VII. Germanistik in den Niederlanden

Von 14 niederländischen Universitäten bieten fünf einen auf die deutsche Sprache bzw. Deutschland gerichteten Studiengang an. So gibt es in Leiden, Nimwegen und Utrecht den Bachelorstudiengang Deutsche Sprache und Kultur (Duitse Taal en Cultuur) als Vollzeitstudium. Die Universiteit van Amsterdam bietet seit dem Studienjahr 2017/18 den Bachelorstudiengang Deutschlandstudien (Duitslandstudies) in Voll- und Teilzeit an. An der Rijksuniversiteit Groningen gibt es weiterhin innerhalb des Bachelors Europäische Sprachen und Kulturen (Europese Talen en Culturen) eine Spezialisierung für Deutsch.

An der Universität von Amsterdam gibt es vier Masterstudiengänge, die an das Bachelorstudium Duitslandstudies anschlieβen: Language and Education, Language and Society, Literature and Education und Literature, Culture and Society. Die Universität Leiden bietet Masterprogramme in German Language and Culture und German Language and Linguistics an. Die Radboud Universität Nijmegen bietet innerhalb des Masters Europese Studies die Spezialisierung Niederlande-Deutschland-Studien im Rahmen eines zweijährigen joint degree mit Münster an.[1] 

Studentenzahlen

Seit den 90er Jahren verzeichnet man eine Abnahme um etwa ein Drittel der Studierenden im Fach Germanistik an niederländischen Universitäten (siehe Tabelle). Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einerseits gibt es aufgrund der Bildungsreformen in den 90er Jahre weniger Schüler, die Deutsch im Sekundarschulbereich wählen. Andererseits ist diese Entwicklung der sinkenden Studentenzahlen nicht nur in der Germanistik sichtbar. Schon seit vielen Jahren stagnieren die Studentenzahlen für alle disziplinären Sprachen- und Kulturstudien. Dies hängt wohl auch mit dem großen Angebot interdisziplinärer Ausbildungsgänge an niederländischen Universitäten zusammen. Studiengänge wie ‘Taal- en cultuurstudies’, ‘Europese Studies’ oder  ‘Communicatie- en informatiewetenschappen’ sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden.

 

Studierende Germanistik

Studierende Germanistik im ersten Studienjahr

Studienabsolventen  Germanistik

1995

466

101

65

2003

262

40

45

2011

295

104

30

2016

239

110

47


*Quelle: VSNU (Vereniging van Nederlandse Universiteiten)

Unterschiede zur Germanistik an deutschen Universtiäten

Der wichtigste Unterschied zwischen einem Germanistikstudium an einer deutschen und einer niederländischen Universität ist die Tatsache, dass das Studium in den Niederlanden ein Fremdsprachenstudium ist. Trotz eines im internationalen Vergleich relativ hohen Einstiegsniveaus der Studierenden im ersten Jahr[2], macht der Spracherwerb einen großen Teil des Germanistikstudiums aus. So sind zum Beispiel im ersten Studienjahr an der Universiteit Utrecht 3 der 8 Blockkurse auf den Spracherwerb gerichtet. Das Bestreben ist, dass die Absolventen des Bachelors Deutsch auf dem Niveau C1 oder C2 beherrschen. Ein Auslandssemester[3]  an einer deutschsprachigen Universität spielt eine wichtige Rolle im Erreichen dieser Niveaustufe. 

Ein anderer Punkt, in dem sich die Studien der Germanistik in Deutschland und den Niederlanden stark unterscheiden, ist eine Folge der geringen Zahl von Studierenden in Germanistik an niederländischen Universitäten: Das Kursangebot ist infolge der kleineren Besetzung deutlich beschränkter als an deutschen Universitäten im gleichen Studiengang. Es gibt weniger Wahlmöglichkeiten. Oft bleiben die Studierenden in fast allen Kursen ihres Bachelors in der gleichen Gruppenkonstellation zusammen und belegen gleichzeitig dieselben Fächer. Damit erhält das niederländische System in einem ‘kleinen’ Fach wie Germanistik einen stark verschulten Charakter. Ein großer Vorteil - neben den überschaubaren Gruppen - ist der persönliche Kontakt mit den Dozenten. Dieser wird zusätzlich befördert durch ein Tutoratssystem, das an niederländischen Universitäten üblich ist. Ein Dozent begleitet den Studierenden während seines Studiums als Tutor und berät bei den verschiedensten studieninternen Fragen bis hin zur Berufsplanung.

Prognosen für die niederländische Germanistik

Trotz der anfangs beschriebenen Tendenz, disziplinäre Studiengänge mit strukturell niedrigen Studentenzahlen in breiter ausgerichteten Studiengängen aufgehen zu lassen, muss in den nächsten Jahren nicht unbedingt mit dem Verschwinden weiterer Germanistikausbildungen in den Niederlanden gerechnet werden, so Ewout van de Knaap, Vorsitzender der Vereniging Germanistiek aan Nederlandse Universiteiten. Gerade in den letzten Jahren verzeichnet sich wieder ein bescheidener Anstieg der  Neuanmeldungen. Möglicherweise spielen das verstärkte Bewusstsein hinsichtlich der (wirtschaftlichen) Relevanz der deutschen Sprache in den Niederlanden, sowie eine wachsende Lobby für Deutsch dabei eine Rolle, denkt Van der Knaap. Tatsache ist aber auch, dass die Germanistik, ebenso wie alle anderen ‘kleinen Fächer’ an niederländischen Universitäten, sich weiterin gegen geplante Effizienzmaßnahmen verteidigen müssen wird oder eine Neuausrichtung beispielsweise in einer verstärkten Kooperation zwischen den Universitäten suchen muss .

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014
Aktualisiert: April 2018 von Synke Hotje


[1] Quelle: Auswärtiges Amt: Deutsch als Fremdsprache weltweit. Datenherhebung 2015.
[2] gemäß der Richtvorgaben der Stichting Leerplanontwikkeling beherrscht ein niederländischer Schüler des vwo bei seinem Schulabschluss Deutsch in etwa auf dem Niveau B2.
[3] Ein Auslandsemester an einer deutschsprachigen Universität ist obligatorischer Bestandteil des Germanistikstudiums in Leiden, Utrecht und Nijmegen.