GESELLSCHAFT: NOS resigniert – zunehmende Aggression gegenüber Journalisten in den Niederlanden

Den Haag, SW/NOS/NRC, 22. Oktober 2020

Der öffentliche-rechtliche Rundfunk in den Niederlanden reagierte in der vergangenen Woche mit einem alarmierenden Schritt auf die wiederholt stattfindenden Bedrohungen und Attacken auf seine Journalisten. Die Dienstfahrzeuge der NOS werden in Zukunft zum Eigenschutz ohne ihr charakteristisches Logo zum Einsatz kommen. Ein Weckruf vor dem Hintergrund der stetig steigenden Gewalt gegen niederländische Medien.

Ein „Angriff auf die Pressefreiheit“ nennt NOS-Chefredakteur Marcel Gelauff jene Vorkommnisse, die sich in aller Regelmäßigkeit gegen seine Mitarbeiter richteten. Mittlerweile gehöre es zum Alltag, Beschimpfungen ausgesetzt zu sein und ins Kreuzfeuer aufgebrachter Bürger zu geraten. Dabei dienten die Satellitenwagen des Rundfunks zuweilen als Zielscheibe für Abfall, es käme aber auch vor, dass man ihnen den Weg abschneide oder sie blockiere, auf sie einschlage oder an sie uriniere.

Neben dem Sachschaden ginge es aber vor allem auch um die Psyche der Journalisten. „Die Angst, dass einem etwas zustößt oder angetan wird“, spiele jederzeit mit, so Gelauff. Die Belästigungen seien insbesondere bei Demonstrationen spürbar, jedoch träten sie auch in Stadtvierteln und an anderen Plätzen auf, bestätigt Peter ter Velde von Persveilig.de – eine Initiative des Journalistenverbunds (NVJ), des zuständigen Ministeriums und der Polizei, um Aggressionen gegen Medien einzudämmen. Seine Organisation bekäme wöchentlich etwa zwei Beschwerden von Mitgliedern der Berufsgruppe, besonders betroffen seien allerdings, aufgrund ihrer guten Erkennbarkeit, Fotografen und Kamerateams.

Der veränderte gesellschaftliche Umgang mit Journalisten ist der Nationalen Koordinierungsstelle für Terrorismusbekämpfung und Sicherheit (NCTV) nicht verborgen geblieben. In dem drei Mal im Jahr erscheinenden Bedrohungsbild wurde erstmals die Situation der Berichterstatter erwähnt. Demnach gehe von Regierungsgegnern ein teils „radikales Verhalten“ aus, das sich schließlich oft beim „Staatsrundfunk“ entlade. „Menschen, die der Regierung, Wissenschaft und den traditionellen Medien schon länger nicht vertrauen, können ihre Denkmuster in Verschwörungstheorien, Falschinformationen und Desinformationen bestätigt sehen“, so der staatliche Dienst. Die Bauernproteste und Kundgebungen von Gegnern der Anti-Corona-Maßnahmen werden in dem Bericht exemplarisch für die Eskalationen gegenüber dem nachrichtenschaffenden Sektor genannt. Dass der Umgangston in den Niederlanden grundsätzlich zunehmend rauer wird, ist zuvor bereits auch an den Belästigungen gegenüber Politikern und deren öffentlichen Stellungnahmen deutlich geworden.

Der NCTV nennt zwei Faktoren, die die besorgniserregende Entwicklung anfeuerten. Einerseits würde mittels sozialen Medien die Schwelle für extremistisches Verhalten herabgesetzt werden und andererseits hätten auch niederländische Politiker des rechtspopulistischen Spektrums ihren Anteil, indem sie Misstrauen säten. Thomas Breuning, Sekretär des NVJ, weist ebenfalls auf die Aussagen von Parteien wie dem FvD und der PVV: „Dies befördert diese Art von Verhalten gegenüber Journalisten.“ Arie Slob (CU), Minister für Medien, stärkte der NOS und der gesamten Branche hingegen den Rücken: „Wir leben in einer Demokratie, in der die freie Presse sehr wichtig ist.“ Er gab zu verstehen, dass er die Lage sehr ernst nehme, sich schon länger in Gesprächen mit Journalisten befände und wenn nötig, die Ausübung ihrer Arbeit durch besonderen Schutz sicherstellen lasse.