POLITIK: Kabinett verkürzt Quarantäne auf 10 Tage

Den Haag, SW/NOS/VK, 19. August 2020

Als Reaktion auf die steigenden Corona-Zahlen in den Niederlanden hat die Regierung um Ministerpräsident Mark Rutte neue Maßnahmen getroffen. Diese umfassen sowohl dringende Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung als auch eine verkürzte Quarantänedauer. Im aktuell stark betroffenen Amsterdam müssen Touristen, trotz neuer regionaler Beschränkungen, zunächst keine Folgen befürchten.

Es dürfte allmählich bis zu den Uneinsichtigen und Unbelehrbaren vorgedrungen sein, dass sich nach der Phase der Entspannung, die auf die erste Virus-Welle im Frühjahr folgte, eine neue ernstzunehmende Lage zu kreieren scheint – zumindest wenn man den Äußerungen des niederländischen Kabinetts Glauben schenkt. „Ich falle mal mit der Tür ins Haus: Es steht nicht gut um die Entwicklungen rund um das Coronavirus in unserem Land“, stellte Rutte so auch unmissverständlich in der Eröffnung seiner gestrigen Pressekonferenz dar.

Vor allem in der Privatsphäre, also dort, wo unter Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen kein Abstand gehalten werde, verbreite sich das Virus schnell. Deshalb sprach die Regierung auch eine „sehr, sehr dringende Empfehlung“ an die Bürger aus, die sich auf Zusammenkünfte im Privatbereich bezieht. So sollten sich nur noch maximal sechs Personen in einem Haushalt versammeln, ausgenommen Kinder unter zwölf Jahren, wobei der Abstand auch bei begrenzter Anzahl weiterhin gewahrt bleiben müsse. Größere Versammlungen seien in Restaurants oder Cafés zu verschieben, wo mehr Platz zur Verfügung stünde. Es handele sich hierbei jedoch „nur“ um eine Empfehlung, da ein Verbot unweigerlich Kontrollen nach sich ziehen würde, die schwer zu handhaben seien: „Was man nicht möchte, ist eine Art Corona-Polizei, die hinter der Tür gucken kommt, wie viele Menschen man zu Besuch hat“, so Rutte.

Die Empfehlung an alle Niederländer, so viel wie möglich von daheim aus zu arbeiten, bleibt auch über den ersten September hinaus bestehen, an dem eine Lockerung dessen im Raum stand. „Die Zahlen geben da keinen Anlass zu“, erklärte der Ministerpräsident – zumal die Telearbeit einer der effektivsten Maßnahmen sei. Nichtsdestotrotz geht die Schule zunächst in vollem und gewöhnlichem Umfang wieder los. Eine Maskenpflicht kommt auch hier weiterhin nicht zur Anwendung, wenn auch verschiedene Schulen in den Niederlanden nun eigenmächtig den Mundschutz zur neuen Regel erklärt haben.

Einem Rat des Outbreak Management Teams (OMT; regierungsberatendes Gremium in Sachfragen zur Pandemie) folgend, wird die Dauer der Quarantäne von 14 auf 10 Tage verkürzt. Dies könne laut den Experten damit gerechtfertigt werden, dass nur bei wenigen Infizierten nach den ersten 10 Tagen das Virus noch ausbrechen würde und eine kürzere Dauer in der Selbstisolation eine höhere Akzeptanz und Bereitschaft erzeugen könne. Nach wie vor gilt die Quarantäne aber faktisch nicht als Pflicht, sondern wird lediglich „dringend empfohlen“. Gesundheitsminister de Jonge will deshalb in den nächsten Wochen die Eckpfeiler einer entsprechenden rechtlichen Grundlage aufstellen. Das OMT befürwortet dies, warnt aber auch, dass dadurch weniger Personen bereit sein könnten, sich testen zu lassen.

Teile der Bevölkerung, wie manche Urlaubsrückkehrer, würden sich laut de Jonge nicht in Quarantäne begeben und nicht testen lassen, dafür aber zur Arbeit gehen oder Freunde treffen. Vor dem Hintergrund der nun 50.000 Infizierten in den Niederlanden erscheint dies höchst fahrlässig, denn: „Jeder der sich infiziert, kann außerordentlich krank werden. Und das sind nicht nur anfällige Gruppen und Ältere. Wir sehen auch Zwanzig, Dreißig- und Vierzigjährige.“

Zu umfassenderen Maßnahmen muss mittlerweile im regionalen Raum von Amsterdam gegriffen werden. 743 Menschen steckten sich dort in sieben Tagen nach dem 10. August mit Covid-19 an. Zu viele, wie die Bürgermeisterin Femke Halsema am gestrigen Abend klarstellte und gleichzeitig eine Reihe von Gegenmaßnahmen einleitete. Für Verwirrung sorgte dabei kurzzeitig eine zunächst ausgesprochene Empfehlung an Touristen, nicht notwendige Besuche zu vermeiden. In einer Fernsehsendung korrigierte Halsema die Aussage mit Blick auf die Hotelbranche, alarmierte jedoch trotzdem dazu, belebte Orte zu umgehen.