SICHERHEIT: Nach Tod von 73-Jährigem: Polizei geht gegen „Pädojäger“ vor

Arnheim/Den Haag, MD/VK/NRC, 14. November 2020

Nach dem Tod eines 73-jährigen Mannes aus Arnheim vor zwei Wochen kündigte die niederländische Polizei an, härter gegen selbsternannte „Pädophilenjäger“ vorgehen zu wollen. Der pensionierte Lehrer wurde Opfer einer Attacke durch Jugendliche, nachdem er von diesen im Internet als pädophil geoutet wurde. Als die Jugendlichen den Mann damit konfrontieren wollten, kam es zum gewalttätigen Übergriff, an dessen Folgen der Mann starb.

Laut Angaben der Polizei sind solche Vorfälle keine Seltenheit mehr. Seit Juli dieses Jahres haben sich etwa 250 solcher Vorfälle zugetragen, bei denen es zu gewaltsamen Übergriffen gegenüber Menschen gab, die im Internet als pädophil angeprangert wurden. Darüber hinaus sieht die Polizei ein wachsendes Problem in Gruppen auf sozialen Netzwerken, in denen pädophile Menschen an den Pranger gestellt werden. Mitglieder dieser Gruppen geben sich in Chats als minderjährige Jungen oder Mädchen aus, um so mutmaßliche Pädophile zu entlarven. Polizeisprecher Simen Klok sieht in diesem Verhalten ein großes Problem: "Mutmaßliche Pädophile werden nicht nur online an den Pranger gestellt, sondern auch schikaniert, bedroht und missbraucht. Wir machen uns Sorgen, es gerät oft außer Kontrolle.“ Die Polizei ruft nun dazu auf, diese „gutgemeinte“ Hilfe zu stoppen und Ermittlungen den speziell dafür ausgebildeten Beamten zu überlassen. Man werde nicht mit solchen Gruppen zusammenarbeiten.

Zunehmend Sorgen bereitet den Ermittlern auch die Radikalisierung, welche sich in den Gruppen vollzieht. So wurden Meldungen über den Tod des Arnheimers mit Aussagen wie: „Selbst schuld“ oder: „Wieder ein Pädo weniger“ kommentiert. In diesen Gruppen sind auch Anhänger der Verschwörungsbewegung QAnon aktiv, welche unter anderem „der Elite“ den strukturellen Missbrauch von Kindern vorwirft. Zuletzt war diese Gruppe auch im Oktober bei einer Demonstration in Utrecht als Reaktion auf die Gründung der Partei PNVD stark vertreten. Die Partei fordert unter anderem die Legalisierung von Sex mit Kindern.

Für Betroffene macht die zunehmende Radikalisierung und Vermischung mit Verschwörungstheorien den Umgang mit der psychischen Erkrankung schwerer. Die Hemmschwelle sich als pädophil zu outen und sich professionelle Hilfe zu suchen steigt damit, wie der unter dem Pseudonym schreibende Betroffene ‚Gabriël Levi‘ in einem Gruppenchat schreibt: „Es gibt mehr Dinge, die ich erklären muss, die ich nicht tue: Nein, ich missbrauche keine Kinder; nein, ich glaube nicht, dass Kinder in Sex einwilligen können und ihn nicht verfolgen wollen; nein, ich führe keine schmutzigen Chat-Gespräche mit Mädchen für Verabredungen auf Parkplätzen.“

Die meisten der „Pädojäger“ Gruppen in den sozialen Medien lassen sich allerdings weder von den Sorgen der Betroffenen, die nicht selbst zum Täter werden wollen, noch von den Appellen der Polizei von ihrem Weg abbringen. Sie wollen „den Kampf“ fortführen, wie eine der größten Gruppen bereits angekündigt hat.