GESELLSCHAFT: Circa 1100 außerhäusliche Unterbringungen von Kindern während der "toeslagenaffaire"

Den Haag, CB/ NRC, VK, Trouw,  22. Oktober 2021

Neue Zahlen des zentralen Statistikamtes CBS (nld. Centraal Bureau voor de Statistiek) zeigen eine neue Opfergruppe der sogenannten toeslagenaffaire (dt. Kindergeldaffäre): Kinder, die gezwungenermaßen in Pflegefamilien untergebracht wurden.

Dem CBS zufolge wurden zwischen 2015 und 2020 1115 Kinder von betroffenen Familien in Pflegefamilien untergebracht. Die Enthüllung des CBS fügt eine weitere Kategorie von Leid an die lange Liste hinzu. Es war schon bekannt, dass die toeslagenaffäre zu Wohnungsräumungen, Ehescheidungen, sogar Suiziden geführt hat, nachdem Eltern ungerecht als Betrüger abgestempelt wurden. Doch sind die Zahlen, die von dem CBS publiziert wurden, auffallend: Es war noch nicht bekannt, dass so viele Kinder als eine Folge der toeslagenaffaire ihrem Zuhause „weggenommen“ wurden.

Jährlich werden in den Niederlanden ungefähr 20.000 Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Die Zahl von 1115 Kinder von Familien, die von der toeslagenaffaire betroffen sind, ist laut dem Professor für Jugendschutz, Ido Weijers, eine „starke Überrepräsentation. Dass kann fast kein Zufall sein.“ Professor Mariëlle Bruning zufolge, spezialisiert in Jugendrecht, sei es schwer festzustellen, ob ein Kausalzusammenhang zwischen uithuisplaatsing (dt. außerhäusliche Unterbringung) und toeslagenaffaire besteht. „Aber das ist nicht wirklich relevant. Die Tatsache, dass diese Familien in einer derartigen Notlage waren, dass in ihr Leben auf diese Weise eingegriffen wurde, zeigt, wie verletzlich sie waren.“

Infolge der toeslagenaffaire sind Tausende von Eltern in Schulden geraten, nachdem sie aufgefordert wurden, empfangenes Kindergeld zurückzuzahlen. Aber nur aufgrund von Verschuldungsproblematik werden Kinder nicht aus dem Zuhause weggenommen. Trotzdem haben finanzielle Probleme oft einen Schneeballeffekt und führen deswegen oftmals zu anderen Problemen, variierend von Zwangsräumung bis zu mentaler Problematik.

Dass so viele Kinder von den eigentlichen Eltern entfernt werden konnten, ist mit der Erneuerung des Jungendschutzgesetzes 2015 verbunden. Jugendschutzorganisationen können seitdem Kinder, ohne einen Richter gesehen zu haben, in einem Heim unterbringen. Eine gezwungene außerhäusliche Unterbringung gilt als ein rabiates Mittel, mit weitgehenden Folgen für Kinder und Eltern. Es wird eingesetzt, wenn der Kinderschutzrat für die Entwicklung eines Kindes furcht. Dann wird eine zeitlich begrenzte oder eine permanente Entziehung beantragt.

Die Entdeckung ist für die toeslagenaffaire, und die Abhandlung davon, zeichnend: Immer wieder wird das Kabinett von neuen Fakten und peinlichen Statistiken überrascht. Die Erwartung ist, dass die Zahlen wachsen werden: die Zahl von 1115 Kinder gilt nur für die Periode 2015-2020, während die toeslagenaffaire schon rund 2004 anfing.

Außerdem wird die Affäre einen immer wachsenden Schatten über den laufenden Formierungsprozess werfen. Die Parteien VVD, CDA, D66 und CU versuchen derzeit eine neue Regierung zu bilden. Die vorherige Regierung, die aufgrund der eben gleichen toeslagenaffaire zurücktrat, bestand aus denselben Parteien. Deswegen ist es für die Opposition schwer zu verstehen, wieso die Partien eine neue Regierung mit einer besseren Abhandlung der affaire anzuvertrauen ist.