KRIMINALITÄT: Belästigung auf den Straßen während Corona um die Hälfte angestiegen

Den Haag, JS: NRC/VK, 20. Januar 2022

Die niederländische Polizei erlebte in den vergangenen Jahren deutlich mehr Belästigungen durch Obdachlose und auffällig vielen jungen Menschen. Insbesondere auf der Straße hat die Orientierungslosigkeit während der Pandemie zugenommen.

Die Belästigung auf den Straßen haben in den letzten zwei Jahren stark zugenommen. Im vergangenen Jahr wurde die Polizei 563.747 Mal wegen Belästigungen durch Jugendliche, „verwirrte Personen“ und Obdachlose, Lärmbelästigung und Trunkenheit in der Öffentlichkeit gerufen. Im Jahr 2019 waren es noch 366.809 Fälle. Dies geht aus den Zahlen der nationalen Polizei hervor.

Die Belästigungen auf den Straßen nehmen seit zehn Jahren zu, in der Regel um etwa 4 bis 5 Prozent. Seit der Corona-Pandemie aber ist die zahl der Vorfälle um fast die Hälfte gestiegen. Der stärkste Anstieg ist bei jungen Menschen zu verzeichnen. Aus den Zahlen der Polizei geht nicht hervor, wie groß die Belästigungen sind.

Vor allem in der Randstad hat die Polizei alle Hände voll zu tun mit jungen Menschen. Dort, so Femke Kaulingfreks, Dozentin für Jugend und Gesellschaft an der Inholland University of Applied Sciences in Amsterdam, „leben oft große, weniger wohlhabende Familien in kleinen Wohnungen, die sich gegenseitig auf den Füßen stehen. Während der Abriegelungen blieben die Schulen und Gemeindezentren geschlossen und die Jugendlichen suchten sich gegenseitig auf der Straße.“

Während der Corona-Pandemie suchen sich die Jugendlichen in anderen Provinzen und kleineren Gemeinden auch häufiger gegenseitig auf der Straße auf, sagt Kaulingfreks. Weil Kneipen, Jugendzentren und Sportvereine für längere Zeit geschlossen waren, landeten Jugendliche auf der Straße. Normalerweise hat ein Erwachsener ein Auge auf die Dinge, zum Beispiel in Fußballvereinen, aber auf der Straße gibt es keine solche Aufsicht und die Grenzen werden weiter verschoben. So hat laut Kaulingfreks der Gebrauch von Lachgas unter Jugendlichen während der Pandemie zugenommen. Während der Ausgangssperre von Ende Januar bis Ende April ging die Belästigung durch Jugendliche leicht zurück, war aber immer noch deutlich höher als im gleichen Zeitraum der Vorjahre.

Jugendliche, die sich auf der Straße herumtreiben, unterstützen sich gegenseitig, bauen aber seltener ein Netzwerk auf.  Auf der Straße fühlt es sich vertraut an, so Kaulingfreks, aber in einem Gemeindezentrum oder auf einem Schulausflug lernen sie Menschen kennen, mit denen sie normalerweise keinen Kontakt hätten. „Das ist gut, um den Horizont zu erweitern.“

Laut Kaulingreks, die gemeinsam mit Kollegen die Folgen der Coronakrise unter (obdachlosen) Jugendlichen in Amsterdam untersucht, ist es normal, dass junge Menschen an ihre Grenzen gehen, das gehört zu ihrem Alter. Sie ist der Meinung, dass die Gemeinden zu repressiv sind, wenn es um die Belästigung durch junge Menschen geht. „Es ist besser, ein Gespräch mit jungen Menschen zu beginnen, als sie auszuschließen.“

Verlorene Gewissheiten

Für die Obdachlosen gingen in den Phasen der Pandemie, insbesondere im ersten Corona-Jahr, wichtige Gewissheiten wie ehrenamtliche Arbeit und Tagesaktivitäten verloren. Die Schließung von Bibliotheken, Bahnhofscafes und Universitätskantinen hat dazu geführt, dass die Obdachlosen noch stärker auf die Straße angewiesen sind, sagt Rina Beers, politische Referentin bei Valente, dem Verband für soziale Betreuung. Durch die Krise ist es für Obdachlose auch schwieriger geworden, Geld zu bekommen., sagt sie. So gibt es zum Beispiel weniger Menschen auf der Straße, denen man die Straßenzeitung verkaufen kann.

Zu Beginn der Pandemie war die Polizei besorgt über die Gruppe verwirrter Personen, meist psychisch angeschlagene Menschen mit Alkohol- oder Drogensucht. Wie ein Polizeisprecher Mitte 2020 gegenüber dem NRC Handelsblad erklärte, sind die Beamten „zunehmend mit Personen konfrontiert, denen die Betreuung entzogen wurde, die keine Tagesbeschäftigung mehr haben und denen es an Orientierung fehlt.“ Und: „Es gibt auch Menschen, die wir nicht auf dem Schirm haben, und darüber sind wir besorgt.“