GESELLSCHAFT: Diskussion um singende Fußballfans

Den Haag, SW/NOS/NRC/Trouw, 22. September 2020

Am Wochenende kam es bei Begegnungen der Eredivisie, der höchsten niederländischen Fußballliga, in einigen Stadien zu Verstößen der wieder begrenzt erlaubten Zuschauermenge gegen Corona-Regeln. Die Folge ist eine nun aufgebrandete Diskussion über den richtigen Umgang mit den Fans, aber auch über die Durchsetzbarkeit einiger Verbote.

Eingefleischte Stadionbesucher werden dieser Tage mit einer ungekannten und harten Realität konfrontiert. In den Niederlanden sind nämlich die elementaren Bestandteile des Mitfieberns, den Emotionen durch Singen und Jubeln freien Lauf lassen, nicht mit der Abgabe von Lauten erlaubt, um eine Verbreitung des Corona-Virus über Aerosole im Zaum zu halten.

Den Anhängern von Feyenoord Rotterdam gelang die Einhaltung des neuen Verhaltenskodex während des letzten Spieltags am wenigsten. Hier, in der Spielstätte De Kuip, waren mehrmals Gesänge zu vernehmen und zu geringe Abstände zu beobachten. Bei anderen Ligaduellen bot sich ein ähnliches Bild.
Angesprochen auf die Ereignisse, konnte Ministerpräsident Mark Rutte vor dem Hintergrund der ansteigenden Corona-Fälle gestern kein Verständnis für das Verhalten aufbringen: „Das ist einfach sehr dumm. […]. So bekommen wir das Virus nicht unter Kontrolle.“ Auf die Frage eines Journalisten, ob es überhaupt möglich wäre, Fußballbegeisterte zu maßregeln, wurde Rutte schließlich ungewohnt deutlich: „Ja, einfach die Klappe halten, wenn man dort sitzt. Das Spiel schauen und nicht schreien. Das ist zu tun.“

Der Bürgermeister von Breda, Paul Depla, reagierte auf die Äußerungen des Ministerpräsidenten, der seine Ausdrucksweise später noch relativierte, mit Kritik: „Man weiß doch, wie emotional es in so einem Stadion ist. Wenn dein Fußballclub in der letzten Sekunde ein Tor erzielt, natürlich findet dann eine Entladung statt und äußern Fans ihre Freude. Wenn die Dinge tatsächlich zu stark aus dem Ruder laufen, dann nimmt man das Gespräch auf. Man sollte aber nicht das Gespräch mit „Halt deine Klappe“ beginnen, das hilft nicht, Unterstützung bei den Anhängern zu generieren.“

Depla ist Mitglied der Gruppe Voetbal en Veiligheid (dt. Fußball und Sicherheit), worin unter anderem Vertreter der Politik, der Vereine, der Polizei und des niederländischen Fußballverbandes sitzen. Mitte August erstellte man dort zusammen einen Plan, welche Maßnahmen bei Regelverstößen greifen sollen. Danach könnte der einzelne Stadionbesucher durch Ordner ermahnt und der Tribüne verwiesen oder der Stadionsprecher eingeschaltet werden. Als weitere Konsequenz könnten Teilschließungen oder Geisterspiele die Folge sein.

Die Bürgermeister der Erstligavereine hatten diesbezüglich bereits vor einiger Zeit ihre Bedenken veröffentlicht. Insbesondere die Frage, wie das Jubeln und Singen unterbunden und die Verordnung des Kabinetts damit umgesetzt werden solle, schien unbeantwortet. „Man kann Jubeln bei einem Tor nicht verbieten“, sagt Depla.

Feyenoord hat derweil mit einer Aufarbeitung der Vorkommnisse vom Sonntag begonnen und angekündigt, noch mehr Ordner bei den nächsten Heimspielen einzusetzen. Die Erhöhung des Sicherheitspersonals resultiert aus einem Brief des Rotterdamer Bürgermeisters Ahmed Aboutaleb, in dem er die Wahrung des Abstands fordert. Daneben warnte er, dass er sich bei Wiederholung weitere Schritte, wie einen Zuschauerausschluss, vorbehalte.