren auf die Abschlussprüfung vorbereitet.

Die Abschlussprüfung

Die Abschlussprüfung (eindexamen) besteht an niederländischen Schulen aus einem national koordinierten Centraal Schriftelijk Eindexamen (CE) und dem schulspezifischen Schoolexamen (SE). Beide machen zu jeweils 50 Prozent die Gesamtnote aus. Für die Fremdsprachen gilt, dass im CE nur Lesekompetenz geprüft wird. Alle anderen Fertigkeiten sowie Literaturkenntnisse werden im SE geprüft. Zum Bedauern vieler Fremdsprachenlehrer bedeutet dies, dass Lesekompetenz eine unverhältnismäßig starke Gewichtung hat. Dies hat großen Einfluss auf den Fremdsprachenunterricht in der Oberstufe, der überwiegend auf die Verbesserung des Lesekompetenz und den Erwerb von Lesestrategien ausgerichtet ist.

Doeltaal = voertaal[2]

Bis vor einigen Jahren fiel an den niederländischen Lehrwerken vor allem auf, dass alle Erklärungen und Anweisungen in der Regel auf Niederländisch waren. Dies korrespondierte mit der üblichen Praxis im niederländischen Fremdsprachenunterricht, einen Großteil des Unterrichts Niederländisch zu sprechen.[3] Mit einem zunehmenden Bewusstsein untern Lehrern, dass im Fremdsprachenunterricht die Zielsprache auch in der Kommunikation mit Schülern eingesetzt werden sollte, verwenden inzwischen immer mehr Verlage Deutsch zumindest teilweise als Instruktionssprache in ihren Lehrbüchern. Auch in der Lehrerausbildung sowie auf Fortbildungen und Kongressen wird seit Jahren aktiv für ‘doeltaal = voertaal’ plädiert. Trotz aller Anstrengungen ist die Verwendung der Zielsprache im Unterricht an niederländischen Schulen allerdings immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Kompetenzorientierter Unterricht

Mit der Einführung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) für Fremdsprachen haben alle Verlage ihre Lehrwerke für die Fremdsprachen in den Neuausgaben mehr oder weniger kompetenzorientiert gestaltet. Auch Schulen versuchen, den Fremdsprachenunterricht auf der Grundlage von kompetenzorientiertem Lernen einzurichten. In der Praxis sind die Erfolge noch mäßig. Fremdsprachenlehrer befinden sich oft noch in einem Spagat zwischen den Kompetenzstufen des GER und der Notwendigkeit von Noten. Lösungsansätze für dieses Dilemma gibt es an einigen niederländischen Schulen, die einen handlungsorientierten Ansatz im Fremdsprachenunterricht hantieren.

Digitalisierung

Alle niederländischen Lehrwerke haben neben der Druckversion eine gut ausgebaute digitale Lernplattform, die gleichermaßen von Lehrern wie Schülern genutzt wird. E-Learning ist in den Niederlanden dann auch weit verbreitet.  Im Vergleich mit deutschen Schulen sind niederländische Bildungseinrichtungen in der Regel medientechnisch sehr gut ausgestattet. Die meisten niederländischen Schulen arbeitet mit einer digitalen Lernplattform. Mehr als 80 Prozent der Schulen verwendet digitale Software in der Notenverwaltung und in der Kommunikation mit Eltern.[4]


[1] Planung der Abschlussprüfung
[2] Zielsprache = Kommunikationssprache
[3] siehe auch ‘Belevingsonderzoek Duits’ (DIA, 2010): Mehr als 60 Prozent der Deutschlehrer spricht weniger als ein Viertel der Unterrichtszeit Deutsch.
[4] s. Studie ‘Vier in balans’ (2013), http://www.kennisnet.nl/onderzoek/vier-in-balans-monitor/

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014
Aktualisiert: April 2018 von Synke Hotje