V. Deutsch in der Berufsbildung

Etwa 60 Prozent der niederländischen Schüler besucht eine Ausbildung an einem ROC (Regionaal Opleidingscentrum). Es ist erst ein paar Jahre her, dass ein Aufschrei von ROC’s wie auch von Bürgermeistern  im Grenzgebiet durch die Niederlande ging, nachdem das Fach Duits dort von Abschaffung bedroht wurde. Inzwischen ist vieles zum Guten gekehrt. Ein Netzwerk von Berufsschullehrern hat sich gebildet, Material wude ausgearbeitet. Seit 2017 gibt es eine Stiftung, Duits in de beroepscontext, die sich stark macht für den Erhalt und Ausbau des Faches Deutsch im mbo.[1]

Wahlmodule

In einer für das Fach Duits prekären Zeit nutzte die Arbeitsgruppe von Berufschullehrern 2013 eine Gesetzesänderung, mit der ‚Wahlmodule‘  (‘keuzedelen’) eingeführt wurden. Hiermit erhielten Studenten die Möglichkeit zur Spezialisierung und Vertiefung. Die Arbeitsgruppe erstellte nun in kürzester Zeit Wahlmodule ‘Deutsch im Berufskontext’ (auf den GER-Niveaus A2 und B1). Aus den Hunderten von Wahlmodulen steht ‘Duits in de beroepscontext A2’ mittlererweile oben auf Platz 4, ‘Duits in de  beroepscontext B1’ auf Platz 8.

Goethe-Siegel

Um Berufsschülern mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt einzuräumen, hat sich die Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Niederlanden um eine Zertifizierung speziell für den berufsbildenden Bereich mit dem Goethe-Zertifikat als weltweit anerkanntes Sprachdiplom bemüht. Mit der Zentrale des Goethe-Instituts in München  wurde eine eigenständige Examenssystematik entwickelt. Schüler in den berufsbildenden Schulen können sich für ein Examen auf Niveau A2 oder B1 anmelden. Ziel ist es, ab April 2018 mindestens 2000 Schüler zu prüfen. Ab 2019 soll es dann jährlich um etwa 5000 Schüler gehen.

Kompetenzorientiertes Lernen

Mit den Bildungsreformen der 90er Jahre wurde der Nachdruck an niederländischen Schulen stark auf die Entwicklung von kompetenzorientiertem Lernen verschoben. Die Berufsschulen hatten darin eine Vorreiterrolle.  Im Gegensatz zum ‘traditionellen Lernen’ liegt bei kompetenzorientiertem Lernen der Schwerpunkt in einer Kombination von Kenntnissen und Fertigkeiten, die in realistischem Kontext Anwendung finden. Die Einführung des GER (Allgemeiner Europäische Referenzrahmen für Sprachen) spielte dabei eine wichtige Rolle. Für den Fremdsprachenunterricht heißt das, dass Kenntnisse der Grammatik und des Wortschatzes nicht mehr als Ziel, sondern schlichtweg als Instrument betrachtet werden. Das Bestreben ist sprachliches Handeln in authentischen Situationen.

Konkret bedeutet dies, dass Schüler an den ROCs die Sprachfertigkeiten erwerben sollten, die für ihre Berufsausübung notwendig sind. Indem zum Beispiel angehenden Automonteuren deutschsprachige Handbücher vorgelegt werden, was auch in der Berufspraxis vorkommen kann, erkennen die Schüler die Notwendigkeit, ihr Leseverständnis in Deutsch zu verbessern. Dafür benötigen sie, neben gewissen allgemeinsprachlichen Kenntnissen, auch einen technischen Wortschatz. Der Lehrer unterstützt und begleitet den Lernprozess, zum Beispiel indem er den erforderlichen Wortschatz anbietet.

Ein anderes Beispiel betrifft die kaufmännische Ausbildung im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Da die Kundschaft auf niederländischer Seite zu einem Teil aus dem Nachbarland kommt, sind mündliche Fertigkeiten im Deutschen in vielen Situationen erwünscht. Praktika können fehlende Sprachkompetenz aufdecken und die Berufsschüler stimulieren, ihr kommunikatives Deutsch zu verbessern.

Best Practice: ‘Die Ler(n)ende Euregio’

Eine strukturelle Zusammenarbeit von 22 deutschen Berufskollegs und 7 niederländischen ROCs in der Euregio Rhein-Maas, die ‘Lerende Euregio’[2], zeigt, wie Kontakt und Begegnung zu besseren Sprachkenntnissen, Einblicken in die Betriebskultur auf der anderen Seite der Grenze und letztendlich zu erhöhten Chancen auf dem Arbeitsmarkt beitragen können. Studenten machen Tagesausflüge oder mehrwöchige Praktika jenseits der Grenze, Lehrer arbeiten grenzüberschreitend an berufsorientierten Materialien. Berufsschüler lernen gemeinsam mit einem ‘Buddy’ im Nachbarland Aspekte der Sprache und Kultur, die sie in ihrer Berufsausübung brauchen werden. Autorisierte Berufsbeschreibungen ermöglichen es Arbeitgebern an beiden Seiten der Grenze, einklareres Bild von Ausbildungszielen und erworbenen Kompetenzen im Nachbarland zu gewinnen. Der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt wird somit gefördert.

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014
Aktualisiert: April 2018 von Synke Hotje


[1] http://duitsmbo.nl/
[2] http://www.lerende-euregio.com/