POLITIK: Noch viele Unsicherheiten rund um Impfstrategie von Minister de Jonge

Den Haag, SW/NOS/NRC/VK, 08. Januar 2021

Am Montag präsentierte der niederländische Gesundheitsminister Hugo de Jonge der Zweiten Kammer des Parlaments eine überarbeitete Impfstrategie, die einen Fahrplan für die Reihenfolge der einzusetzenden Vakzine und der zu impfendenden Bevölkerungsgruppen beinhaltete. Durch journalistische Recherchen kam heute jedoch zu Tage, dass die Aussagen des Ministers unkorrekt waren und mindestens 1,1 Millionen Impfdosen erst später ausgeliefert werden können.

Maßgeblich verantwortlich für die Modifizierung des Impfplans zeichnete sich der Druck der Öffentlichkeit, der das Gesundheitsministerium aufgrund des europaweit am spätesten geplanten Impfbeginns erreichte. Neben neuen Bestimmungen, wer wann durch die Verabreichung welchen Vakzins geschützt werden soll, beinhaltete das Regierungsschreiben vor allem eine Verschiebung des Starttermins von Freitag auf Mittwoch, den 06. Januar. Die Mitarbeiter der Intensivpflege, die einen sogenannten „code zwart“ befürchteten und deshalb in den ersten Tagen des neuen Jahres durch eine starke Lobbyarbeit auffielen, erhielten sodann als erste Gruppe die Injektionen. Zu ihnen werden sich planungsgemäß im weiteren Verlauf des ersten Quartals noch weitere Mitarbeiter des Gesundheitswesens sowie Arbeitskräfte in Pflegeeinrichtungen und deren Bewohner gesellen. Erst etwa zu Anfang April würde nach den bis dahin etwa eine Million Geimpften die große Menge von unter 60-jährigen Personen mit Vorerkrankungen (1,8 Millionen) und zu Hause lebenden über 60-Jährigen (4,3 Millionen) folgen. Ab Mitte des zweiten Quartals könnte bei genügend zur Verfügung stehenden Impfdosen schließlich der Rest der Bevölkerung nachziehen. Die Impfung der in der Strategie noch weiter unterteilten Gruppen würde mindestens bis zum Ende des dritten Quartals andauern und entspricht bisher noch einer Prognose.

Wie dynamisch sich die Entwicklungen darstellen und wie abhängig die Visionen des Kabinetts von der Vakzinproduktion sind, verdeutlicht eine Meldung der NOS und des NRC Handelsblad vom heutigen Freitag. Demnach würden mindestens 1,1 Millionen Impfdosen später als von der Regierung verkündet eintreffen. Aufgrund der notwendigen Doppelinjektion des Impfmittels müssten so circa 550.000 Menschen länger warten. Konkret geht es um die Stoffe der Hersteller Curevac und Biontech/Pfizer. De Jonge rechnete in seiner Darstellung noch für das erste Quartal 600.000 Dosen des Pharmazeuten Curevac ein, der allerdings eigenen Angaben zufolge frühestens ab dem zweiten Quartal liefern kann. Ähnliches bei Biontech/Pfizer: 500.000 Einheiten sollten dem Gesundheitsministerium nach im März von der EU bezogen werden können. Der Hersteller geht allerdings von April aus, die Europäische Kommission peilt sogar erst Juli an. Zwar betonte de Jonge am Montag, dass noch viele Unsicherheiten bezüglich der Planungen bestünden, dennoch fanden die verspäteten Lieferungen in seinen Äußerungen keine Erwähnung, obwohl er davon hätte wissen können oder sogar wusste.

Dass die ab dem zweiten Quartal für den breiten Einsatz an der unter 60-jährigen Bevölkerung vorgesehenen Impfstoffe vom englischen AstraZenica und dem französischen Sanofi ebenfalls Probleme aufwerfen, tut sein Übriges. Zumindest bei Sanofi ist eine Markeinführung des eigenen Mittels vor dem dritten Quartal höchst unwahrscheinlich, während das Unternehmen aus Oxford im Zulassungsprozess der Europäischen Arzneimittelbehörde feststeckt. Obwohl diese am Mittwoch den Moderna-Impfstoff zuließ, prüft man derzeit auch in den Niederlanden, ob eine zunächst einmalige Injektion des Biontech/Pfizer-Vakzins, bzw. eine zweite Injektion mit einem anderen Mittel ebenfalls eine Option sein kann. Licht am Tunnel könnte der am Freitagmorgen verkündete Deal der EU mit dem deutsch-amerikanischen Hersteller Biontech/Pfizer über 300 Millionen weitere Impfdosen darstellen. Demnach haben die Niederlande Anrecht auf nochmals 11 Millionen Einheiten, die bereits eine Zulassung erhalten haben.