GESELLSCHAFT: Unruhiges Wochenende, Krawalle in mehreren Städten

Den Haag, CB/NRC, Trouw. 22. November 2021

In mehreren Städten gab es in den vergangenen Nächten Unruhen. Freitag mündete in Rotterdam eine Anti-Corona-Demonstration in eine Schlägerei aus – Samstag und Sonntag gab es auch in anderen Städten Unruhen.

Am frühen Freitagabend fing in Rotterdam eine Demonstration gegen die (vielleicht zukünftigen) 2G-Regeln an. Die Polizei erwartete bei der unangekündigte Demo 50 bis 60 Menschen – hinterher schätzt der Polizeichef, es waren 1000 Menschen anwesend.

Einige Stunden nach dem Demoanfang geriet die Situation außer Kontrolle. Neben dem Rotterdamer Hauptbahnhof wurden Brände gelegt, Feuerwerk angezündet und Bushaltestellen zerstört. Bald ging auch ein Polizeiwagen in Flammen auf. Feuerwehrleute mussten durch die Bereitschaftspolizei gesichert werden. Als die Polizei sich zu bedroht fühlte, sah sie sich gezwungen, Gewalt anzuwenden. Warnschüsse klangen zuerst – bald danach wurde auch gezielt geschossen. Vier Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht – mehr als fünfzig Leute wurden verhaftet. Dass bei einer Demonstration von der Polizei geschossen wird, passiert in den Niederlanden nur sehr selten. Der Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb (PvdA), spricht von einer „Gewaltorgie“.

In den anschließenden Nächten war es in anderen Städten ebenfalls unruhig. In Amsterdam gab es Samstagnachmittag eine Demonstration, die mehr als 1000 Menschen anzog – obwohl die Demo offiziell nach den Geschehnissen in Rotterdam abgesagt wurde. Trotzdem versammelten sich im Zentrum Amsterdams abends hunderte Menschen. Von denen wurden 4 verhaftet. Sonntagabend traten in den Städten Enschede und Groningen Notverordnungen in Kraft. Auch in Tilburg und Roermond war es unruhig.

Der Polizeigewerkschaft zufolge wird schon seit langem für Radikalisierung von Protestierenden gewarnt. „Es ist ein Wunder, dass es unter den Polizisten keine Schwerverletzten gab“, so der Vorsitzende der Gewerkschaft, Gerrit van de Kamp. Van de Kamps Kritik gilt an erster Stelle nicht den Protestierenden, sondern ist an die Politik gerichtet. „Wir warnen schon Jahre und Jahre vor der Radikalisierung des Protests, vor Menschen, die sich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen und kurz davor sind, zu explodieren“. Der nationale Polizeichef Henk van Essen bejaht diese Stellungnahme: „Die radikalen Unterströmungen verstärken sich und äußern sich immer heftiger - auch in der gesellschaftlichen und sogar in der politischen Debatte“.

Die meisten Gewaltäußerungen des letzten Wochenendes ergaben sich aus eher friedlichen Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen. Justizminister Ferd Grapperhaus (CDA) erkennt an, dass die getroffenen Maßnahmen für die gesellschaftliche Ordnung nicht leicht seien. „Demonstrieren ist ein wichtiges Recht. Aber was wir gestern Abend gesehen haben, ist schlichtweg kriminelles Verhalten“.