GESELLSCHAFT: Lehrer taucht nach Bedrohungen und Anfeindungen wegen Karikatur unter

Den Haag, SW/NOS/NRC/VK, 05. November 2020

Die Niederlande beschäftigt zurzeit der Fall eines Lehrers aus Rotterdam, der sich als Reaktion auf gegen ihn gerichtete Bedrohungen an einen unbekannten Ort zurückgezogen hat. Eine in seinem Schulzimmer befindliche Karikatur des Künstlers Joep Bertrams sorgte bei muslimischen Schülerinnen für Unmut, der schnell zur Grundlage einer Eskalation ausartete.

Den Anlass zu dem Konflikt stellte ein Gedenken an den ermordeten französischen Dozenten Samuel Paty dar, der im letzten Monat durch einen Islamisten enthauptet wurde, nachdem er in einer Unterrichtsstunde Karikaturen des Propheten Mohammed als Ausdruck der Meinungsäußerung gezeigt hatte. Das niederländische Kabinett rief landesweit Schulen dazu auf, mit einer Schweigeminute die gemeinsame Trauer auszudrücken.

Nach der zunächst ruhig verlaufenen Durchführung dieses Prozederes an der weiterführenden Schule, dessen Niveau mit einem deutschen Gymnasium vergleichbar ist, stürmten mehrere muslimische Mädchen in den Klassenraum der für ihren philosophischen Einschlag bekannten Lehrkraft und forderten die Abnahme des Bilds. Auf diesem ist ein Dschihadist abgebildet, dem sein gerade enthauptetes Opfer in einem Charlie Hebdo-T-Shirt die Zunge entgegenstreckt. Die Illustration hing nach Informationen des NRC Handelsblad bereits etwa fünf Jahre an einer Pinnwand neben anderen Abbildungen, - von unter anderem Sokrates und Anne Frank - die immer wieder als Unterrichtsmaterial eingesetzt wurden.

Die Jugendlichen begründeten ihre Entrüstung auf der Basis der Behauptung, dass die Karikatur eine „Gotteslästerung“ verkörpere. Obwohl der Lehrer probierte, zu erklären, dass es sich nicht um den Propheten Mohammed, sondern um einen radikalen Islamisten handele und mehrere Lehrkräfte zur Beschwichtigung dazukamen, konnten die Schülerinnen nicht beruhigt werden. Am Ende wurde das Bild abgehängt.

Damit nicht genug, verlagerte sich die Diskussion anschließend in die sozialen Medien. Über die Netzwerke Facebook und Instagram äußerten bisher unbekannte Personen strafrechtlich relevante Bedrohungen. Die Polizei leitete deshalb eine intensive Suche nach den Tätern ein, auch und vor allem weil sie die Vorgänge eigenen Angaben zufolge „äußerst ernst“ nehme. Neben dem untergetauchten Lehrer betonten auch dessen Kollegen, sich nicht mehr sicher zu fühlen.

Paul Rosenmöller, Vorsitzender der Vereinigung weiterführender Schulen, bezeichnete den Fall als schreckliches Vorkommnis, betonte aber zugleich, dass dieses in den Niederlanden nicht den Regelfall abbilde. Er finde es wichtig, dass „wir hinter den Lehrern standhaft bleiben, die diese schwierigen Themen mit den Schülern besprechen.“ Unterstützung erhielt er mit dieser Meinung nicht nur durch Schulminister Slob (CU), sondern auch von verschiedenen Mitgliedern der Zweiten Kammer. Diese bezeichneten den Hergang der Geschehnisse als „unakzeptabel“, kritisierten die Schüler, die dazu beitrugen und traten für den Schutz von Lehrkräften ein.