GESELLSCHAFT: Protestantische Kirche erkennt Schuld an Judenverfolgung an

Amsterdam, MD/VK/Trouw, 09. November 2020

Der Vorsitzende der PKN René de Reuver hielt am Sonntag eine Rede, in der er die Mitschuld der protestantischen Kirche an der Judenverfolgung einräumte. De Reuver hielt seine Rede bei einer Veranstaltung in einer Synagoge in Amsterdam im Rahmen einer Gedenkfeier an die Reichsprogromnacht in der Nacht von 09. auf den 10. November 1938.

De Reuver gab in seiner Rede zu, „dass die Kirche dazu beigetragen hat, den Boden zu bereiten, auf dem die Saat von Antisemitismus und Hass wachsen konnte“. Die Kirche habe über Jahrhunderte mitgeholfen, die Kluft zwischen den Religionen in Stand zu halten "die später die Juden in der Gesellschaft so isolieren konnte, dass sie weggebracht und ermordet werden konnten".

Die Feierlichkeiten fanden aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen ohne Publikum statt. Virtuell zugeschaltet waren unter anderem der Vizepräsident der Europäischen Kommission Franz Timmermans (PvdA) und die Holocaust-Überlebende Ies Vorst. Der in der Synagoge anwesende Vorsitzende des niederländischen Zentralrats der Juden (CJO) Eddo Verdoner nannte die Rede De Reuvers eine „nette und willkommene Geste“.

Im Anschluss an De Reuvers Rede trat Verdoner selbst an das Mikrofon und zog eine Verbindung zwischen der Rolle der protestantischen Kirche in der Judenverfolgung und den Anfängen der protestantischen Kirche durch Martin Luther. Dieser war überzeugter Antisemit und wünschte den Juden den Tod. Er rief dazu auf, ihre Schulen und Synagogen niederzubrennen. Seine Schriften wurden später von den Nationalsozialisten als Rechtfertigung für ihre Vernichtungspolitik herangezogen.

Das Schuldbekenntnis der protestantischen Kirche der Niederlande findet im Kontext einer Phase statt, in der Vertreter aus Politik und Gesellschaft vermehrt die eigene Rolle während der Besatzungszeit kritisch hinterfragen. So hat Ministerpräsident Mark Rutte (VVD) erst am 26. November, dem nationalen Holocaust-Gedenktag im Namen der Regierung seine Entschuldigung für das Handeln der Regierung unter deutscher Besatzung angeboten. Auch König Willem-Alexander hat sich im Namen des Königshauses bei der diesjährigen Nationalen Dodenherdenking kritisch zum Verhalten von Königin Wilhelmina geäußert. Auf die Frage, ob ein solch spätes Schuldbekenntnis noch sinnvoll ist, antwortete Verdoner mit dem Verweis auf nachfolgende Generationen: „Die lernt, was gut und was schlecht ist.“